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Full text of "Herodoteische Studien II (1883)"

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HERODOTEISCHE STUDIEN 



n. 



VON 



TH. GOMPERZ, 

WIRKL. MITGLIKDE DER KAI8. AKADEMIB DBB W188RN8CHAPTRN. 



WIEN, 1883. 

IN COMMISSION BEI CARL GEROLD'S SOHN 

BUCHHANDLBR DER KAI8. AKADKMIK DER WI88ENSCHAFTBN. 



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Aus dem Jahrgange 1883 der Sitzongsberichte der phil.-hist. Classe der kais. Akademie 
der Wissenschaften (CIII. B., II.'Hft. S. 521) besonders abgedruckt. 



Drnck von Adolf Holzhausen in Wien, 
k. k. Hof- und UiuvenitKtn-Burhdrucker. 



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Ich befiirchte keinen Widerspruch, zum Mindesten keine 
Widerlegung, wenn ich behaupte, dass die Partikel wv I, 144, 
19 in einer Weise gebraucht wird, flir welche weder Herodot 
noch irgend ein anderer Schriftsteller eine ausreichende Parallele 
zu bieten vermag. Kriiger's Verweisung auf I, 69, 22 ist unzu- 
treffend, denn dort wird fiv imconsecutiven Sinne angewendet 
(= apa): ,Ihr steht, wie wir vernehmen, an der Spitze von 
Griechenland ; Euch rufen wir somit an' u. s. w. Auch ruck- 
sichtlich der Annierkung Kriiger's zur letztgenannten Stelle 
,wv nach der Parenthese wie ouv ofter; zu Xen. Anab. I, 5, 14' 
thut eine Unterscheidung Noth. Den eigentlich epanaleptischen 
Gebrauch der Partikel — und diesen hat doch wohl Kriiger im 
Auge, — d. h. die Hervorhebung eines durch Dazwischen- 
getretenes verdunkelten und darum wieder aufgenommenen Be- 
grifFes oder einer aus vorher zerstreuten Einzel-Vorstellungen 
gewonnenen Gesammt-Vorstellung, vermag ich auch nicht in 
all den Stellen der Anabasis, auf welche Rehdantz (zu I, 5, 14) 
verweist, zu erkennen. An der letztgenannten Stelle ist die An- 
wendung von ouv durch den begrundenden Zwischensatz, IV, 
7, 2 durch den temporalen Vordersatz bedingt, VI, 6, 15 
findet sich ouv bereits vor dem Zwischensatz und wird nach 
demselben bios wiederholt; nur DI, 1, 20: tcc o° au twv aTpaxtto- 
Td>v 67cot£ evOujxoiixYjv otc — — tocOV oijv Xoy^6jjl6vo<; gehort 
streng hieher, und hier fehlt auch nicht das Moment, welches 
fur diese Redefigur unerlasslich ist, dass namlich der (gele- 
gentlich durch ouv hervorgehobene) Begriff wieder aufge- 
nommen werde , d. h. also im Vorhergehenden entweder als 

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4 Gomperz. [522] 

solcher oder in seine Bestandtheile aufgelSst bereits einmal 
ausgesprochen sei. 1 Von alle dem ist in unserem Falle keine 
Rede; man schreibe und interpungire daher wie folgt: Die 
Ionier der Zwolf-Stadte halten an ihrem Nationalheiligthum 
(dem Panionion) mit eifersuchtiger Ausschliesslichkeit fest, e(3ou- 
Xeucavro 8e ocutou jxexaSouvat [/.yj catenae a'XXota'. 'I(*>vu>v (ouS' eSe^Giqaav 
Be oMajxot jxeTao/etv 8xt [xyj S^upvawt), Kara zep ol ex. vf\<; icevraic6Xw$ 
vuv y&pr t $ Awptee<;, xpOTepov Be e5ar6Xto<; ty)s outt^ toutyjs x.aXeojJievY)s' 
^uXacaaovrat y^ v l*iQ8a[/.ob^ eaSd^aaSat tuto xepioixcov Awptiwv e$ to 
Tptsrcixbv tp6v, aXXa y.at a<pea)v auT&v tou^ rcept to Ipbv avojxtJuavTa^ 
e^exXtjiaav tyj<; jxeToy w Yj<;. Die Partikel youv wird hier genau so an- 
gewendet wie z. B. bei Thukyd. VI, 59, 3, wo Hertlein (bei 
Kriiger) also erklart: ,Dies — l&sst sich wenigstens daraus 
schliessen, dass' u. s. w. Die in xaTa xep ol — Awptie? liegende 
allgemeine Behauptung wird durch das Folgende zugleich be- 
griindet und ermassigt (von einer ,Ermassigung der vorher- 
gehenden Behauptung' spricht Arnold Hug in einem gleichartigen 
Falle, zu Plato, Sympos. 195 D). Herodot deutet mit kurzen 
Worten das an, was er in ausfuhrlicherer Darlegung etwa also aus- 
gedruckt hatte: Von einem gleichartigen Beschluss der Dorer 
(e^ouXeusavTo) vermag ich freiUch nichts zu melden; dennoch 
vergleiche ich sie in diesem Betracht mit den Ioniern (xaTae xsp), 
weil ihre Handlungsweise eine derartige Gesinnung unzwei- 
deutig bekundet. (Man vergleiche ausserdem, was Baumlein, 
Griech. Partikeln 188 — 189, zusammenstellt, etwa auch Thukyd. 
H, 65, 6; Plato, Sympos. 194E) 

I, 155, 2-3: — jxY)0*e xoXiv ipyjxvrp e$avacrr,<n)s avajJwtpTYjTOv 
eouaav r.a\ tuW icporepov yjx\ t&v vuv eaTe&Twv. Das allerdings un- 
gewohnlich gebrauchte ecTe&Twv , welches man immer und immer 
wieder in evecre&Twv verandern will, wird meines Erachtens 
geniigend geschiitzt durch Sophokl. Trachin. 1271 : toc Se vuv 
eaTWT' — . 

Ein Emblem lasst sich I, 169 mit Sicherheit erkennen, 
weil es nicht nur eine uberflttssige , sondern zugleich eine 

1 Auf solche Falle verweist jetzt mit bestem Fug die Anm. zu I, 69 
in Kriiger's zweiter Ausgabe. Man vergleiche sie mit unserer Stelle 
und der Unterschied kann Niemandem verborgen bleiben (es sind V, 99 ; 
VI, 76) ; theiU folgernd, theils einfach die Erzahlung fortftihrend (= apa) 
ist jedoch wv VII, 137, IX, 26 und 87. 



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[523] Herodoteische Studien II. 5 

false he Erklarung des Gedankens unseres Geschichtschreibers 
enthalt. Von Phok&ern sowohl als Teiern hatte er nicht gesagt, 
dass sie sich in offener Feldschlacht mit dem persischen Er- 
oberer gemessen hatten. Ihre hohere Freiheitsliebe gab sich 
dadurch kund, dass sie lieber die Heimat verliessen, ehe sie 
das Joch der Fremdherrschaft zu tragen sich entschlossen. Man 
lese also: Ouxoi jxev vuv 'Lovwv [Jiouvot xr,v BodXosuvyjv obx ave^6- 
{xevot ^iXtxov xa? xaxp(§a<;* oi 8' aXXot v Iwve<; Bta [tdyrqq \ih dxixovxo 
'ApxocYw [xaxa x£p ol £xXtx<5vx£s] xai avBpe? e^evovTo d-faGo! — , iaao)- 
6£vx£<; Se xal dcXovxe? sfAevov xaxi x^P^ 7 sxaatoi xal xa Ixixaaao^va 
£X£xiX£ov. 

Nicht ganz so streng erweisbar, aber doch in hohem 
Grade wahrscheinlich ist das folgende Emblem: I, 174, 6ff: 
xat Syj xoXXy) x £t P l £*pY<*£cjj(.£vu)v xwv KvtStwv, [/.aXXov yap ^ *<*! 
Oetoxepov eoatvovio xixp(t><7X£a6at [ol epfa^opeyoi] xoo £txcxos xa x£ aXXa 
too <ja>[jt.axo<; — , gxepwcov £<; AeX^obs xxe. Wie Iiberfliissig und 
pedantisch scheint doch der von uns eingeklammerte Zusatz, 
wie ungeschickt seine, das eng Zusammengehorige aus ein- 
ander reissende, Stellung, und wie viel leichter lasst sich ohne 
denselben das zu £X£{/.xov zu* denkende Subject (ol Kv(8toi) aus 
dem Vorangehenden entnehmen! Die Nothwendigkeit von der 
Gesammtheit der Knidier, welche das Orakel zu Delphi beschickt, 
den mit der Durchstechung der Landenge besch&ftigten Theil 
derselben zu unterscheiden, trotzdem es soeben erst hiess: xoXXtj 
X£tpi £pYa^o{jt.£V(i)v twv KvtStwv — wem sonst mochte sie wohl 
einleuchten als einem Schulmeister ? Oder sagen wir lieber: 
als dem Schulmeister, dem wir im Folgenden so oft begegnen 
werden, sofort auch cap. 185 in den Worten : ewotee b*£ api<p6x£pa 
xauxa, [x6v x£ xoxajAbv axoXtbv xal to o'pufjJt.a xav IXo^J, ax; 8 T£ xoxa[/.b<; 
PpaS6x£po<; £iy) — xal ol xXoot Iwat cxoXtol xxe. Wie geschmackvoll 
ist dies doch ausgedrtickt : (Nitokris) machte den Strom krumm, 
damit die Schifffahrt krumm sei ! Und wie sinngemU ss : sie 
machte das opuv^a ganz und gar zu einem Sumpf, als ob sie 
es schon vorgefunden und nicht, wie soeben erz&hlt ward, 
(wpua<j£ gXuxpov XijjLVY)), erst geschaffen hatte ! Allein der entschei- 
dende Beweis fur die Unechtheit des Zusatzes liegt in seiner 
Unwahrheit. Denn von einem Sumpfe ist hier ganz und gar 
nicht die Rede, sondern von einem mit Wasser erfullten Becken, 
dessen Verwandlung in einen Morast mittelst der Zuriick- 

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6 Goraper.2. [524] 

leitung der anf&nglich in ihn gelenkten Wassermassen erst am 
Schluss des n&chsten Capitels erzahlt wird! ! — Derlei, man 
mochte sagen proleptische Embleme werden uns noch mehr- 
fach begegnen. Doch verweilen wir zun&chst noch im wasser- 
reichen Mesopotamien , welches gleich Aegypten nach alien 
Seiten hin von Can&len durchschnitten war, von Can&len, aber 
doch nicht in solche, wie der gegenw&rtige Text uns glauben 
machen will (193, 3 — 5): ^ y<*P Ba(3uXa)viY) x^P*) x * (ja xa ' r * 7ce P *) 
Afywtt'O >caTaT£T{jt.vjrat [s<; Si(*>poxa<;]. Vgl. II, 108 und 109: xa- 
TSTajjive Be xouSe eTvsxa tyjv x^P*) 7 *° PactXeu^ und toutwv yiv 8yj etvexa 
xaxeTix^Yj q AtfuxTos. 2 — Auch die Darstellung der Euphrat- 
Schifffahrt leidet noch an einem kleinen Textesfehler. Von 
dem daselbst bis heute gebr&uchlichen ,auf Schl&uchen schwim- 
menden Strauchgeflechte'' (Puchstein in Berlin. Sitzgsb. 1883, 41) 
heisst es n£mlich (194, 12): — ouxe luptipivYjv awoxpivovxes cuts xpwptjv 
GuvaY0VT6<;, dXX' aaau(8o<; tporcov y.u*XoTSpea TCOiiqaavTes xal *aXa|jt.Y)<; wX^ffavTS? 
?uav totcXoiov, o8t<*> OTfieTat xaxa tov xoTapbv <pepsaOat ? <popT(a)v irX^aavTsg. 
Die Ersetzung des Uberlieferten vollig mtissigen touto (der Vindob. 
hat, um nichts besser, To6Tct<;) durch das in solcher Verbindung 
allein ubliche outu) bedarf keiner Rechtfertigung, wie denn 
angesichts der fortw&hrenden Verwechslung von outo^, ourot, 
c'jtw, touto u. dgl. nur Sinn und Zusammenhang unsere Wahl 
bestimmen konnen. So lese ich II, 28 fin. (diesmal mit SVR) : 
outo<; (statt outw) jjiev M) 6 Ypap.f/.aTiarv2€ *ts. ; II, 156 in. (mit 
Bekker): outo<; (gleichfalls statt outu)) jjiiv vuv 6 vyjo<; y.xs. ; 
III, 138 fin. : ourot Be xp&Tot e* tyj<; 'Aa(rjs e^ r^jv *EXXa§a cbuxovTO 
Ilepaai, xal o&tw (statt outoi), 8ta xoiovSe icpifrfAa, xaTaotorcoc eY^ V0VT0 5 



1 Woher weiss iibrigens Stein, dass diese ,grossen Strom- und Canal bauten' 
nur zu Zwecken der Flussregulirung und der Bodenbewasserung, nicht 
aber, wie Herodot behauptet, auch zu Befestigungszwecken dien- 
ten? Eines Besseren konnte ihn wohl Ritter's Erdkunde, West-Asien, 
B. HI, Abth. 3 belehren. Wie gelahrlich zuni Mindesten dem Heer 
Kaiser Julians nebst der medischen Mauer auch die Canale, die Moraste 
und die kiinstlichen Ueberschwemmungen wurden, ist bekannt genug. 
Und gilt nicht von all' diesen Wasserbauten dasselbe, was Ritter fiber 
die von den Persern im unteren Euphratlauf angelegten Katarakte 
oder Hemmungen bemerkt, dass sie ,zu BewasseruDgszwecken , ebenso 
wie zu denen der Vertheidigung* dienten (a. a. O. S. 34)? 

2 In jedem Betracht unwahrscheinlicher ist die Annahme Krllger's (2. Aufl.), 
dass nur i^-vor Suupu/a; eingeschoben sei. 



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[525] Herodoteische Studien II. 7 

VII, 170 fin. : — dbusOavov tpicyCkioi outoi, auTato Be TapavTiVov out. 
e-yjv dpt6(Ao<;. (An dieser Stelle hat das uberlieferte outw zum 
Mindesten Anstoss erregt und allerlei Vorschlage erzeugt; vgl. 
auch IV, 44 in. : 8^ xpoxo&eiXous SeuTspo^ outo<; TOTajjLwv tcocvtwv 
7cap£y v £iai ; oder VIII, 45: e'0vo<; e6vTe<; outoi Awpr/.bv dxb Kop(v6ou). 
Ebenso wenig bezweifle ich, dass IX, 102, 27 zu schreiben ist: 
Bt<i)ca|;«svot yap xa Y^PP a > outo) (statt outoi) ©epojjievoi eaixeaov dXse^ 
£<; tou<; Ilspaa;. Einige andere Falle sollen spater besprochen 
werden. Fiir die Verwirrung, die in diesem Betracht in den 
Handschriften herrscht, verweise ich noch (ohne jeden An- 
spruch auf Vollstandigkeit) auf I ; 170 fin., wo Schafer, wie auf 
VII, 154 in., wo Stein gebessert hat, gleichwie auf den kriti- 
schen Apparat Gaisford's zu I, 2g), I, Ue), III, 62/), III, 136 
in., IV, 44 h), IV, 86 k), VI, 83 e) } IX, 102&J. 

I, 204, 13 hat die augenscheinlich fehlerhafte Ueber- 
lieferung tou wv By) tcsBiou tou {jievaXou oux, ekoc/iavr t v [/,o?pav jxsTe^ouai ot 
MacGo^ixoa zu verschiedenen Herstellungsversuchen Anlass ge- 
geben, unter denen Stein's fruhefe Aenderung : toutou By) wv ra&iou 
tou \Leyd\o\) wohl der schlechteste, Herold's (jetzt auch von Stein 
angenommene) Schreibung: tou wv Syj xeS(ou toutou tou [asyccXou 
die beste, zum Mindesten eine vollig sprachgemasse ist. Doch 
scheint man nicht beachtet zu haben, dass der Zusatz {jley^Xou 
nicht nur ganz und gar entbehrlich, sondern nach dem unmittel- 
bar Vorangehenden kaum ertraglich ist. Wer pflegt denn eine 
Ebene ,unabsehbar' (%krfioq axetpov e<; arco^tv) und sogleich 
darauf nur einfach ,gross' zu nennen? Dieser Abschwachung 
des Gedankens begegnen wir und erklaren zugleich die Ent- 
stehung des Fehlers, wenn wir annehmen, Herodot habe ge- 
schrieben: tou &v By] iue8(ou toutou oux eXo/ianQv xt£., durch den 
Ausfall eines TOY (in IOYTOYTOY) sei aus dem Pronomen der 
Artikel geworden und dieser habe seinerseits wieder die Ein- 
schiebung des Adjectivs verursacht. 

Zweites Bueh. 

Dort, wo Herodot die Meinung der Ionier, d. h. seines 
Vorgangers Hekataus, der Nil bilde die Grenze zwischen Asien 
und Libyen, ad absurdum flihren will, leidet der Text an einem 
Gebrechen, in Betreff dessen ich immer von Neuem erstaune, 
dass dasselbe nicht langst erkannt und geheilt worden ist. 



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8 Gomperz. [526] 

Der Schluss des Cap. 16 muss n&mlich unweigerlich also lauten: 
rj (nicht ou) y«P ^ & NstXo? ye ecu *ara toutov tov Xcyov 6 tyjv 
'AatYjv oupt^wv tyj<; AtPuYj^* tou AeXxa $e toutou xata to i?b xepipp^- 
yvuTat 6 NetXos, wctte ev T<p ^eta^u 'Agtiyjc *ce *al Ai(36yj; Ytvo'.T , av. 
,Denn es ist ja doch der Nil, der nach dieser Ansicht Asien 
von Libyen scheidet; nun spaltet sich aber der Nil an der 
Spitze des Delta, so dass dieses zwischen Asien und Libyen 
mitten innen zu liegen kame.' (Lange gibt den sinnlosen Text 
ebenso sinnlos wieder, Stein greift zu willkurlicher Umdeutung, 
und Rawlinson, der allein klar zu sehen scheint, fasst den Satz 
als Frage auf , wogegen jedoch die asseverirende Kraft der 
Partikel-Verbindung ou Yap & t entschiedene Einsprache erhebt.) 
Die Schuld der Verderbniss mochte ich nicht dem Zufall bei- 
messen, sondern dem Vorwitz jenes antiken Correctors, dem 
wir unablassig begegnen und der es sich hier beikommen liess, 
die stillschweigend gezogene Conclusion des Historikers (,der 
Nil bildet nicht die Grenze der zwei Erdtheile') in den Ob er- 
satz der hypothetischen Beweisfuhrung hinein zu emendiren. * 
II, 23 : 6 $£ wept too 'Qxeavou \i%zq iq a<pave$ tov [jluGov <£vsvety.a<; 
oux l^ei sX£YX 0V * °u Y°9 ™ va £Y w Y e °^ a worajiibv 'Qxeavbv £6vra, 

"O[AY]p0V 8e YJ TtVa TWV (^ TtOV TlVa?) 7CpOT£pOV YSVO[X£V(i)V TCOtV)T&i)V Soxito 

to ouvojxa £up6vTa £<; tyjv Tcoiiqariv eaevcfocaaSai. Das Verstandniss dieser 
hochwichtigen Satze liegt freilich nicht mehr ganz so sehr im 
Argen wie vor ein paar Jahrzehnten, da Kriiger ikeyy^ov zweifelnd 
durch ,Grund' (mit Lange) oder ,Beweiskraft< wiedergab und Stein 
die Phrase ,ou*. e'x £t s^sf/ov' m ^ ,bietet nicht Grund, Veranlassung 
zur Widerlegung' ubersetzte. Jetzt weiss zum mindesten auch 
Stein aus Thukyd. Ill, 53 (er hatte auch Lysias XII, 31 anfuhren 
konnen; von Babrius 81, 4 sehe ich lieber ab), dass der letzt- 
genannte Satz so viel heisst als ,ist nicht zu widerlegen', besser 
,entzieht sich jeder Widerlegung' ; doch macht weder seine 
noch Rawlinson's Uebertragung und Erklarung der Stelle (oder 
soil ich sagen, der Mangel jeder Erkl&rung?) den Eindruck, 
als ob die ganze Bedeutung derselben bereits ausgeschopft 

1 Das Set des vorangehenden Satzes (welches Stein jedenfalls mit Kriiger 
in ?8et verandem musste) fehlt in der ersten Handschriftenclasse und 
diirfte somit auf Interpolation beruhen. Es hiess vielleicht : Tiraptov 
yap 8>j <j<peas ^poaXoy^eaOai (xp7j[v> Atyujciou to A&xa, e? {l^ti y( eaxt xifc 

\Aatys {JL7JTE Xffc AtplSTJ^. 



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[527] Herodoteische Studien II 9 

ware. Sollte ich mithin auch Kennern nur das sagen, was sie 
sich selbst schon gesagt haben, so lohnt es doch der Miihe, 
dasselbe — so biindig als die Sache es nur irgend zulasst — 
einmal auszusprechen. — Unter den verschiedenen Versuchen 
die Nilschwelle zu erklaren, behandelt Herodot keinen mit so 
wegwerfender Greringschatzung als jenen des Hekataus. Er gilt 
ihm als eine jener zwei Erklarungen, die er kaum einer Er- 
wahnung werth erachtet (ouB' dei;t<3 fJ.VY)a6t)vat e! jxtj oaov oYj^vat 
pouXcfxsvo; [jlouvcv), und zwar ,als die unverstandigere von beiden, 
wenn sie gleich wunderbarer klingen mag'. , Wenn er nun 
bier von diesem Erklarungsversuche sagt: , Jener aber, der den 
Okeanos herbeizieht und so die Sache auf das Gebiet des Un- 
ergriindlichen spielt, entzieht sich jeder Widerlegung' — will 
er damit die Frage nach der Richtigkeit dieser Theorie fur 
eine unlSsbare erklaren und seinerseits nur ein bescheidenes 
iiziyjit) aussern? Keineswegs; denn wie stimmte dazu die im 
Vorigen ausgesprochene Missachtung und wie der herbe Spott 
der unmittelbar folgenden Worte : ,Denn ich weiss ja gar nichts 
von einem wirklichen Strome dieses Namens, sondern ich halte 
ihn fur eine Erfindung der Dichter'? Vielmehr kann er gar 
nichts Anderes sagen wollen als dieses: eine Hypothese, die 
sich so ganzlich aus dem Bereich des Wahrnehmbaren und 
Sinnfalligen entfernt, dass sie der Widerlegung nicht einmal . 
eine Handhabe bietet, ist eben dadurch gerichtet. Sein oux, lyzi 
IXsyxov (welches wohl verdient hatte ein gefliigeltes Wort zu 
werden) ist ein unbedingtes Verdammungsurtheil. Er verlangt 
von einer Hypothese, damit sie der Beachtung werth, oder ? reden 
wir immerhin unsere Sprache, damit sie wissenschaftlich berech- 
tigt sei, dass sie im letzten Grunde erweisbar, dass ihr Object 
(um mit Newton zu sprechen) eine vera causa sei. Er steht 

1 Nur dies kann der Sinn der allgemein missverstandenen Worte sein: 
av£7ciaT7){jLOV£aT^p7] p.e'v — Xoyto 8 e sinew 0<ou(jLaaicoTSp7). Letzteres ist gleich 
einem axouaat 81 Ocou^aataycepi), etwa wie Pindar Pyth. I, 50 von einem 
xipOL$ 8au{j.aaiov 7tpoato*ea8ai , 0au{j.a 8e xat 7iapedvTwv axouaai spricht. Die 
Wirkung auf den niichtern priifenden Vers tan d und jene auf die Phan- 
tasie werden einander schroff gegenilber gestellt. Ein abschwachendes Xo'yto 
E?rceTv = a>$ Xoyto etaetv ist nicht am Platze und der Gegensatz von piv 
und %i wird von dieser, der gangbaren Auffassung ignorirt. Stein's Er- 
klarung in der vierten Auf lage seiner commentirten Ausgabe nahert sich 
dieser Auffassung der Stelle, ohne jedoch mit ihr zusammenzufallen, 



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10 Gomperz. [528] 

diesmal auf rein positivem, wir batten fast gesagt auf positi- 
vistischem Boden. Zu dem schneidenden Holm, mit welchem 
er hier die Flucht des wissenschaftlichen Erkl&rers in das 
Wolkenreich des <xo<xvi<; oder a&qXov behandelt, passt gar wohl 
die helle Lache, die er ein andermal gegenuber diesen und 
ahnlichen Willkiir-Erfindungen aufschlagt (,Ich muss lachen, 
wenn ich sehe, . . . wie sie den Okeanos rings urn die Erde 
fliessen lassen und diese kreisrund machen, als ob sie von der 
Drechselbank kame/ IV, 36). Sein Standpunkt ist dies eine 
Mai, wo die Rivalitat mit seinem Vorganger seinen Witz scharft, 
der des streng wissenschaftlichen Forschers, den eine nicht 
auszufullende Kluft von dem Dichter, von dem Erfinder schein- 
barer und gefalliger Fictionen scheidet. x Wie hatte er vor 
den Consequenzen seiner eigenen Denkart zuriickgeschaudert, 
ware ihm der voile Umfang derselben zum Bewusstsein ge- 
kommen; wie schwer hatte er sich andererseits gekrankt geflihlt, 
hatte er es ahnen k(5nnen, dass ihn die Nachwelt nicht glimpf- 
licher behandeln wiirde, als er selbst hier seinen Vorlaufer be- 
handelt : man denke an die offen oder verhiillt ausgesprochenen 
Urtheile des Ktesias, des Thukydides, 2 des Aristoteles, des 



1 In ahnlicher Weise verweist Hippokrates (de prise, med. cap. 20) die Lehren 
des Empedokles und Anderer iiber die Entstehung des Menschen u. dgl. 
aus dem Reich der Naturwissenschaft in jenes — der schtmen Kiinste 
(?jaaov vo[x(^w xfj fytpixrj ts'/vt) Ttpoanjxetv ^ rrj ypacpixrj). 

2 Geradezu tragisch — oder soil ich sagen wie die Siihnung einer tragi- 
schen Schuld ? — beriihrt es mich, wenn ich bei diesem auf Herodot bezug- 
liche Aeusserungen lese, wie sie das zwanzigste und einundzwanzigste 
Capitel des ersten Buches enthalten: 001035 ataXafatopos tot? ttoXXois ^ 
£7JT7)ai$ Tffc aXr)0e(a$ xai eVi ta iTotjia [xaXXov xpercovTat (man denkt an 
Baco's ,ex iis quae praesto sunt!*) und oUts w^ 7coirjTai fcpiixaai . . . 
Ijci ro |xetsov xoa(j.ouvt£$ (vgl. unser Xo'yto 8e efrcelv SaujxaaicoTe'- 
prj!) . . . oure a>; Xoyofpdtfot {•uve'Oeffav iiz\ to npoaaiyo) yo'tepov 
xfj axpoaast ^ aXijOeVuEpov, ovta ave^Aeyxia!! Thukydides ist eben 
nicht minder darauf erpicht, dem Herodot etwas am Zeuge zu flicken, er 
ist ebenso tadelsiichtig und — offen gesagt — ebenso unbillig gegen 
seinen Vorganger wie dieser gegen Hekataus. Daher die zahlreichen 
malititfsen Anspielungen, auf deren Verstandniss er iibrigens nur dann 
rechnen konnte,* wenn das Werk des Vaters der Geschichte sich noch 
in alien Handen befand — ein Sachverhalt, der mir von Kirchhoff (mit 
aller Ehrerbietung vor dem hervorragenden Forscher sei es gesagt) 
keineswegs nach Gebiihr gewiirdigt scheint (Abfassungszeit u. s. w. S. 9) 



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[529] Herodoteische Studien II. 11 

Strabo oder Diodor! Doch dem sei wie ihm wolle; Herodot 
ist schwerlich der erste und wahrlich nicht der letzte Denker, 
der einen methodischen Grundsatz ausspricht, zu dessen rtick- 
haltsloser Durchfuhrung er noch keineswegs vorbereitet ist; auch 
von ihm gilt Deg^rando's tiefsinniges Wort, man gehe den 
alten Philosophen gegeniiber nie sicherer fehl ,qu 7 en leur pretant 
les consequences de leurs principes ou les principes de leurs 
consequences.' — Allein irren wir nicht, .begehen wir nicht 
einen groben Anachronismus, wenn wir unserem Historiker auch 
nur als gelegentlichen Lichtblick eine Ansicht iiber die Berech- 
tigung wissenscbaftlicher Hypothesen zutrauen, die nahezu iden- 
tisch ist mit der Lehre eines Comte oder eines Mill: eine 
Hypothese (die mehr sein will als eine vorlaufige Hilfe unseres 
Vorstellungsvermogens) muss in letzter tnstanz der Verification 
zug&nglich sein ? Konnte er etwas von dem Unterschied ,leerer' 
und mtissiger Hypothesen, d. h. derartiger, die ihrer Natur nach 
ewig unbeweisbar bleiben mtissen, und solcher wissen, von denen 
dies nicht gilt? Statt unser moge sein grosser Zeitgenosse 
Hippokrates antworten, der diese Lehre nicht etwa nur 
ahnungsweise und in rudiment&rer Gestalt, sondern mit voller 
Klarheit und in ihrem ganzen Umfange kannte und aussprach. 
Dort namlich, wo der Vater der Medicin gegen die natur-philo • 
sophischen Theorien seiner Zeit zu Felde zieht und es so bitter 
beklagt, dass man sich ihrer auch in Betreff der Heilkunst 
bediene, einer wirklichen und nicht bios einer Schein-Kunst, 
deren erspriesslicher Betrieb fur das Wohl und Wehe der Men- 
schen von so unaussprechlicher Bedeutung sei (afx<pt tiyrrfi £o6ar)<;, 
fj Xpeovxai xe rcdvT£<; km toTgc [L^iczoiai y.tL), an dieser hochwichtigen 
Stelle des Buches ,von der alten Medicin ' f&hrt er wie folgt fort 
(I, 572 Littr^ — die geringen Abweichungen meines Textes 
von demjenigen Littr^s und Ermerins , bedlirfen Jkaum einer 
Rechtfertigung) : Atb oby. r^iouv lywys keivyjs auiY;v u7vo6£ato<; BsTaSat, 
warcep Ta a<pav£a T£ *al a7uop£6{j(.£va * wept wv ava-pcq, yjv xiq eictxeipeip 
"kiyeW, uxoQdai xP^ ea ^ at 5 °* ov X£ P* T ^ v P^e&pwv 9\ twv kb yfy' ' 5 ei 
ti$ \iyoi *&i Yiv&crKot u><; 2x £ S °^ T£ <*v butw ™ X£yovTt oui£ 
town axououat 39jXa <2v £U) £rce aX'/j6£a sort efte itf ' ou ykp lort 
%poq 3 it XP*3 £^av£V^Y>tavTa st&ivat to <say£<;. Eine wunderbare, 
von sonnenheller Geistesklarheit durchleuchtete Aeusserung, 
deren Werth es wenig mindert, dass ihr Urheber ganz so wie 



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12 Gomperz. [530] 

sein intellectueller Zwillingsbruder Sokrates zeitweilige Erkennt- 
nissgrenzen mit ewigen verwechselt (indem er die nexewpa fur 
a§Y)Xa schlechtweg hielt, w&hrend es doch nur Tzpbq *aipov aSrjXa 
waren!) und die bei Lichte besehen nur die Entfaltung ernes 
Keimes ist, welchen schon der unsterbliche Begriinder aller 
skeptischen Denkrichtungen , Xenophanes von Kolophon, ge- 
pflanzt hatte, indem er ausrief : 

xa! to {/.ev oSv'aa^es ou tiq dcv^jp Yevex' ou8e ti<; Ivzoli 
eiSa^ d[x<pl OeaW xe xai Sicca asyo) xspt xavxtov • 
e? yap *<*! t« {xaXiaxa Tu^ot xexeXeapievov eixo)v 7 
au?b<; ojjLtts oux. oT8e, 86xo; 8' ex! xacrt TeiuxTat. 

Man darf wahrscheinlich eine ganz directe Filiation der Ideen 
annehmen und vermuthen, dass diese Verse (bei deren Auslegung 
Sextus Empir. 200,53 Bk. ajjupl 6ewv xxs. ganz richtig durch uxoSetY- 
[aotixw; xept Ttvo; twv aS^Xwv wiedergibt) Hippokrates wohlbekannt 
und seinem Geiste gegenw£rtig waren, als er jene bedeutungs- 
vollen Satze niederschrieb. Doch es ist Zeit inne zu halten, so ver- 
lockend es auch ware, andere Ankl&nge an das herodoteische 
Dictum und insbesondere Nachklange desselben zu verfolgen. l 



1 Als ein solcher darf vielleicht wegen des ahnlichen Zusammenhanges, in 
dem sie auftaucht, die nachstehende Aeusserung Dio dor's gelten (I, cap. 
40): xuW 8' iv M^cpEi tivH (piXoao^cov ErcE^prjaav ahiav ^pstv xifc rcXijpwaEcos 
avs^XeYxiov (xaXXov ?j rci8av>jv, und weiter unten : xa8oXou {jlev yap 
aveS^XeYxtov obco^paaiv E?a7)yo6|AEvoi . . . 8ia9Eui;Ea8ai xou$ axpip£% 
IXs'y^ou; vo(J.{£ou(jr 8(xatov 8k too; mp\ Ttvtov 8ia(3Epaioufi£vou; ?j xrjv iv- 
apyEiav rcapfi/EaSat ^ xa; onzohtl%tn Xa{jLJ3av£iv £1* apx,T)S auYXE^wpTj- 
jjivas (1. auYXE^topijfifi'vr)^. Zum Gedanken und Ausdruck vgl. Galen VI, 
836K.: Xrprclov 8yj xavxocu8oc oixoXoyou^vtjv ap^ijv, oder Proclus comment, in 
Euclid, p. 58 Basil: (jiOoSot 8e . . . 7wcpa8e'8ovxai, xaXXfax*) {jlev ^ . . . eV 
ap/^v 6(jloXoyou[A£'v7)v avayouffa to £tjxoiSja£Vov, oder Hip parch, ap. Stra- 
bon. 11,89 = I, 117 — 118 Mein.: — obeb {jltJ (juy^topoop.fi'voo Mh-{a«tos 
xaiaax£ua^o(j.£Vov. Desgleichen Aristotel. de gener. anim. II. 8 (747 b, 5) : 
— oW* oXo>; ix Y^wp{[xa>v koio\S[jl£vo5 xa$ olpx&s oder Diocles Caryst. ap. 
Galen. VI, 456 K. : — 8ta[i.apxavou<jiv ev(ox£, oxav ayvooti^Eva xai [irj 6{jloXo- 
yoij{jL£va xai cbc(8ava Xap.pdevovx£s txavw; ofaovxat XfiyEtv xtJv a?xfav. Einige 
Zeilen weiter ist zu schreiben: oxav [l{KXt\ nap a, xouxo [statt 7cept xoixou] 
yvu>pt[xc6x£pov ?i jciaxo'xEpov ysvs'aSai xb XEyo'jAEvov. Vgl. auch Aristoxenos, 
Die harmon. Fragmente (S. 46 fin. Marquardt): ^«js?s 8' apy&i xe 7C£tp(i[X£8a 
Xa^Etv 9aivo[x£'va$ obcaaa; (1. owiaat) xoi; ifjiKEtpoi? [xouaixffc xat xa ex xouxwv 
dupPafvovxa cfowSfiixvuvai. Ein schwerlich ganz zufalliger Anklang be- 
gegnet uns bei Antiphon, Fragm. X. Blass. — Zur Beleuchtung der 



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[531] Herodoteische Studien II. 13 

Nicht ohne gewaltiges Staunen wird man (cap. 25) aus 
Stein's Ausgaben und Uebersetzung die wundersame Mahr ent- 
nehmen, dass in Ober-Libyen das ganze Jahr hindurch ,die 
kalten Winde biased; und das soil Herodot in demselben 
Satze berichten, in welchem er von dem dort nie getriibten 
Sonnenschein und der daselbst best&ndig herrschenden Hitze 
spricht; ja die kalten Winde sollen in dem Lande des ewigen 
Sommers (cap. 26) dazu beitragen, dass die Sonne dort das 
ganze Jahr hindurch das bewirke, was sie anderswo nur zur 
Sommerszeit bewirkt: ofoe Side rcovibs tou /p6vou a?6p(ou ts £6vto<; 
too TQ£po<; tou *ara xaura Ta x^P 1 '* 2 * at iXesiv^? Tr)<; y&pviq iouaiqq xal 
&v£fj.iov ^u^paiv, 5t£$io)v wotiei otov xep xal to Hpoq id)8s£ rcoiietv 
t(i)v to [xeaov tou oupavou* §X%ei yap irc' swutov to uSwp xt£. Der Un- 
sinn dieser Textes-Ueberlieferung nftthigt uns zu der Annahme, 
dass im Archetypus einige Worte (vielleicht eine Zeile) aus- 
gefallen sind und die fragliche Stelle ungeftthr so zu schreiben 
ist : xat avijjiwv (ouSajjia i7cex^ VT(0V ) <Wxpa>v — • (Die analoge Schrei- 
bung des Sancroftianus und des Parisinus 1634 : oux, o'vtwv oder 



Tragweite des Herodoteischen Ausspruchs und der Geistesverfassung, aus 
der er hervorgegangen, mtfgen schliesslich ein paar moderne Parallelen 
dienen: ,Auch hatte wohl durch ein leichtes vergleichendes Experiment 
constatirt werden kflnnen, dass in den Raum wirklich verdiinnter Luft 
nicht nur Eisen, sondern auch andere Ktfrper hineingetrieben werden; 
allein gerade der Umstand, dass man solche Einwande er- 
heben kann, zeigt, dass der Erklarungsversuch einen frucht- 
baren Bo den betritt, wahrend mit der Annahme verborgener Krafte, 
specifischer Sympathien und ahnlichen Auskunftsmitteln gleich alles 
weitere Nachdenken niedergeschlagen wird 4 (Lange, Geschichte des 
Materialismus 1 2 , 122). — ,Chercher ce fait' (das Uebernatiirliche) ,avant 
la creation de Thomme; pour se dispenser de constater des miracles 
historiques fuir au dela de l'histoire, a des epoques ou toute const a- 
tation est impossible; e'est se r^fugier derriere le nuage, 
e'est prouver une chose obscure par une autre plus obscure, 
contester une loi connue a cause d'un fait que nous ne connaissons pas* 
(Re nan, Les Apotres p. XL VII). — ,But Mr. Casaubon's theory' (von 
einer Ur-Offenbarung) ,was not likely to bruise itself unawares 
against discoveries: it floated among flexible conjectures ... it 
was a method of interpretation which was not tested by the neces- 
sity of forming anything which had sharper collisions than an 
elaborate notion of Gog and Magog: it was as free from interruption as 
a plan for threading the stars together' (George Eliot, Middlemarch III, 
92—93 (Tauchn. edit.). 



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14 Gomperz. [532] 

iovTwv av£(xo)v 4^XP^ V statt xal avejxwv ^u/pwv besitzt zwar keinerlei 
Autorit&t, da sie auch dem Vindobonensis und, wie es scheint, 
dem Vaticanus fremd ist; doch h&tte die sinngem&sse, wenn- 
gleich allzu gewaltsame Conjectur, der die neueren Herausgeber 
und Uebersetzer (etwa von Lange abgesehen, der die Worte 
einfach ausl&sst!) einmuthig gefolgt sind, wohl eine Erw&hnung 
verdient. Stein's tiefes Stillschweigen muss den Leser zu der An- 
nahme verleiten, der traditionelle Widersinn sei allezeit gl&ubig 
hingenommen worden. 

Wie hier, so hat Herr Stein auch in seiner Behandlung 
von cap. 33 fin. das Kind mit dem Bade verschiittet. Dort heisst 
es: TsXeuia $£ 6 v Icrpo^ kq OdXaaaav pewv tyjv tcu Eu!;e{vou xovtou 8 toe 
TcoecYj^ Eupo)7wr^ ? tyj 'Icrpfyv ol MiXyjguov oixiouat dncscxoi. Valckenaer 
wies darauf hin, dass die durchschossenen Worte den ,eben- 
massigen Fluss der herodoteischen Rede' storend unterbrechen, 
und er fand sie um so anstossiger, da ja wenige Zeilen vorher 
mit (jtiar,v c)r{£<i)v tyjv EupwmQv genau dasselbe gesagt sei. Die Be- 
merkung war nur halb wahr, denn die Wortverbindung tsXsutoc 
— pewv ist um nichts auffalliger und sicherlich eben so echt wie 
das gleichartige apxexat pewv cap. 22 fin. Im Uebrigen hat es 
mit der (von Stein in Bausch und Bogen verworfenen) Athetese 
gewiss seine voile Richtigkeit. Die erste Handhabe zur Inter- 
polation bot das missverstandene und darum als bezuglos er- 
achtete ptwv, weiter gefordert hat sie das schulmeisterliche Be- 
streben, den von Herodot vorausgesetzten Parallelismus zwischen 
Donau und Nil (von welch' letzterem im Folgenden gesagt wird: 
Bo*£G) Sta xaaYj^ ty)<; A$6yjs 8te$t6vTa £^taouc:6at xw "laTpcp) auch sprach- 
lich bis zum Aeussersten durchzufuhren. Auch brauchte der 
Interpolator die fraglichen Worte (wenn es wirklich dessen be- 
durfte) nicht erst, wie Valckenaer annahm, aus IV, 49 herbei- 
zuholen, da er sie weit n&her — cap. 56 fin. — in gleicher 
Anwendung vorfand. l 



1 Abicht's Umstellung (teXsutoc 8k 6 "Iaxpo? i$ OaXaaaav ir)v xou Eui*e(vou 
7tovtou ^ewv 8ta TCaoY); EOpcorar);) zerrt das eng Zusammengehtfrende (teXeutoc — 
^tov) auseinander, ohne doch den von Valckenaer richtig empfundenen 
Anstoss zu beheben. — lire ich nicht, so sind auch IX, 51 fin. die Worte 
ix xou KtOaiptovo; aus dem Vorangehenden (o^i^ojxevo; 6 7wora[xb; avwQev ex 
xou KiOatpaWo; frhi xaxa> eg to neSlov) wiederholt und jcepta^^exai ^ouaa 
ebenso zu verstehen wie ap^exai ^&ov und xeXeuxa fewv an den oben 



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[533] Herodoteische Studien II. 15 

Auch von solchen aus naher und nachster Nachbarschaft 
eingeschmuggelten Emblemen ist unser Text noch iiberfullt; 
und es ware unbillig, hier in jedem einzelnen Falle das zu 
verlangen, was sich in vielen Fallen mit einer jeden Zweifel 
ausschliessenden Sicherheit leisten lasst: die Erbringung eines 
strengen Beweises fur die Unmflglichkeit der Ueberlieferung. 
Die Macht der durch eben diese Falle geschaffenen Prae- 
sumtion, der Analogieschluss, in letzter Eeihe auch das 
geubte Sprachgefiihl und das Ohr haben gleichfalls ein Wort 
mitzureden, und gefehlt wird nur — allzu h&ufig! — dadurch ; 
dass diese untergeordneten Factoren sich eine Stellung anmassen, 
die ihnen nicht zukommt. 1 Endlich dlirfen wir auch auf minder 
zwingende Indicien hin eine Mehrheit von Emblemen dort an- 
erkennen , wo die Hand des Interpolators einmal ergriffen 
worden ist. Wer mochte uns z. B. Unrecht geben, wenn wir 
IX, 91 in. also schreiben wollen : u>s 8e xoWoq yjv ai<j<j6[X£vo^ [5 
§6ivoq 6 2ap.to<;], etpexo AeuruxiSr^, efcs yXrfovoq eivcxev OsXwv rcuOeaOai 
elxe ym xara ouvtu/^v [Oeou 7ioteuvTO<;] • ,w i;e?ve 2 at pi 6, ti xot to 
oSvoiia'; 5 8e efce SRyqQitrzpoaocf. 6 §e \)%<xp%d<j<xq tov stciXowcov "koyov, 
eX Tiva &p(Aif]TO Xe^stv b 'HYrjafcrpaxo?, ske* jSexopat tov oiwvbv [tov 
'HYYjatoTparov] , & §etve Salts' — . Das letzte dieser Embleme 
ist bereits von Valckenaer erkannt und als solches erwiesen 



besprochenen Stellen, zu denen sich noch iyju £s'a>v (I, 72, 21), arcixvierat 
££ov (I, 185, 23) und *jxet ^ouoa (II, 127, 5—6) gesellen. Mit aMmlicher 
Ftille des Ausdrucks heisst es II, 182 in. : ave'Grjxe 81 xai avaOnjfxaTa n£\ktyoi$ 
(add. SVR) 6 "Afxaats h t^v e EXX<*8a. 
1 Wie misslich es ist, der Stimme des rhythmischen Gefuhls allein zu 
vertrauen, das mag ein Beispiel zeigen. An der von uns im Obigen 
(S. 165 [27]) so ausffihrlich besprochenen Stelle I, 32 haben Mehler (Mne- 
mos. 1856, p. 66) und Cobet (bei Bahr I, p. X) das Wort avouao; fur 
verdachtig erklart. Nun wtisste ich zwar kein anderes Verdachtsmo- 
ment zu nennen, denn dass dort eine zu der gehobenen Diction der 
Stelle sehr wohl passende Redefttlle, aber keinerlei eigentliche Tauto- 
logie vorliegt, kann unsere Uebertragung derselben lehren; wohl aber 
empfahl sich jener Tilgungsvorschlag mit der sich dann ergebenden Sym- 
metric des Doppelpaares obtrjpos . . . ow:a(% xaxaW, eBreais euetonj; dem Ohre 
ungemein. Wer jedoch von unserer Darlegung iiberzeugt ward, dem 
muss es nicht nur begreiflich, sondern nothwendig scheinen, dass einer 
Mehrzahl negativer Bestimmungen, der die ganze sprachliche Ge- 
staltung des Satzes angepasst ist, nur eine Minderheit von positiven 
gegeniiberstehe : S^po?, avouao$, cwtaO^s xaxaW — ettoais, euetSifc. 



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16 Goraperz. [534] 

worden; nackt zeigen es die HandschrifteD der ersten Classe, 
w&hrend die iibrigen durch Umwandlung des Accusativs in den 
Genetiv es dem Zusammenhang anzupassen suchen. Platterdings 
unmoglich scheinen mir die Worte 6 £e?vo<; 6 Sajxto<; ; denn 
,Fremdling aus Samos' ist als Anrede so passend und tiblich, 
wie unzul&ssig im Mtmde des Erz&hlers. Und da darf man 
denn schliesslich wohl auch fragen, warum in dem Dilemma 
ewe — eire xai durch den Zusatz Osou xoieuvro? die Moglichkeit, 
dass die Frage eine reinzufallige sei, geradezu ausgeschlossen 
werden soil, w&hrend doch der von Herodot gewahlte Ausdruck 
(cuvtuxiy)) eben hierfur die ganz eigentliche Bezeichnung ist (vgl. 
z. B. Ill, 121: sit"* ex xpovoir^ — sits xal vvvtv/Jr, Tt? TOtaunr; 
exeYev£To) , und ihm , ^wollte er von einer gSttlichen Ftigung 
reden, andere und minder plumpe Wendungen, wie Oeirj xuxT) 
Xp£(*>nevo<; (HI, 139) u. dgl. zu Grebote standen. l 

II, 13 spricht Herodot die Befiirchtung aus, die Bewohner 
von Unter-Aegypten und insbesondere des Delta wtirden im 
Laufe der Zeit der Vortheile der Nilschwelle verlustig gehen, 
falls anders ihr Land in demselben Masse wie bisher zu wachsen 
fortfahre. Nur von der Erhflhung des Terrains kann hier 
die Rede sein, nicht von der Zunahme seiner Masse nach der 
Seeseite hin; 2 was soil also neben den allein sinngem&ssen 



1 Man dtlrfte mir entgegnen, dass ftir den frommen Sinn, weleher in jedem 
folgenreicheren Vorgang die Hand der Vorsehung erblickt, die Kate- 
gorie des Zufalls so gut als nicht vorhanden sei. Ganz richtig; aber 
damit ist die Sache nicht abgethan. Denn auf diesem Standpunkte ist 
die Scheidung aller Begebenheiten in jene, die menschlichen Absichten 
entspringen, und in solche, die scheinbar zufallig sind, aber auf gOtt- 
licher Einwirkung beruhen, erst recht unmtfglich. Denn warum sollte 
das glaubige Gemiith dem Walten der Gottheit so enge Grenzen ziehen ? 
Warum sollte diese nicht auch menschliche Plane und Absichten beein- 
nussen und hervorrufen kOnnen? Dass dem Halikarnassier zum Minde- 
sten jede derartige Sonderung fremd ist, dies konnen vielleicht unsere 
Bemerkungen zu VII, 137 darthun helfen. 

2 In der letzten (vierten) Auflage seiner commentirten Ausgabe versucht 
Stein die angezweifelten Worte durch die folgende Erwagung zu recht- 
fertigen: ,Denn sowohl die VergrBsserung als die Erhtfhung des . . . 
Areals vermindert allmalig die Wassermenge, die sich bei der Nil- 
schwelle iiber je einen Acker ergiesst.* Dass Herodot jedoch hieran 
nicht denkt, sondern nur den Zeitpunkt ins Auge fasst, in welchem 
die Nilfluthen jene Aecker uberhaupt nicht mehr erreichen wer- 



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[535] Herodoteische Studien n. 17 

Worten: $}v o&tw rj /(opt; o&vr t x.aia \6yov exi8iBa> e<; u^o? noch der 
Zusatz: *at to ofjiotov dbco$'.8$ e$ aui;r)<jcv? Ich vermag — gleich 
Valckenaer und Kriiger — in ihm nichts Anderes zu erkennen 
als eine (mit Hilfe der sogleich in cap. 14 vorkommenden 
S&tze: aikyj ^dp sort V; au^avojx^VYj [sc. x^? T t\ un( i et 591 IBeXot — 
Iq ifyo<; au§fltv£*8at angefertigte) Marginalerkl&rung, die durch 
ein hinzugefugtes xai mit dem Text verschmolzen ward. (Der 
einsichtsvolle Rawlinson nimmt zu der dem Original keineswegs 
entsprechenden pleonastischen Wendung seine Zuflucht : ,if the 
land goes on rising and growing at this rate'.) Sollte nicht 
auch der Beisatz : tbv emXowcov zu den Worten xeiseoOat tov xctvra 
Xp6vov Atyuxctoe eine fremde Zuthat sein? Dass die Worte in S 
fehlen (aber nicht in E und V) beweist freilich nichts gegen ihre 
Echtheit. Allein sie sind nicht nur vcJllig entbehrlich, da tov 
xoivTa /p6vov allein ? die ganze ZukunrV bedeutet, 1 sondern sie 
machen auch den Eindruck eines Strebens nach peinlicher und 
pedantischer Genauigkeit, das unserem Autor ebenso fremd 
wie seinem antiken Interpolator gel&ufig ist. 

Ich kehre zu der Eeihenfolge der Capitel zuruck. Zu II, 
65, 17 ff. : 2 to V av ti$ twv Orjpiwv toutwv (der heiligen Thiere) 
axoxTsivY), f)v (xev ewov ; Odvaro<; •*) ?tj(i.ir) xts. bemerkt Stein: ,Die 
Worte to 8' av Tt<; sind verd&chtig, weil dem neutralen Relativ 
keinerlei Beziehung im Nachsatze entspricht. Herodot schrieb 



don, geht aus dem Wortlaut seiner Aeusserungen unzweideutig hervor: 
{iTj xataxXu^ovxo? auTrjv tou NefXou und weiter unten : [i^xe 6 
TioTafib? ot<J? t' laiat e$ toc$ apoiSpa; ujceppalveiv. Mit Letronne, 
der Sch&fer's und Schweighauser's iibergewaltsame Aenderungsvorschlage 
mit Recht zuriickweist, in dem Satze eine statthafte Tautologie zu er- 
kennen (Journ. d. sav. 1817, 49), dazu wird sich heute schwerlich Je- 
mand entschliessen. Vielleicht riihren auch die Worte I? u^J/o; an beiden 
Stellen von der Hand des Interpolators her. 

1 Bei Herodot (denn Dichterstellen wie Sophocl. fragm. 515 N. kdnnen 
allerdings nichts beweisen) begegnet uns (falls mir nichts entgangen 
ist) dieselbe Phrase noch zwtflfmal, theils auf die Vergangenheit, theils 
auf die Zukunft bezogen, darunter zweimal mit dem durch den Zu- 
sammenhang gebotenen einschrankenden Zusatz rffc %6r\$ (I, 85 fin. und 
VI, 52 fin.), sonst ohne jeden Beisatz (H, 173; in, 65; in, 75; IV, 187; 
VI, 52; VI, 123; VEI, 140; IX, 27; IX, 73; IX, 106). 

2 Beilaufig, II, 65, 5 geniigt es vollstSndig, den, wie so haufig, falschlich 
eingesetzten Artikel mit Valckenaer zu tilgen : xuiv ck eVvexsv avEirai 
[ia] ipa — . 



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18 Gomperz. [536] 

wohl 3? 8' av ti$ u. s. w. und so hat Diodor'. Ich wtirde diese 
Bemerkung durch Krttger's Verweisung auf seine Sprachlehre 
§. 51, 13, 12 als erledigt erachten, wenn der treffliche Gram- 
matiker diese Ausdrucksweise auch aus Herodot selbst vollig aus- 
reichend illustrirt h&tte. Man vergleiche vor Allem III, 99, 12 : 
^ Se <2v yuvy) xa[XY], axjauiax; at £TCtxpe(*>[ji,evou ^aXtcra Yuva!xe<; xaura 
xoiat avBpict TCoieuat, wo die Verkennung dieser Construction zur 
Schreibung r)v Ss yuvyj xa^Yj (in alien Handschriften ausser 
in SVFK nach Graisford, nur in der Aldina und [mit leichter 
Modification] im Parisin. d nach Stein) gefuhrt hat. Ebenfalls 
hieher gehort IV, 99, 25 — 26. Gewahlt aber ward hier diese 
Sprachweise (die, nebenbei, so alt ist wie Od. a 285 — 286) 
wohl darum, weil der Historiker sagen wollte : ,welches immer 
dieser Thiere Einer todten mag, es erwartet ihn dieselbe — 
harte — Strafe, der Tod', nicht viel anders als wie Strabo 
(p. 733 = 1022, 16 Mein.) sagt: 8t<o $' av 66<jgnji Oew, xpwiw tg> 
irupl efycvTat. 1 — Einem ahnlichen Missverstandniss ist offenbar 
die leichte Trubung der Ueberlieferung entsprungen, der man 
II, 115, 24 begegnet: eyw et jjiyj xspi rcoXXsu YJYsujjnqv jJLYjSeva §6ivu>v 
(1. £ei:vov) xTetvetv, oaot Ox' dvefxwv YJ&rj a7uoXai/,<j>6svTe$ yJXOov £$ /wp'fjv 
tyjv sjjiyJv — . Der gen. plur. ward hier gewiss von einem Schreiber 
oder Corrector eingeflihrt, der die Stelle nicht minder unrichtig 
als Rawlinson verstand: , — that no stranger driven to my 
country by adverse winds should ever be put to death', wahrend 



1 Dafiir, class o<iti$ von Herodot mehrfach gleich o; und ebenso 05 gleich 
oarcs gebraucht wird (hier kommt noch die Verbindung to S'av tl; in 
Betracht), vergleiche man Kriiger 51, 8, 4 (anch Dialekt. Synt.) und fur 
das erstere insbesondere Struve's herrliche Untersuchung, Opusc. II, 256 
sqq. Einen weiteren Beleg so wohl fiir diese Gebrauchsweise , als fiir 
die in den Handschriften (des herodoteischen Werkes, wie der Hippo- 
kratischen Schriften, z. B. n, 74 fin.; VI, 34 fin.; VI, 99, Z. 7 v. u. L.) 
stereotype Art der Verderbniss liefert IV, 149, 24, wo neben dem srct 
ou der Vulgata der erste Parisinus oa? ou, der Vatic, und Vindob. aber 
artb tou (der Sancroft. iizo toutou!) darbieten, mithin sicherlich zu 
schreiben ist: OtoXuxou 8s ytvexat Atyeus, arc' oteu AtyeTSai xaXeuvrai — . 
Auch wenige Zeilen vorher ist auf Grand der Autorititt dieser Hand- 
schriftenclasse an die Stelle des ir.l unseres Textes das sprachlich ganz 
ebenso zulassige (Struve p. 262) «co aus SVR zu entnehmen: ttj 8e 
v^ato qltzo tou ofeiat&u B^pa r\ erctovup-fy Ey^veTo und arco tou ercsos toutou 
oUvojioc to) ve7jv{axa> toutu> OtoXuxo; iy^veTO. 



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[537] Herodoteische Studien II. 19 

doch Proteus nur seinen Abscheu vor dem i;sivoxToveetv (wie 
eB bei der Recapitulation des Gredankens im Folgenden heisst) 
ausdrticken will und der Satz oaoi — /(J>pY]v tyjv i\vfy ebenso zu 
verstehen ist wie die ganz gleichartigen Satzglieder IX, 26, 11: 
5<7<xi ^8v) si;o§oc xotval rfevovTo yt£. oder I, 214 in. : 8aai §yj (3apPapa>v 
<£v8pato ^a^ai eyevovTO. 

In der von Sp&teren, insbesondere von Aristoteles, so viel 
beniitzten Beschreibung des Krokodils heisst es II, 68, 9: I^et 
§e 6^0aX[xou<; \ikv 66;, 6§6via<; 8£ i/£YaXou<; xal x au ^ t( ^ 0Vla S *ata 
X6yov tou <j&[jt.aTo<;. Die letzten Worte halte ich aus folgenden 
Griinden fur unecht. 

1. Sie fehlen bei Aristoteles (Hist. anim. II, 10 fin. ~ 
502% 9 — 10), wo sie Niemand vermisst. 

2. Ihre Stellung ist eine ungeschickte , da sie augen- 
scheinlich zu pe-fdhouq gehftren und doch davon getrennt sind. 

3. Sie sind thats&chlich unwahr. 

4. Solch ein Marginalzusatz konnte durch das vorangehende 
xai 6 veoaabq xata Xc^ov toO coou y(vezai leicht veranlasst werden. 

Die Wortverbindung xaxa Xcyov hat (von I, 134 und der 
daselbst einst von Stein richtig erkannten Interpolation: xaxa 
tov auTbv §k Xovov vm o\ llepaat Ttjjui&a'. abgesehen) in unserem Text 
mehrfache Irrungen und Missverst&ndnisse erzeugt. II, 109, 7 
sollte es bei der von Kruger vorgenommenen Ausscheidung ,des 
falschen Glossems' sein Bewenden haben: oxw<; tgu Xoctcoo x.ora 
Xofov [vq<; TeTa-flJievijs arcocpopYJ;] TsXsot. Das Urtheil des Verstandes 
wird diesmal durch das Ohr best&tigt. Ebenso bedeutet die 
Phrase schlechtweg ,verhaltnissm&ssig' VII, 36, 1 (wo Stein das 
Richtige hat, Lange und Kruger mit ihreni ,der Natur der Sache 
nach', ,naturlich' arg irren). Mit ,Verhaitniss' ist \6^oq auch 
I, 186, 4 (im Hinblick auf den regelm&ssigen Wechsel der Rohr- 
und Ziegelschichten) ; II, 13, 14; II, 14, 1 ; V, 8, 4 wiederzu- 
geben, wahrend VIII, 111, 11 /.aia Xo^ov allerdings — xaia to 
oty.6<; (so Stein) zu setzen ist. Was soil es aber heissen, wenn 
VII, 95, 15 von den vyjciwiat gesagt wird, sie seien urspriinglich 
Pelasger gewesen, sp&ter aber Ionier genannt worden xaxa tov 
auTbv Xofov *al ol ButoSexaxoXieq "Ia)vs<; o'. an 'AOtqvscov? Hier soil 
xaTa tov auTbv Xofov y.a( mit einem Male nicht mehr als ein 
blosses Kara toutx xat, ,ebenso wie' bedeuten (Kruger nach Valcke- 
naer), was weder mit dem Sprachgebrauch, noch mit irgend 



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20 Goraperz. [538] 

einer der Bedeutungen von Xoyoq in Einklang zu bringen ist. 
Stein tibersetzt ,aus demselben Grunde', ,mit demselben Rechte' 
und erblickt in dem Satze eine Fortsetzung der I, 142 gegen 
die ausschliesslichen Pr&tensionen der Zwolf-Stadte-Ionier ge- 
ftihrten Polemik, die m. E. kein Grieche aus den Worten 
herauslesen konnte, um so weniger als dieser vermeintliche 
Gedanke hier mit keiner Silbe begrundet wird. Dass ferner die 
Sa>8ey,a7u6Xtec "Icovs: nicht mit den von Athen aus Angesiedelten 
zusammenfallen , hatte zu allem Ueberfluss unser Historiker 
I, 147 ges^gt. Somit war Valckenaer sicherlich auf richtigem 
Wege, als er den Schluss des Satzes aus einer Marginalglosse 
herleitete. Nur muss man aus sprachlichen wie aus sachlichen 
Griinden den ganzen Satz dahin verweisen. Es ist der echt- 
biirtige Bruder des Schlusssatzes von I, 134. 

Drei Irrthiimer Kriiger's erwahne ich ? weil sie sich auf 
demselben Blatt vereinigt vorfinden. vyjSu<; (II, 84 fin.) ist nicht 
nur ; poetisch% sondern auch ionisch (vgl. Ps. Hippocr. de 
arte pass.); bei Herodot begegnet es ausser II, 37 (worauf 
Kriiger allein verweist) auch III, 42; IV, 71. — Der Dativ 
in der Phrase: |aio6g> 6{aoXovsovt6? 86, 5 ist keineswegs in den 
Genetiv zu verwandeln, sondern mit Absicht gewalilt, weil 
die agyptischen Einbalsamirer ,fixe Preise' und die Auf- 
traggeber nur die Wahl zwischen den N drei Begr&bnissclassen 
hatten, mithin kein Feilschen um den Preis und kein Handel- 
einswerden stattfand; vgl. Lysias I, §. 29: syw 8a tw piv e*e{vcu 
Ti^f/a-ci ou ^uve/wpouv. — Endlich zu 86 ? 8 — 9 (bei der Be- 
schreibung des Einbalsamirungs-Verfahrens) hat der treffliche 
Grammatiker in kaum glaublicher Weise geirrt, indem er in 
dem Satze: Ta p.£v of/ca) * i%<kycmt$, T ^ ^ £Y/A° yne $ <papp.axa 



1 Mich erinnert dieser Gebrauch von o&tco im Sinne von ,so, ohne Weiteres, 
ohne etwas Weiteres zu thun* an die verwandte Bedeutung der Partikel : 
,so, ohne dass es weiter etwas zu bedeuten hatte*, die ich bei Plato 
in einer vielbehandelten Stelle des Symposion (217D) wiederfinde. Ich 
mtfchte dieselbe namlich, jedenfalls unter Anwendung gelinderer Mittel 
als bisher versucht wurden, also ordnen: opaxe yap on SwxpdcTyj; epwnxai? 
8(axetTai tuW xaXGv xai aei rcepi toutou? £<jtiv xai ix7:cnX7)XTat, xai au ayvoeT 
rcdcvTa xai o08ev oT8ev, a>; to OXW 9 - a ^Tou touto [ou], aiX^vuiSe;. a?o8pa yz 
touto yap (1. afprfopa yap touto ye) outo; (1. oOtoj?) e£co6sv nspi$(fi\riz<xi 
toar.ep o sYXup.(jLs'vo? atXifjvo; * IvSoGev 8s xtI. Natiirlich ist o08ev o?8e aiX7)vcu8$s 



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[539] Herodoteische Stndien n. 21 

die Worte ta 5e mit ^api/axa verband, wie seine Verwei- 
sung auf Dicht. Synt. 50, 3, 2 beweist ! Richtig erklart Stein : 
,Ta 5e, sc. sEa-force*;. Dem o5tw des ersten Grliedes entspricht hier 
£v^eov-£(; <f>ap|Aa>ta'. Nur muss eben darum, ich denke nothwendig, 
£YX^ aVT£ ? geschrieben werden; sonst ware die Verbindung eine 
ebenso wenig angemessene wie VIII, 105 eVcapivtov ayivewv e^tiXes 
£<; ZapSc?, wo mir Naber mit der Verbesserung £y.Ta[xa)v zuvor- 
gekommen ist (Mnemos. 1854, pag. 481). Eine gleichartige 
Corruptel werden wir zu HI, 110 fin. mit Hilfe der besseren 
Handschriftenfamilie berichtigen konnen. 

Ich iibergehe mancherlei Kleinigkeiten und komme zu 
II, 104, wo, beilaufig bemerkt, die von unserem Historiker offen 
gelassene Frage nach dem Ursprung der Beschneidung jetzt 
wohl dahin entschieden werden kann, dass die Sitte sicherlich 
nicht von den Aegyptern zu den Negern, eher umgekehrt von 
diesen zu jenen gelangt ist. 1 Denn wie unwahrscheinlich ist 
es doch, dass aquatoriale Negervolker wie die Monbuttu und 
Akka (vgl. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika II, 153) von 
agyptischen Cultureinfliissen berlihrt worden seien. Am Ende 
jenes lehrreichen Abschnittes ist aber meines Erachtens ein 
Emblem auszuscheiden in den Worten : 4>ocv(ywWv 6xo<joi tyj 'EXXaSi 
exefxtavovrai, ouxixi A?yutct(ouc (//yiovTai [xaxa xa aiBoTa], aXXa xaiv 
£xcYtvo(ji£v(i)v ou rap iTajxvouai -ca aiSoia. 

II, 107, 2: tov 31 <!)<; paOetv touto, auTixa cofxlJouXstiecOat tyj 
Yuvaai* xal yap 8yj xal tyjv y^aixa ajxa oYecOar tyjv §£ ot cu|j$ouX£uaai 
twv rca&aw £6vto)v 1? TC ^c (l* 67 ?) 2 S60 £7ut tyjv wupYjv sxTetvavra Y^uptoaat 



so gemeint, wie die Dichter aypia EiSs'vat u. dgl. gebrauchen (vgl. Soph. 
Philoct. 960 oder Nauck zu Antig. 301 ; vielleicht ist auch Antig. 71 so 
zu verstehen). — (Dass ein Vaticanus [1030 in Bekker's Apparat] o&tcd; 
statt outo; bietet, hat wahrscheinlich wenig zu bedeuten.) 

1 Wenn man nicht vielmehr, wie bei den Bewohnern der Fidji-Inseln 
(Tylor, Early hist, of mank. 216) oder bei den Kaffern (Buckle, Com- 
mon Place Book n. 4 im Index) von jedem ausseren Zusammenhange 
absehen darf. 

7 Die richtige Wortstellung zum Mindesten ist auch VIII, 129, 9 gesttfrt 
worden und nach SyR herzustellen: T015 jjlsv 8uo (xofpa;. Eine grOssere 
Zahl von Fallen, in welchen die Partikel (jlI'v im herodoteischen Texte 
ausgefallen ist, hat Naber zusammengestellt (Mnemos. 1854, p. 482). 
Sollte nicht auch HI, 31, 22 hieher gehOren: E?po[jivou wv tou Kap{3uaE<o» 
ujcexpfvovxo autto outot xai 8(xaia xat aaflpaXe'a, cpajiEvoi vo^jlov ((asv) oOBs'va 

2* 



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22 Goraperz. [540] 

to xat6|jL£vov , auxou$ 0£ £k e%s(v<i>v eztPaivovta^ ixaci^saGat. Tauta iw»j<rat 
tov 2eao)arptv ? xal §60 jxev twv zaiSwv y,aTaxaijvai Tporoo toco6tw, tou$ 
Be Xoixolx; axofftoOYJvat #^a tw Tzatpi. vo<mf)<ja<; Ss 6 2e<ja)CTpt<; ec 
ty)v AquTcrov xal Ttaccp,evo<; tov d8eX<peov, tw [xev 6p.(Xa> tov i%r^ch(tio 
twv Ta<; X^P ^ *aTeaTpst|/«TO, to6to) jjlsv TiSe sxp^fa^ * — Die 
Worte twv — xaTsarpe^aTo* sind vormals von Stein mit Recht als 
eine ungehorige (auch durch ihre Unvollstandigkeit, wie 
ich meine, als Emblem gekennzeichnete) Wiederholung aus 
dem Anfang des Capitels: twv eOvewv twv t<x<; x&p<xq xaTsorpetlaro, 
erkannt worden. In dem Satzglied tou<; — icaxpt hat Krtiger 
die Erw&hnung der Gemahlin des Sesostris vermisst, und er 
schlug zweifelnd vor ? xal tyj (XTQTpi erg&nzend hinzuzufiigen. Der 
Anstoss scheint mir wohl begriindet, das Heilmittel verfehlt. 
Ich halte die Worte gleichfalls flir ein Emblem, welches sich 
durch seine Entbehrlichkeit und seine Unvollstandigkeit eben 
als solches verr£th. Die Handhabe dazu mochte die Verkennung 
des [xev solitarium bieten, ein Umstand, der auch 121 e, 14 min- 
destens die Einschaltung eines (dem Zusammenhang widerstrei- 
tenden) Be in mehreren Handschriften bewirkt hat 

II, 116 heisst es von Homer, er habe den &gyptischen 
Aufenthalt der Helena zwar gekannt, aber fur die dichterische 
Darstellung des trojanischen Krieges minder geeignet befunden 
und darum bei Seite gelassen, ByjXwca; a>; xat toutov eztaraiTo tov 
Xoyov ByjXov (1. By;XoT) Be xaxa itapeTtoirpe (so Bekk.) ev IXedBi — . 
Meine Aenderung erheischt der allgemein herrschende Sprach- 
gebrauch. 1 Die Schreiber haben hier gerade so geirrt wie 



eiJEuptoxeiv 85 xeXeuEi aSeX^peov aovoixeeiv a$eXcp£7J, aXXov {jl^vtoi s!;eup7)xs'vat 
voaov xts.? Die Scharfe des Gegensatzes lasst hier (anders als z. B. VIII, 
42 fin.) die Concessivpartikel vor [xe'vxot kaura als entbehrlich erscheinen. 
1 Auf die Schlussworte des Capitels: ev "courotat toTai Srceai StjXqT xx§. kann 
man sich gleichfalls insofern berufen, als sie augenscheinlich das Obige 
wieder aufzunehmen bestimmt sind. Ob sie ubrigens von Herodot's 
eigener Hand herriihren oder die Grenzen der hier langst erkannten 
Interpolation sich weiter erstrecken, als man gemeiniglich annimmt, dies 
ist eine der vielen derartigen Fragen, in Betreff deren ich mir vorlaufig 
Zuruckhaltung auferlege. Mit ertraglichem Geschick durchgeftihrte antike 
Interpolationen lassen sich oft nicht mit voller Sicherheit als solche er- 
weisen, und man thut vielleicht bei einem so vielfach verunstalteten 
Texte, wie es der herodoteische ist, besser daran, sich zunachst auf die 
Besprechung solcher Verderbnisse zu beschranken, die streng erweisbar 



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[541] Herodoteische Studien II. 23 

mehrere neuere Herausgeber, welche 117 in. Korea xauxa Be xa 
swea xai To&e [to ^toptov seel. Valcken.] oux ^xtcra <*XXa jxaXtcTa 
SijXov schreiben, wahrend die Handschriften einstimmig SijXoT 
(,es erhellt') darbieten. Der unpersonliche oder subjectlose Ge- 
brauch von 8r)Xo? aber ist meines Erachtens wie hier von Val- 
ckenaer und seinen Nachfolgern (s. jedoch schon Schweighauser's 
Berichtigung im Lexic. herod.), so auch HI, 82, 5 seit jeher 
verkannt worden in den Worten: xat ev toutw ByjXoT xat outo; ax; 
rj jjLOuvapxtv) xpaxtaTov. Mein Einwand freilich: ,nicht der aus der 
Ptfbelherrschaft atiftauchende Monarch, sondern der Kreislauf 
derDinge, der auch auf diesem Wege wieder zur Monarchic 
zuruckftihrt, ist der Beweis fur die Gute dieser Regierungsform' 
mochte leicht als libersubtil verworfen werden. Allein jeden 
Widerspruch schl&gt der Riickblick auf den kurz vorangehenden 
Parallelsatz nieder: xat ev toutw SteSe^e Saw earl touto d'ptarov. 
Man schreibe daher mit einer Aenderung, die uns schon so 
h&ufig als nSthig erschienen ist, auch hier : xai e*v toutw 8y]Xoi 
xai o&tg) &<; tq- [xouvap^tYJ xpartarov. 

II, 124, 3: epya^ovTO §s xaxa Sexa [xuptaSa^ av6pu)7uo)v atet, ty)v 
Tp(piY)vov gxaaTot. So ist nothwendig zu interpungiren und zu 
schreiben, wenngleich diesmal schon im Archetypus derselbe 
Fehler sich vorfand (exaaTvjv), der II, 168, 18 (KaXaatptwv x^ tot 
xat 'Ep^oTugitov e&opucpopeov evtauxov exasTCt tov (SaatXda) in Hand- 
schriften der ersten Classe und IX, 93, 9 (outoi cpuXaaaousi evtauxov 
exaaro<;) in solchen der zweiten Classe angetroffen wird; an 
ersterer Stelle bieten n&mlich R und S, an letzterer der Mediceus 
von erster Hand exaaTov. Dieselbe unwillkiirliche Assimilirung 
benachbarter Worte hat auch II, 156 in. eine bisher nicht be- 
merkte Irrung erzeugt in dem Satze: outo^ jxdv vuv 6 rrjbq tgW 
<pavepo)V p.ot twv xept touto to tp6v sort OwupiaaitoTaTCSj xaiv 8e SeuTepcov 
vyjco<; ^ XepLfjut^ xaXeupivr). Oder sollte Herodot wirklich, nachdem 
er die Hauptmerkwtirdigkeit des Ortes genannt hat, fortfahren : 
,unter den Dingen zweiten Ranges aber ist die Insel Chemmis 



sind oder ohne Beweis Jedermann einleuchten, und dadurch den Weg 
zu ebnen fur die Erkenntniss und schliessliche Ausmerzung auch der 
tiefer liegenden Sch&den. Nur so viel wird man mir vielleicht ohne 
Weiteres zugeben, dass, falls auf 116, 19 xat a>$ e$ StB&va ttJ; Ooivfer,; 
aazlxiTo unmittelbar folgte 117 xata xauta 81 toc Knea xt§., der Text keine 
Einbusse erlitte, die nicht leicht zu verschmerzen ware. 



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24 Gompcrz. [542] 

die merkwiirdigste?' Warum fiihrt er doch von diesen Bsircepa im 
Folgenden kein einziges an, und weshalb sollte er, der Meister 
planer und natiirlicher Darstellung, diesmal eine so gewundene 
Ausdrncksweise gewahlt haben? £r schrieb vielmehr sicher- 
lich: twv Be BsuTspov — ,the next greatest marvel', wie Raw- 
linson vollig sinngemass ubersetzt. Wer sich aber daran stossen 
sollte, dass die Adversativpartikel nicht bei Befoepcv steht (Beuxspov 
oe toutwv), der sei auf Stellen verwiesen wie III, 128 in. : Aapeto^ 
jxev xauTa ercstpwTa, ia> $e av8pe$ Tpt^xovxa uTCsaiYjaav — ; V, 81 : 
too? [i,£v Ataxias <j^i dTreTue^av, twv Be av8p6v sBeovio (mit Krtiger's 
Anm.); VII, 36 in.: xat ol jjlsv xaura exoieov, — ia<; Be aXXoi apx 5 * 
iey.TOve<; s^suyvusov. Herodot liebt es eben Personalpronomina so- 
wohl als den sie vertretenden Artikel an die Spitze des Satzes 
zu stellen und die Adversativpartikel unmittelbar daran zu 
kntipfen, eine Eigenthiimlichkeit, von welcher der Gebrauch von 
6 Be = aXXa (s. Kriiger zu I, 17, §. 2) ein bekannter Special- 
fall ist. 1 

1 Wie diese Eigenthiimlichkeit der herodoteischen Syntax hier an einer 
leichten Trubung der Ueberlieferung mitschuldig ist, so hat sie VIII, 25 
ein grobes Missverstandniss und eine schwere Interpolation erzeugen 
und verdecken helfen. Ich meine die Einschiebung der aus VII, 228 
entnommenen Worte TsaaEps; yiXiaoe;, die von C. Heraeus (Jahrb. 1868, 
507 — 510) in vollstandig iiberzeugender Weise erwiesen worden ist. Da 
Grunde hier ihre Kraft erschSpft zu haben scheinen (Stein zum Min- 
desten ist durch jene Darlegung, die man fiir eine endgiltige halten 
sollte, von dem alten Wahne nicht geheilt worden), so darf ich viel- 
leicht ausnahmsweise das bemerken, was ich so haufig zu bemerken 
unterlasse, dass ich schon lange vor Heraeus durch genau dieselbe Be- 
weisfiihrung zu genau demselben Resultate gelangt war und auch heute 
(nach fast dreissig Jahren) an jener Argumentation und ihrem Ergeb- 
niss unerschuttert festhalte. — Nur in einer Kleinigkeit hat Heraeus 
geirrt (und darum allein komme ich auf die Sache zuriick), namlich 
darin, dass er twv in twv [asv ^tX{ot e^afvovro xe({ievoi vexpo{ fiir ,demon- 
strativ 4 gebraucht hielt. Es ist vielmehr, denn in jenem Falle wttrde 
man ein yap vermissen, das Relativ und gilt einem touiojv yap gleich, 
wie so oft bei Herodot, z. B. I, 210, 14; VII, 154, 12 oder III, 14, 
19: to 6s too halpov rcaGos (diese Vulgat-Lesart und nicht das rcs'vOos der 
besten Handschriften wird von Sinn und Zusammenhang gebieterisch ge- 
fordert) fjv a£iov Saxpuwv, 85 sx ttoXauW T£ xal euSatpovajv sxraatov i; iztto- 
^r)(rjv aftTxrai fa\ yrjpao; ou8w. Dieser Gebrauch ist mehrfach verkannt 
worden und hat wiederholt die Einschaltung eines yap in der zweiten 
Handschriftenclasse veranlasst, so: VH, 137: o't [yap om. SVR] ^[i.oOs'v- 



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[543] Herodoteische Studien II. 25 

Jene Verderbniss von exaarot erinnert mich aber an die 
analoge Corruptel III, 18, 12 (in der Schilderung des sogenannten 
Sonnentisches der Aethiopen) : iq tov ta$ [xev vuxta; e7ctTY]8e6ovra; 
TtGivai ta xpia tou<; ev TeXeV ey,a<jTou<; eoviac;, wofur man nothwendig 
schreiben muss: too; ev TeXeV IxaatOTe sovias, gerade so wie es 
IV, 180, 21 heisst: y.oivfl rcapOevov tyjv xaXXwreuouaav exa<jT0Te — . 
(Anders geartet und unanstftssig ist IV, 33, 9: olzo 8e ZxuOetov 
^8tq — tobq ^XYjatoxwpou<; exacuous.) Kaum der Erw&hnung werth 
scheint es, dass die entgegengesetzte Verderbniss (exac-raie statt 
Ixioroiat) II, 174, 3 in SVR begegnet. 

II, 134 fin. lautet in alien mir bekannten Herodot-Ausgaben 
(von einer abgesehen, von welcher spater die Rede sein soil) 
wie folgt : ercet xe yap izoWd^iq xYjpuaaovrwv AeX<j>cW ex, Oeorcporciou bq 
(SouXoito Tuotvyjv. rqq At(j(i)7:ou tyuyriq (iveXecOai, aXXo<; [xev ou8et$ e<pavYj, 
'IaS(jt.ovo(; Be watSbq rca?; aXXog 'IaSjxwv aveiXsTo. Stein geht (oder 
ging doch in den ersten Auflagen seines Commentars) iiber die 
wundersame, ja beispiellose Construction stillschweigend hin- 
weg; er scheint es daher mit Lhardy und der grossen Mehr- 
. zahl der Herausgeber fur statthaft zu halten, dass mit 'IoSfAovo^ 
81 der Nachsatz beginne; Krtiger meint, dass dies ,nicht fiig- 
lich' der Fall sein ktfnne und glaubt dadurch Hilfe zu bringen, 
dass er nach avetXexo einen Beistrich setzt und die nachfolgenden 
Worte o5to) xal AVawcoq laSptcvos iyfrexo als Nachsatz ansieht, — 
eine Annahme, deren Unmoglichkeit sofort erhellt, wenn man 
die Stelle im Zusammenhange liest. Mir ward dieses Satz-Un- 
gethiim, welches sich freilich durch eine ebenso leichte als 
sichere Aenderung berichtigen lasst, der Anlass, die Frage nach 
der Zul&ssigkeit des 8e in apodosi einer umfassenden (auch 
auf Homer sich erstreckenden) Untersuchung zu unterziehen. 
Ich konnte mich dieser Nothwendigkeit um so weniger ent- 
schlagen, als ich zwar auf mancherlei nutzliche Zusammen- 
stellungen und richtige Einzelbeobachtungen , hingegen auf 
keinen einzigen Versuch traf, diese anomale Spracherscheinung 
in ihrer Totalitat bei diesem oder bei einem andern Schrift- 
steller zu behandeln, die Grenzen, innerhalb deren sie sich 
bewegt, und die Bedingungen, welchen sie unterworfen ist, 



Ts$ Wo AaxeSaifxovitov xie., oder VI, 15, 5, wo nicht nur yap eingeschoben, 
sondern auch of getilgt ward (Zeitschr. fttr 8sterr. Gymn. 1859, S. 828). 



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26 Goraperz. [544] 

in erschopfender Weise zu ermitteln. Die den herodoteischen 
Sprachgebrauch betreffenden Ergebnisse sind in Ktirze die fol- 
genden. Vor allem Andern ist jene Construction bei unserem 
Historiker an eine ausnahmslose Regel gebunden: 5s im 
Nachsatz lehnt sich immer an ein Personal-Pronomen 
an oder an den als ein solches gebrauchten Artikel. — (Anders 
ist es bei Homer, bei dem nicht selten Zeitpartikeln und auch 
andere Wortarten an der Spitze derartiger S&tze erscheinen, 
und welchen daher Kriiger, Di. Synt. 50, 1, 11, in diesem Be- 
tracht nicht mit Herodot auf eine Stufe stellen durfte.) Ferner zer- 
fallt die Gesammtheit der authentischen F&lle in drei Gruppen, 
die sich in Kiirze wie folgt charakterisiren lassen: 

A. Wiederholung des apodotischen li aus dem Vorder- 
satze. 

J5. Auftreten desselben in Nachsatzen einer Doppel- 
periode (deren beide H&lften jedoch nicht stets gleich- 
m&ssig ausgefuhrt sind). 

C. Eigentlich anakoluthischer , durch begrifflichen. 
Gegensatz motivirter Gebrauch des li = einem 
aXXa. 

Nachdem Werfer (acta philol. monac. I, 88 sqq.) und Buttmann 
(im 12. Excurs zur Midiana) die Frage vielseitig und grund- 
legend behandelt, Lhardy und Stein (insbesondere zu I, 112 
und II, 39) nutzliche Bemerkungen und Sammlungen hinzu- 
gefugt hatten , habe ich vor Jahren das Gesammtmaterial 
zusammenzustellen versucht, wobei mir hoffentlich nichts, jeden- 
falls nichts Erhebliches, entgangen sein durfte. Ich ordne die 
Stellen also: 

A. I, 138 in. Tauxa ok (5e add. Vindob.); 163 o (ein Satz der 
alles Ungeflige verlore, wenn wir statt d)<; [Z. 2] $<; schreiben 
dtirften [man vgl. Ill, 120 6 oder IV, 52 2 fur o&™ ty ti 
mit folgendem Relativ]); 171 fin.; II, 50 17, 61 3, 111 19, 
120 10; III, 37 11 ; IV, 66 fin.; IV, 81 7? (ich vermuthe 
namlich : (syb Ik) wSe &v)Xc[>aco, vgl. Ill, 37 und IV, 99) 99 l, 

204 8; V, 37 15; VI, 16 14, 58 21, 157 17; VDI, 115 23; 

IX, 63 8, 85 9. 

B. I, 13 4*, 173 3*, 196 1; II, 26 22, 39 15*, 42 in., 102 6, 
149 7*, 174 5; III, 36 21*, 69 5, 133 24; IV, 3 2*, 61 u, 



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[545] Herodoteische Studien II. 27 

65 21*, 68 li*, 94 10*, 126 4*, 165 in * (wo, nebenbei be- 
merkt, Stein das t£g><; der Handschriften in &)<; ver&ndert, 
w&hrend er im ganz gleichen Falle I, 173 3 diese Aen- 
derung vorzunehmen unterl&sst. Dass i£co<; mehrfach re- 
lativ angewendet wird, erhellt zumeist aus einer Anzahl 
hippokratischer Stellen [s. Thes.], am deutlichsten aus de 
morb. sacr. c. 16, wo man sinnwidrig liest: &; <2v pete^T) 
tou ^epo<;, die besten Handschriften aber — darunter der 
Vindob. und Marcian. — ts <b<; bieten d. h. t£g><;; auch bei 
Plato Symp. 191 E wtirde ich die alterthiimliche Form nicht 
wegcorrigiren); V, 1 6*, 73 8*; VI, 52 l*; VII, 159 24, 
160 9*, 188 4*; IX, 6 in .*, 48 18*, 63 9*, 70 io. (Derartige 
Doppelperioden ohne 8s in apodosi erscheinen z. B. II, 
121 6; HI, 108 13; m, 158 16, wo outoi [xev aus SVR zu 
entnehmen ist, halb ausgefiihrt I, 184 — 185 u. s. w.) 

C. I, 112 18 (vgl. deXXa in IX, 42 23); HI, 68 16; V, 40 15; 
VII, 51 9, 103 18 (Gregensatz der Personen wie bei aXXa 
VH, 11 2 oder IX, 48 15);' VIII, 22 li; IX, 60 24. 

Aus dem Rahmen von B tritt scheinbar heraus VI, 30 in. ; 
eine Ausnahme, welche jedoch in Wahrheit die Regel best&tigt: 
denn die Doppelperiode ist nur darum nicht zur Ausfuhrung 
gelangt, weil die eine Alternative zwar hypothetisch, die andere 
aber wirklich ist. Viele ahnliche Falle (liber welche Werfer 
pag. 94 zu vergleichen ist) mussten wir unter A stellen. Des- 
gleichen steht von dem Gros der unter C vereinigten Stellen 
ein wenig abseits III, 108 l : eiueav 6 <jx6(avo; — ap^tat §iaxive6(xsvo<; 
— 6 8e d[x6<jaet xa<; ^nfrpaq, wo das Unerwartete der Thatsache, 
dass das Junge im Mutterleib diesen theilweise zersttfrt, die 
Wahl des ungewtfhnlich lebhaften Ausdrucks augenscheinlich 
veranlasst hat. Endlich tritt in kaum merklicher Weise aus 
dieser dritten Reihe heraus IV, 189, 17 — 20: ttXyjv f*p 3ti — toc 
8e aXXa xavxa, wo Steins Aenderung des hi in ^i schwerlich be- 
rechtigt ist und die — leichte — Anomalie nur darin besteht, 
dass der Artikel als solcher und nicht pronominal gebraucht ist. 



1 1st nicht auch VIII, 140a, 19 zu schreiben: (&X) aXXyj rcap^ruai jcoXXarcXr)- 
afyj, gleichwie (nach Kriiger's iiberaus ansprechender Vermuthung) VI, 
13, 5 : (aXX*) aXXo a^pt Kapioxca 7cevTajcX7Jatov ? 



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28 Gomperz. [546] 

Man sieht, dass (iiese anomale Gebrauchsweise sich bei 
Herodot in sehr engen Grenzen bewegt. A und C sind Special - 
ftille allgemeinerer , weit umfassenderer Sprachph&nomene — 
der Wiederholung oder Epanalepsis einerseits, die ja ebenso 
bei anderen Partikeln (wie eben hier bei |xsv) und desgleichen bei 
anderen Wortarten und ganzen Satzgliedern auftritt und bei li 
selbst auch ausserhalb der Apodosis, — der ebenso gelinden 
als wohl motivirten Anakoluthie andererseits , die bei Schrift- 
stellern, welche nicht Herodot's Vorliebe flir die Voranstellung 
des Personal-Pronomens theilen, durch ein die Construction kaum 
stflrendes aXXa bewirkt wird (et p.v) rcp6Tepov, aXXa vuv). So 
bleibt denn als etwas Eigenthiimliches und der Erkl&rung Be- 
diirftiges nur B zurtick, pder genauer gesprochen — denn das 
li im Nachsatz der z weit en Periode kann, streng genommen, 
auch als ein Specialfall von A gelten — jene neunzehn F&lle, 
die wir durch ein Sternchen ausgezeichnet haben. Ueber diese 
ist einfach zu sagen, dass unser Autor aus der ungleich weiteren 
aber freilich auch nicht unbegrenzten Gebrauchssphare Homer's 
diesen Rest der urspninglichen Parataktik als ein Kunstmittel 
ubernommen hat, welches dazu dient, eine Doppelperiode durch 
scharf pointirende Hervorhebung ihrer einzelnen Bestandtheile 
innerlich zu gliedern. Sehr bezeichnend ist in diesem Betracht 
die Beiftigung von tots (yj 5s t6ts II, 149 7 ? wofiir es bei Homer 
To<f>pa Be geheissen hatte) ? gleichwie das Fehlen des li bei jenen 
Nachs&tzen, deren Inhalt aus dem Vordersatze wie etwas Selbst- 
verst&ndliches hervorgeht (z. B. II, 174 5), und seine Hinzu- 
fiigung dort, wo die Apodosis als etwas Unerwartetes und 
Ueberraschendes sich der Protasis gegenttberstellt (vgl. insbe- 
sondere III, 36 21 5 ni, 133 24 [denn das Geheimhalten einer 
Krankheit ist die Ausnahme, die Herbeirufung des Arztes die 
Regel]; IV, 61 14 5 VI, 52 1; VII, 159 24.) Doch die Anerken- 
nung dieser drei Gebrauchsweisen ist nicht neu (wenngleich 
Buttmann's feine Unterscheidungen von Spateren wieder viel- 
fach in Verwirrung gebracht wurden), wohl aber die Ver- 
bindung dieser Normen mit der zuerst erwfthnten und die 
Einsicht, dass die unserem Doppelkanon widerstrebenden Falle 
bei Herodot ausnahmslos auf Textesfehlern oder auf falscher 
Erklarung beruhen, wie die nachfolgende Musterung derselben 
lehren soil. 



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[54 7 J Herodoteische Studien II. 29 

1. II, 32 14: £rcet <5>v xou<; v£Yjvta<; aTCOTC£[XTCO[X£Vou<; uxb xwv ifjXi- 
x,<i)v, 5§ax( x£ y,ai atxfotat eu i^prufiivou^ isvat xa Tcpwxa (Jiev Bia xrjs 
oa£opivY)<;, xa6xy)v Se 8ie§eX06vra; £<; xyjv 6r)pt(*)§£a dwuxiaOat, £/, &£ 
xauxY)<; xy)v IpvjjjLov See^tdvat^ xyjv 68ov rcot£U[jt.£vou<; rcpbq i^upov av£(xov, 
§e£^£X06vxa? §£ x&pov rcoXXbv ^apt^^a — . Diese Stelle muss 
hier darum Erwahnung finden, weil kein Geringerer als Gottfried 
Hermann zu Viger. (n. 241, pag. 784) den Nachsatz mit den 
Worten 8te!;sX86vTas §£ beginnen liess, — eine Annahme, die 
ganz unabh&ngig von der Frage nach der Zul&ssigkeit eines 
derartig gebrauchten apodotischen M unbedingt zuruckzuweisen 
und in der That wohl von sammtlichen Interpreten vor und 
nach Hermann verworfen worden ist 5 denn (um mit Matthiae 
zu sprechen) ,in protasi commemorari, tamquam aliunde vel 
per se satis nota, non possunt ea quae et nondum commemorata 
sunt et caput narrationis continent'. Dabei muss es nothwendig 
sein Bewenden haben, man mag nun welches immer der bisher 
vorgeschlagenen Heilmittel (unter denen Reiske's Verwandlung 
von lwe( in swceiv oder skat [so auch Stein] den meisten An- 
klang gefunden hat) in Anwendung bringen oder es mit Herold 
fur das Wahrscheinlichste halten, dass der Sitz des Fehlers in 
arcowe|jw:o[jievous zu suchen und durch die Herstellung des Infinitivs 
fifocorcepwceaOat zu heben ist. ! Vgl. die Beispiele dieser Construction, 
welche Lhardy zu I, 24 zusammengestellt hat, auch III, 50 4-5 : 

£TC£tX£ §£ C(|>£a(; a7U£7U£p,7U£XO. 

2. Noch schlimmer steht es mit der nach Gaisford und 
Stein jeder handschriftlichen Grundlage entbehrenden 
Vulgat-Lesart III, 26 3 in dem Satze : £7U£t§Yj £/. xyfe Xydaoq xauxYjs 
tivai 8ta xt)<; ^cc(jt.pi.ou .iiA a<p£a?, Y eV£ ^ at T£ [auxou;?] jjtsxai;u x,su [id- 
Xtaxa auxuW x£ xal -rife 'Oaato^, aptcxov atp£0{X£Votat auxotct eiuwcveu- 
aai v6xov (jiiyav x£ y,al i^aiciov x.x£. Hier hat der Herausgeber 
der Aldina und die Mehrzahl seiner Nachfolger (jedoch nicht 
mehr Schweigh&user und Gaisford, wenngleich auf falliger Weise 
wieder Bekker) ein §£ zwischen aptorov und atpeojiivqtat ein- 



1 Dies schlug Herold, wenngleich zweifelnd vor emend, herod. II, 6, 
indem er auch auf die gleiche Verderbniss im cod. Flor. 2 (I, 2, 2) 
hinwies, Hermann's Irrthum vielleicht noch besser als Matthiae wider- 
legte und Bredow's missverstandliche Auffassung von IV, 10, 19 (de 
dial, herod. 107) endgiltig beseitigte. 



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30 Gomperz. [548] 

geschoben, augenscheinlich in der Absicht, den Satz deutlicher 
zu gliedern, wobei die Meisten wohl gleich Krfiger den Nach- 
satz bei YeveaBat T£ beginnen lassen wollten, sicherlich nur Wenige 
mit Lhardy diese Verwendung des apodotischen §s fur mftglich 
oder zul&ssig hielten. 

3. Der erstaunliche Irrthum, den ein hervorragender Gram- 
matiker hier begangen und hartnackig festgehalten hat, nothigt 
uns zu einer kurzen Bemerkung iiber die nachfolgende Stelle 
(IV, 72 4): tqW Ik 5yj vsiQvtracov tuW dftOTrsxvtYiJtivtov toW wevx^xovTa 
§va exaaTOv dva|3ij3a£ou<7i i%\ tgv Ttutcov (1. in wwcov, vgl. S. 572), 2>&e 
ava(3t(3a£ovT£<; • exeav vsxpou £xa<7rou rcapa tyjv axavBav £6Xov opObv oV 
eXaaaxii pii^pc tou xpa/^Xou * xoctcoOsv 8 e uuepexet tou £6Xou xt£. Hierzu 
bemerkt Kriiger, auch in der letzten, nach seinen handschrift- 
lichen Aufzeichnungen vervollst&ndigten Auflage seines Coni- 
mentars: ,Hier liegen F&lschungen vor. Denn abgesehen von 
dem 5s , das Herodot im Nachsatze so nicht zu gebrauchen 
pflegt, fehlt auch die Darstellung des £va{Jt(3a£etv selbst. . . . 
Eine Lticke nach Tpax^Xou annehmend lese ich jetzt (in 2. Aufl.) : 
xotTwOev 8y5 oder to (8) xaxwOev weps^ei tou £6Xou toutoj e$' — . Die 
Worte ixeav — Tpay^Xou bilden nattirlich (wie auch Stein richtig 
erkannt hat) keineswegs die Protasis zum Folgenden, sondern 
die an w5s unmittelbar sich anschliessende Erklarung, die He- 
rodot allerdings gewohnlicher durch einen Participialsatz liefert. 
Er h&tte sagen konnen: SiSe dvaj3ij3d£ouai- SteXdaavTe? xts., gerade 
wie er (und darauf verweist Kriiger selbst zu IV, 48) II, 2 2 
sagt: SiSgw Troipivt tpiyew iq toc tzoi\>M<x xpo^v tivoc TOtYJvSe* ev- 
T£cXd(jL£vo? [XYjBsva y,T6. Doch ermangelt auch die vorliegende 
Ausdrucksweise nicht einer genau zutreffenden Parallele; VII, 
15 fin. lesen wir: suptaxo) Se So #v Y tv< ^eva Tauxa* ei \d$oiq tyjv 

6|JLY)V CX£UY)V TCaaaV XT£. 

4. IV, 76 19: touto (jl£V yap 'Avotyapci; IwetTe y*) v tcoXXyjv Osw- 
pifaa<; veal dtoco8ei;flfcfji,evos xaT' outyjv ao?iv]v xoXXtjv ixofAtiJexo e^ ¥fie<x xa 
Sy,u8£wv, 7cX£0)v oV 'EXXvjarcovxou xpo<7icx£i s<; K6£cx.ov xx£. Hier 
bieten mehrere Handschriften, darunter jedenfalls der Mediceus 
und Florentinus: l xXswv §£ oY 'EXXyjoxovtou , der Sancroftianus 



1 Wenn ich mich nicht bestimmter ausdriicke, so ist daran der Widerstrejt 
der Angaben Schuld. Nach Stein fehlt dieses M in P (d. h. Parisin. 1633), 
wahrend Gaisford das Gegentheil behauptet. 



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[549] Herodoteische Studien II. 31 

und Vindobonensis hingegen statt §e IC nur S* \ der Vaticanus 
nur li, derParisinus 1633 (?) und die Aldina nur 8t\ Der letzteren 
ist ein Theil der Herausgeber ohne Weiteres gefolgt, w&hrend 
Andere (wie Kriiger) Zweifel an der Richtigkeit der angeb- 
lichen Ueberlieferung ausserten, wieder Andere (gleich Bekker) 
die Interpunction anderten, um den Nachsatz nicht mit jenem 
rcXscov Se beginnen zu lassen, und wohl der einzige Lhardy das 
fii in apodosi' unansttfssig fand, indem er sich auf unsere Nr. 3 
berief! Die unserem Doppelkanon und zugleich aller und 
jeder Analogie widersprechende Instanz kann mithin schon durch 
das Schwanken der handschriftlichen Ueberlieferung, durch 
das ihr wenig giinstige Zeugniss der besseren Familie und zu- 
gleich durch das nahezu einstimmige Urtheil aller einsichtigeren 
Herausgeber als beseitigt gelten. 

5. VI, 76 in. liest man: iizdxe §s ErcopTi^Tas dfyuv dtTufxexo 
£7cl TCorapoy 'EpaaTvov, lq Xdfexai pseiv ex vqq 2TU(jupaXtSo<; X(|xvy)<; (rqv 
•yap Byj XtfJLvyjv xauTYjv s<; yjk<s\).aL aqjave; exSiScuaav ava<pa(vec8a'. ev "ApYsV, 
to ev6eurev Se to 55top $fir\ touto utc' 'Ap^efwv 'EpaaTvov xaXieaOat), 
dtictx6fJi£vo<; 8* Sv 6 KXeofxevr^ ewi tov rcoTafjibv toutov ktI. Innere 
und aussere Griinde vereinigen sich hier um die Unhaltbarkeit 
dieses fii in apodosi' und im schlimmsten Falle seine totale 
Unbrauchbarkeit als Sttitze anderer Anomalien zu erweisen. 
Vor Allem, die Partikel fehlt, nicht nur (wie Kriiger bemerkt, 
der mir in der Tilgung derselben vorangegangen ist) ,in meh- 
reren Handschriften' , sondern in SVR, womit die Sache fur 
Jeden, der fiber die Grundlagen der Herodot-Kritik mit uns 
ubereinstimmt. abgethan ist, — es ware denn, dass gewichtige 
innere Grlinde zu Gunsten der Lesart sprachen. Davon ist 
jedoch das gerade Gegentheil der Fall, da ,wv' (nicht 5' 2>v, 
dessen Begriffsniiance eine sehr verschiedene ist) ,nach einer 
Parenthese' (Kriiger) die iibliche und regelmassig zur Anwen- 
dung gelangende Partikel ist. (Vgl. unsere ErSrterungen zu 
I, 144, desgleichen zu III, 97.) Wer jedoch endlich diesen 



1 Gaisford's unrichtige Angabe, der Vindobonensis biete 8t', ist leicht be- 
greiflich. Man muss Stellen, in welcher V und 8t' nebeneinander vor- 
kommen, vergleichen, um zu erkennen, dass die Wiener Handsel) rift die 
beste Lesart hier nicht darbietet, wohl aber eine solche, die von ihr nur 
schwer zu unterscheiden ist. 



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32 Gomper*. [550] 

Erwagungen sich verschliessen wollte, der miisste die Behaup- 
tung aufstellen, dass die Verbindung 8' iv nicht weniger als 
das einfache 5>v das geeignete Vehikel sei, um die durch einen 
l&ngeren Zwischensatz aus dem Geleise gekommene Construction 
wieder aufzunehmen und weiter fortzufiihren; womit selbst- 
versttadlich flir andere Gebrauchsweisen des apodotischen hi 
nicht das Mindeste bewiesen ware. 

6. In der dritten und vierten Auflage seiner commentirten 
Ausgabe versucht es Stein, die ,anakoluthe Ftigung' in II, 134 
durch eine vermeintliche Parallele zu stiitzen, die er VIII, 135 
wahrzunehmen glaubt. Er schreibt namlich daselbst wie folgt: 
£<; touto to \pcv siceiTS TtapsXGsTv tbv xaXs6fAevov toutov Muv, ercsaQai 
Se ol twv acT&v atpeTou<; avSpa? TpeT<; dtacb tou y.ocvou wc arcoYpa^Of/ivotx; 
Ta 0£cxis?v IpieXXe, xal 7rp6xare tcv :rp6[JiavTiv (tapgapG) YA&aoif) xp<* v - 
Auch hier erhalt, so meint er, ,der Satz s^ecOac Be — e|i.sXXe' 
durch Veranderung der urspriinglich beabsichtigten Construction 
,die Geltung eines Nachsatzes und die ganze Periode wird 
anakoluth'. Dagegen ist zu erwidern, dass SVR jenes $£ nicht 
kennen und wir nur (mit Gaisford, Bekker, Krttger, Abicht 
u. s. w.) die Partikel auszulassen brauchen um eine vollkommen 
regelrechte Fligung zu gewinnen. Herodot will sagen : Sobald 
die in dem Gefolge des Mys einherschreitenden Drei- Manner 
das Heiligthum betreten hatten, begann der Promantis sofort 
in fremdlandischer Sprache zu weissagen. Er verwendet hier- 
bei -mi in der bekannten (beispielsweise von Nauck zu Oed. 
Tyr. 717 illustrirten) Weise zur Markirung des betreffenden 
Zeitpunktes, und die Coordinirung der beiden Satze (eTreoOai — xal 
xp6y.ars-xpav) erhellt deutlich genug aus der Wahl des gleichen 
Tempus, des Praesens. Allein auch wenn man jenes hi fur echt 
halten wollte, so ware man dadurch keineswegs genothigt die 
befremdliche, durch nichts motivirte Anakoluthie anzucrkennen ; 
denn der Nachsatz konnte sehr wohl mit xal rcpcxaTs beginnen, 
indem xa( — wie so oft, auch bei Herodot (s. Eltz pag. 129 
und Stein selbst zu II, 45) — steigernde Kraft besftsse und 
ytm ^poxaTs gleichzusetzen ware einem xat aimxa, wie es uns bei 
Plato Sympos. 220A begegnet (toutou \xh ouv |/ot 8o*ei xat auTtxa 
[,alsbald* Lehrs] 6 £ke*(yp<; ecrsaOat). Ein xai an der Spitze des Nach- 
satzes erscheint auch VII, 128, 15 oder VIII, 64, 5, anders als 
das homerische x,at t6ts (Kriiger, Di. Synt. 65, 9, 1 und 69, 18, 1). 



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[551] Herodoteische Studien II. 33 

Wir kehren endlich wieder zu dem Ausgangspunkt unserer 
Untersuchung, zu II, 134 zurtick. Wie wahrscheinlich muss es 
uns nunmehr von vornherein erscheinen, dass an der einzigen 
Stelle, an welcher die Annahme eines unserem Doppelkanon 
widerstreitenden ? £e in apodosi' noch allseitige Billigung findet, 
dieselbe gleichfalls auf irriger Auffassung oder falscher Ueber- 
lieferung beruht. Diese Wahrscheinlichkeit wird jedoch dadurch 
zur Gewissheit erhoben, dass wir anderenfalls noch eine weitere 
Anomalie mit in den Kauf nehmen miissten, von der (um das 
Geringste zu sagen) bei Herodot, in der griechischen Prosa iiber- 
haupt und in der nach-homerischen Poesie keine sichere Spur zu 
entdecken ist 1 und die in der ausgebildeten Sprache einem Wunder 



1 Hieher rechnet man freilich Thncyd. Ill, 98 in. und Plato Legg. X, 898 C. 
Allein die erstere Stelle gehtfrt in die Kategorie der Doppelperioden 
(nach dem Schema pe'v, hi: hi, oOtw 8tj gebildet, wo das fisv der ersten 
Protasis natiirlich dem os der zweiten entspricht) ; die letztere enthalt, 
wie Jeder, der darauf aufmerksam gemacht ist, erkennen muss, die Pra- 
missen eines Schlusses, nicht diesen selbst. Kleinias fallt dem Athener 
ins Wort, zieht aus jenen Pramissen die richtige Conclusion und wird 
daflir von diesem aufs Warmste belobt. Man setze daher nach tt)v evav- 
x(av einen Gedankenstrich statt eines Schlusspunktes und die vermeint- 
liche Anomalie ist beseitigt. Dasselbe Heilmittel glaube ich im hymn, 
in Apoll. Del. v. 159 anwenden zu diirfen, ja zu miissen. Ein Beistrich 
nach loy 'iaipav gesetzt, so dass mit (xvr)aa{i.evai der Nachsatz beginnt (G. Her- 
mann liess ihn nach (Avrjaa^evat beginnen), bewirkt eine ungleich passen- 
dere Gedankenfolge als die jetzt iibliche Interpunction ; auf Hymnen zu 
Ehren Apolls, dann der Leto und Artemis folgen weltliche Gesange; 
statt upov v. 160 lese ich ofy.ov, dieselbe Aendening, welche Nauck 429 
vornehmen will und auf die ich auch an letzterer Stelle verfallen war. (In 
Nauck's iiberreichem Beweismaterial, Krit. Bemerk. .V, 21 fehlt nur das 
Nachstliegende, 8 74.) Somit bleiben nur die hieher gehflrigen Ano ma- 
lien in Ilias und Odyssee ubrig, die Niemand ohne Weiteres auf andere 
Sprachperioden und Redegattungen wird Ubertragen wollen. Hier mahnt 
aber noch Mehreres zu besonderer Vorsicht. Die Instanzen, in denen 
man solch' eine Responsion von piv und Be erkennen will, bilden eine 
verschwindend kleine Minderheit in der Gesammtzahl der Falle des apodo- 
tischen hi (3 unter 114, wenn man die Doppelperioden ausschliesst, zu 
denen auch W 321 gehOrt). Diese drei Falle schliessen sich aber wieder 
nicht zu einer Gattung zusammen, sondern bilden vereinzelte Singulari- 
taten, tiber welche die Kritik und Interpretation noch nicht ihr letztes 
Wort gesprochen haben. In zwei von den drei Fallen erscheint et im 
Vordersatz (W 558 und 8 831), an letzterer Stelle auch im Nachsatz in 
der Phrase et h y aye, wobei — falls wir an der alten elliptischen Er- 



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34 Goraperz. [552] 

gleich zu achten ware: ein (xsv in der Protasis, welches einem 
3s der Apodosis entsprache, d. h. also ein Satz, der nicht mittelst 
einer Anakoluthie von der Subordination in die Coordination 
tibergeht, sondern von Haus aus zugleich parataktisch und 
hypotaktisch angelegt ist! Und endlich — es bedarf zur Aus- 
merzung dieses Rattenkonigs von vollig analogiewidrigen Ab- 
normitaten so wenig eines gewaltsamen Eingriffs, dass es viel- 
mehr gentigt, ein Wort durch Conjectur herzustellen, welches 
bei Herodot nicht nur haufig, sondern (falls Bredow, dc dialect, 
herodot. pag. 107, nicht irrt) ausnahmslos verderbt, und zwar 
immer in derselben Weise verderbt worden ist. Es handelt 
sich um das ionische nnd nach des Aelius Dionysius aus- 
drttcklicher Angabe herodoteische eweixev, welches jedes- 
mal, wo es richtig verstanden ward, in das attische exetxa ver- 
wandelt und nur dort, wo es unverstanden blieb, unter der 
durchsichtigen Htille exet ts oder eiueixe erhalten ward, — ein 
Process, in den uns die handschriftlichen Varianten zu II, 52; 



klarung festhalten — o( nicht zum Nachsatz gehflrt; die neue Lange'sche 
Auffassung ist mir aber iiberhaupt nicht verstitndlich ; denn wenn et so- 
wohl ah ays auffordernde Kraft besitzen sollen, so begreift man nicht, 
warum die zwei Worte regelmassig durch die Adversativpartikel getrennt 
sind. Es wird wohl einfach hier (und vielleicht auch anderwarts) eT aye 
(einst sTa ays geschrieben) zu lesen sein. Vgl. Theocrit. II, 95 (wo die 
Handschriften schwanken) oder Aristoph. Ran. 394: ay' eTa. ^558 — 559 
erinnert so auffallend an o 545 — 546, wo [jiv fehlt, dass ich nicht umhin 
kann zu denken, Beides sei Nachbildung eines alteren Vorbilds.) In X 
385 — 387 endlich gilt mir d' im Nachsatz (falls nicht mit Nauck ^Xu9 
statt y[X8e V zu schreiben oder der Ausfall eines Verses anzunehmen 
ist) als Wiedera^ufnahme des autap an der Spitze des Vordersatzes, das 
jx^v aber musste dann als [jiv solitarium betrachtet werden. — Nebenbei 
bemerkt, die Untersuchung dieses sprachlichen Phanomens bei Homer 
wird ungemein vereinfacht, wenn man die Falle, in welchen das bi 
des Nachsatzes nur dieselbe oder eine andere Adversativ-Partikel des 
Vordersatzes wieder aufnimmt , aus der Gesammtheit der Instanzen 
aussondert. Dass diese Unterscheidung keine willkiirliche ist, erhellt 
wohl zur Geniige daraus, dass die homerischen Hymnen aus- 
schliesslich, die hesiodeischen Gedichte nahezu ausschliesslich , diese 
Art von M in apodosi kennen. Die vollstandige Ignorirung dieses Ge- 
sichtspunktes bildet meines Erachtens einen Hauptmangel der unge- 
mein fleissigen, als vollstandige Stellensammlung tiberaus schatzbaren 
Monographie L. Lahmeyer's (de apodotico qui dicitur particulae hi in 
carminibus homericis usu, Lips. 1879). S. Excurs I. 



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[553] Herodoteische Studien II. 35 

VI, 83; VI, 91 u. s. w. (s. Bredow a. a. O. oder Schweighauser's 
lex. herod.) die sicherste Einsicht eroffhen. Man schreibe daher 
(im Hinblick auf Stellen wie VH, 7 fin. XP^ fxeTixstTsv ; VII, 197 in. 
lA£T£7:£tT£v 8s; I, 146 fin. y,al erecTSv tauTa xocYfaavisq; II, 52 in. 
sxetTsv 8e XP^ V0U woXXou Ste^eXGovco?) auch II, 134: — ox; SisSe^e 
Ttfie oux, fjxtGTor IrcetTev Y^p woXXfibu$ xyjpuacrovxwv AeX<pu>v dx. 8so- 
•rcpoxfou S<; (SouXoito tcocvyjv TYJq Atawxou <J>ux*fe aveXesOai, aXXo^ (iiv 
ou8et£ e<pavYj, 'IocS{jlovo<; 8e watSb? xat<; aXXo<; 'Icc^Jitov avstXero. (Ich 
muss dieser langwierigen Erorterung noch die Bemerkung bei- 
ftigen, dass die Schreibung Iweitev bereits bei Abicht sich vor- 
findet, jedoch nicht nur ohne ein Wort der Motivirung, sondern 
auch ohne dass diese Neuerung als eine solche bezeichnet ware. 
Weder das Verzeichniss der Abweichungen von Dietschens Aus- 
gabe in der Teubner'schen, noch die adnotatio critica der Tauch- 
nitz'schen Edition mit ihrer Aufzahlung der Discrepanzen von 
Stein's Text enthalt irgend eine hierauf bezugliche Aeusserung. 
Sollte wirklich der Setzer diesmal die Rolle des emendirenden 
Kritikers gespielt haben?) — 

Im folgenden Capitel bestreitet Herodot die irrige An- 
nahme mancher Griechen, die schone Hetare Rhodopis habe 
eine Pyramide erbaut, mit dem folgenden Argumente: vq$ y<*P 
TTjv SexaxTQV tu>v xpiQpuxTwv iSeaGac £<m hi xat iq t6§s wavrl to) ^ouXo- 
pieva), ou8ev del [Le^dXa o\ xp^piaTa dvaOsTvat. Hat wirklich 
noch Niemand an dieser unerhorten Logik Anstoss genommen : 
,Denn da noch heute Jedermann den Zehnten ihres Vermogens 
sehen kann, darf man ihr kein grosses Vermogen zuschrei- 
ben. ' In der That? Doch nur kein grftsseres, als sie wirklich 
besass, und ebenso wenig ein kleineres! Und als ware es an 
dem formalen Fehlschluss noch nicht genug, widerstreitet auch 
die materielle Conclusion schnurstracks demjenigen, was der 
Geschichtschreiber in dem unmittelbar vorangehenden Satze 
geaussert hatte: outg> 8yj yj ToSwrct; eXeuGepwGy] xal xaTspietvs ts ev 
Aiyutwi) xai xapia e7ca<pp68iT0^ y^ ^ 77 ) M-£Y*^ a s*^* 10110 XP^l AaTa j 
ax; av (1. (xsv) l sivat 'PoScfaci, ax3ep out. ax; y £ ^ iuupafi.£8a Totaunrjv 



1 Die Unstatthaftigkeit des av in dieser Verbindung haben Lhardy und 
Kriiger gut erkannt. (Stein's Bemerkung zur Stelle wird, soweit sie einer 
Widerlegung bedarf, durch seine ebendaselbst zu c. 135, Z. 11 erfolgende 
Verweisung auf VIII, 88, 9 und das dort Zusammengestellte bestens wider- 

3 



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36 Gomperz. [554] 

e^txiaBat. Ich denke, wenn jemals eine Interpolation mit un- 
bedingter Sicherheit als solche zu erkennen war, so ist dies 
hier der Fall. Schuld an derselben tr£gt zweierlei : die Ver- 
kennung des demonstrativen Gebrauchs des Artikels (der 
genau so angewendet ist wie z. B. I, 172 toici fotp; II, 124 -rife 
Y^p; II, 148 tou fip) und der durch yap eingefuhrte begriindende 
Satz, dessen Bezug nicht richtig verstanden wurde. Es ist, als 
ob Herodot einen skeptischen Leser vor Augen h&tte, der ihm 
die Frage entgegenhalt : woher weisst du denn tiber das Ver- 
mogen der blonden Thrakerin so genauen Bescheid, dass du 
zu sagen vermagst, es sei zwar gross gewesen fur eine Person 
ihres Standes, aber doch nicht gross genug um die Erbauung 
soldi' einer Pyramide zu ermSglichen. Diesem Einwurf begegnet 
die Berufung auf die Autopsie in dem Satze: vfiq ^ap tyjv Sexofryjv 
twv xp^^wv iSeaBat £<m hi xal £<; t68s rcavrl tg> PouXojJiivw. Nicht 
allzu selten sind die F&lle , in welchen ein durch «(dp eingeleiteter 
Begrundungssatz nicht den In halt der vorangehenden Aus- 
sage, sondern das Stattfinden derselben und das ihr zu Grunde 
liegende Wissen erkl&rt (vgl. z. B. Lysias I, 11: 6 yap avBpuyrcoq 
2v8ov Yjv uaxspov yap Stcovtoc e7uu86|JiT)v oder Aeschyl. Pers. 341 
Dind.: Ssp^t) 8e, xac y«P o^Sa, yikiaq jjisv 9jv xie\). Die schlagendste 
Parallele bietet aber unser Schriftsteller selbst dort, wo er von 



legt!) Was w$ «v bedeuten wiirde, magEuripid. frg. 689 lehren: — xoO toc- 
ratvbs ouS' ayav 1 1 eSoyxo; cos av 8ouXo$ — . Auffallender Weise hat iibrigens 
nicht nur Stein die sammtlichen hieher gehflrigen Falle, sondern auch 
Kriiger zwei derselben m. E. vollstandig missverstanden. II, 8: oux^ri rcoXXbv 
ycopfov a>$ eTvoci AJyurtTOu heisst: ,nicht mehr viel Raum, fttr ein 
Land wie Aegypten namlich'; IV, 81: xort 6X(you$ a>$ 2x68a$ eTvat ,und 
wenige, fur ein Volk wie es die Skythen sind*, deren Zahl mit jener der 
Thraker und Inder verglichen wird. An beiden Stellen dient also genau wie 
an unserer (oder wie bei Thucyd. I, 21 : w? rcaXata stvai oder, worauf Kriiger 
selbst verweist, wie Gorgias 517 B) der in to; liegende Begriff der ideellen 
Abhangigkeit dazu, an die Stelle eines absoluten Massstabes 
einen relativen zu setzen. (Beilaufig, den von Kriiger als ,seltsam und 
verdachtig* bezeichneten seemanischen Ausdruck xoti ev 2v5exa opyuujai 
laeai n, 5 wendet sehr ahnlich auch Polybius an IV 40 [1, 340, 29—30 Bekk.] : 
to yap tot rcXeiarov auTJjs y.lpo$ ev Ircra xat izhxe opyuiat? eaifv — , wo wieder 
Hultsch mit Unrecht, wie man sieht, andern wollte.) Dass es aber dem nach- 
folgenden ardcp gegeniiber rathlicher scheint, av in [xiv zu verandern, als es 
einfach zu tilgen, dies durfte Jedem, der darauf aufmerksam gemacht ist, 
von selbst einleuchten. 



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£555} Herodoteische Studion II. 37 

den angeblich goldgrabenden riesigen Ameisen Indiens sagt: 
sie sind kleiner als Hunde, aber grosser als Fiichse, imd den 
iiber die Genauigkeit dieser Angabe befremdeten Leser durch 
die Bemerkung beschwichtigt: man braucht ja nicht jene in- 
dische Wustenei aufzusuchen um diese wunderbaren Thiere zu 
sehen; es gibt deren auch am Hof lager zu Susa (III, 102) : ev 
8yj &V vf\ ep^fxo) (dies, namlich ep-^jjico [sic] bieten R und V statt 
spY)|MY)) to6ty) %a\ TQ ^a(i.[JWi) Y^vovtat )wpw*.zq ^e-faOsa exovre<; vcuvwv 
jxev eXaaaova, aX<i)7cex,d)v 8e (Jie^ovor etal yap auxwvxai rcapa PacrtXet 
[twv Hepaswv], * evOeutev OYjpsuOivxes. Ob iibrigens Herodot hier 
durch den Bericht eines Persers getauscht ward, oder — was 
der Wortlaut seiner Aeusserung und sein durch Matzat's Unter- 
suchung so gut als sichergestellter Aufenthalt in Susa (Hermes 
VI, 449) weitaus wahrscheinlicher macht — jene tibetanischen 
Murmelthiere (s. Bahr, Stein, Rawlinson ad loc.) im persischen 
SchSnbrunn selbst gesehen hat, aber in Fragen der zoologischen 
Classification so ungetibt war, um vierftissige Thiere nicht nur in 
Betreff ihrer Lebensweise (was ja zutreffen soil), sondern auch 
,in Riicksicht ihres Ansehens 6 Ameisen ,, hSchst ahnlich' 2 zu 
finden , dies wage ich nicht mit voller Sicherheit zu entscheiden. 
— Der im Obigen erbrachte Nachweis einer groben, wenngleich 
alterthtimlich klingenden und wahrscheinlich auch alten Inter- 
polation darf uns kiinftig aufstossenden Exemplaren derselben 
Gattung gegeniiber einigermassen zuversichtlicher stimmen. 
Dieser erhShten Zuversicht bedarf es freilich nicht, um (diesmal 
mit Stein) in den alsbald folgenden Worten touto dva6e?vat e<; 
AeXfo6; ein durch keinerlei Art von Epanalepsis zu entschul- 
digendes, aller Analogie widerstreitendes Einschiebsel zu er- 
kennen. (Ich erw&hne die Sache nur darum, weil Stein diesen 
wohlbegrundeten Verdacht zwar vor und nach Verc5ffentlichung 
seiner kritischen Ausgabe ausgesprochen, aber in dieser irgend- 
wie zum Ausdruck zu bringen versaumt hat.) 



1 S. Zeitschr. ftir 8sterr. Gymn. 1859, 825. 

2 zl(j\ hi xat afaof <a<pt) to eTSo; 6fj.otdTarot dflrfte die richtige, auf Ver- 
schmelzung derLesartenbeider Handschriftenclassen beruhende Schreibung 
sein, wobei auiof im Unterschied zu der vorher geschilderten 8 {area (dem 
Hauptpunkt der Uebereinstimmung mit den ,hellenischen Ameisen') ge- 
sagt ist. Ueber V berichtet Gaisford diesmal richtig. 

a* 



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38 Oomperz. [556] 

II,. 143, 15: 'Exorato) 8e YeveTqXoffaavrt ewuTbv %<xi avaS^aavri e<; 
IxxaiSexarov 6ebv avTeYSveT^fyjcav [eict Tij dptBpnfaei] — , dvTS-](ever r 
X6Yt)a<r/ 8£ 2>§s* — . 

Was sollen hier die Worte ercl tyj aptBjx^oret (diese und 
nicht die ionische Form des Wortes bieten alle Handschriften) ? 
Die thebanischen Priester hatten dem Hekataus gegeniiber 
genau dasselbe gethan, was sie Herodot gegeniiber thaten 
(ercofyaav — otov Tt %a\ ey.oi ou ^vferikoj^axni) y d. h. sie hatten 
ihm die 345 Standbilder der Hohenpriester vorgewiesen und 
behauptet, jeder derselben sei der Sohn seines Vorgangers ge- 
wesen. Der Unterschied bestand nur in der polemischen 
Wendung, welche diese Darlegung der Pratension des Hekataus 
gegeniiber gewann, sein sechzehnter Ahn sei ein Grott gewesen. 
Dies bedeutet avTeYevei)X6Y?)Cfav, ohne weiteren Zusatz. Nur 
ein zugleich einsichtsloser und pedantischer Leser konnte diese 
Unterscheidung nicht fur erheblich genug halten und sie durch 
jenen ungeschickten und dem Sachverhalt widersprechenden 
Zusatz verstarken zu miissen glauben. Rawlinson iibersetzt die 
Stelle so, als ob jene drei Worte nicht vorhanden waren: ,the 
priests opposed their genealogy to his' etc. Stein's Ueber- 
tragung aber: ,rechneten sie dagegen bei jener Zahlung 
ihre Geschlechter vor' wird den Worten nicht vollig gerecht 
(denn eVi -nj apeOjJwfaet hiesse ,over and above their enumeration') 
und macht doch den Eindruck einer , Unterscheidung ohne 
Unterschied 4 . 1 

II, 154: toutwv 8e oixtcOsvTwv sv Airfare*), ol °EXXY)ve<; outw 
£TCt[xtaYojji.evot TouTotat tog wspl AIyuxtov Yivojxeva, dwb Wa(i.jJLY)Tix ou $ctv&&o$ 



1 Beruhen nicht auch die Worte Totat evo7cvfoiat 141, 21 auf Interpolation? 
Oder kann der Plural das eine Traumgesicht, oder, falls wir auf den 
Inhalt desselben blicken, die eine Traumgestalt, von der die Rede ist (iizi- 
atavia tov 8ebv), bezeichnen? Vielleicht vermag mich hieriiber Jemand zu 
belehren. toutokji 8>j jxtv rcteuvov (vgl. VII, 153 toijtokji 8' wv rcfouvos eojv) 
bedarf jedenfalls keiner solchen Zuthat, wir mtfgen nun das Pronomen 
als Neutrum auffassen (vgl. VII, 10, 11: xto 8t) xat 7t(auvo? ia>v) und auf 
den geschilderten Vorgang oder es auf die von dem Gotte versprochenen 
Tt(jtcopo( beziehen. Dass Stein in dem vorangehenden Satze das allein 
sprachgemasse rcs^eiv der besseren Handschriftenclasse wieder in tz(\l$£i 
ver&ndert, kann ebenso als ein Curiosum gelten, wie seine Vertheidigung 
des aus der vorangehenden Zeile mechanisch wiederholten, von Krttger 
mit Recht als Einschiebsel erkannten {jlet' Swutou 152 fin. (vgl. HI, 51). 



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[557] HerodoteiBche Studien IT. 39 

ap§dE|Aevot, Ttdvta. (lies: xauxa) xac Ta ftcrspov I^KrcafAsOa dtapex&as* — . 
Diese Verbesserung dtirfte wohl (lurch sich selbst einleuchten. 
Die Verderbniss , welche hier der Archetypus erlitt, ist ein 
anderes Mai auf den Parisinus 2933 beschrankt geblieben 
[III, 48 i Gaisford]. Eine andere Verwechslung von x und t 
wird uns zu IV, 88 beschaftigen. Ist nicht umgekehrt frg. 
trag. adesp. 426 (Nauck) wivra zu Tauxa entstellt worden in 
den Versen: 

•jcavTtov Tupavvo; yj T6/Y) im t&v Geato, 

Ta $' aXX' ovofJLata xauTa TCpocxstiae pidTYjv — ? 

Einen erstaunlichen Uebersetzungsfehler Stein's wtirde ich 
unerwahnt lassen, wenn er nicht zu einer allgemeineren Be- 
merkung Anlass gabe. Die Worte 172, 16: [A£t3c 8e aofCt) auTob<; 
6 "Apawc, oux d-fvcojAoauvvj xpocryjY^Y^o bedeuten namlich nicht: 
er gewann sie ,auf eine kluge, gar nicht unfeine Art', sondern : 
durch geschmeidige Klugheit, nicht durch rticksichts- 
lose Harte. Fttr diese Bedeutung von dfvtoiJioauvY), aYV&fxwv 
(z. B. Xen. Cyrop. IV, 5, 9: <bfxb<; eTvat xat byvibnw) wie fur die 
entgegengesetzte von suYvwfxwv (aequus, s. Nauck zu Trach. 473), 
euYVG){jio<j6vT) u. s. w. geniigt es auf die Worterbticher (auch auf 
Schweighauser's lex. herod. !) zu verweisen ; hat doch Stein 
selbst die Phrasen rcpb<; &yvo)[j.oo6vyjv TpixeaOat, dfVtofAoauvY) §ia%poi<fiou 
IV, 93 oder VI, 10 keineswegs missverstanden. Was ihn diesmal 
irrte, war augenscheinlich der Gegensatz co<piY). Und darum 
mag es nicht iiberflussig sein daran zu erinnern, dass auch 
bei Theognis v. 218 (P. L. G. II 4 , 140) nahezu genau die- 
selbe Gegeniiberstellung sich findet: xpetaa6v tot ao^fyj Y^ VSTae 
ax pox (*/)<;. Dem Griechen, zu dessen Nationalhelden Odysseus der 
7coXuTpo7co<; gehorte, bedeutete die praktische Intelligenz eben in 
erster Reihe und oft nur allzu ausschliesslich jene vielgewandte 
und aalglatte Geschmeidigkeit, die sich in alle Verhaltnisse zu 
schicken, jeder Anforderung anzupassen, in Alles zu fiigen und 
zu schmiegen weiss ; das Sinnbild dieser ecxpta ist der seine 
Farben wechselnde Polyp, das Chamaleon der Alten (vgl. Theo- 
gnis a. a. 0. und was sonst Athenaus VII, 317 und XII, 513 
zusammengestellt hat) ; nichts naturlicher daher, als dass Worte, 
die ursprunglich nur Mangel an Einsicht bedeuteten, dahin ge- 
langt sind, die Riicksichtslosigkeit, die Harte, die Starrheit, ja 



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40 Gomperz. [558] 

wohl auch die blosse Kraft zu bezeichnen, wie denn jenes Tcpb<; 
avvwixoauvTjv Tpa7c6(X6vot (IV, 93) sich von einem rcpbq aXxtyf expflbcovTO 
(IV, 125) kaum merklich unterscheidet. 1 

EL, 173, 20 wird der Uebergang vom Vergleichsobject zum 
Verglichenen durch das Satzglied bewirkt: o&t<o Byj xat av8p(i>- 
xou mx&maaiq. Es ist dies, falls ich nicht irre, gegenw&rtig das 
einzige Beispiel dieser missbr&uchlichen Anwendung der betref- 
fenden Partikelverbindung in unserem Texte, w&hrend ein 
derartiger Uebergang regelm&ssig durch o5tw 8£, &; U (dies be- 
vorzugt unser Autor) oder waataws §i eingeleitet zu werden 
pflegt. Bei spateren Prosaikern mag soldi' eine Verwirrung 
immerhin glaubhaft scheinen, nicht so bei Schriftstellern, die 
lebendiges Sprachgeflihl besitzen. Bei Plato schwindet diese 
Irrung allm&lig aus den Texten, so Gorgias 514 E (wo erst Schanz 
gebessert hat) oder Protagoras 313 D, wo Stephanus ebenfalls 
ofow Si5 las, was seither der richtigen Lesart der besseren 
Handschriften gewichen ist; Meno 87 B scheint mir o&tw 5r, 
gleichfalls unzulassig. Bei Hippokrates, de prisca medic, c. 9, 
liest man noch heute (auch bei Littr^ und Ermerins): cfaw Br, 
mi oi xaxo( xe xal nXeitrzoi tiQTpot, wahrend der Parisinus A (und, 
wie ich hinzufiigen kann, auch der Marcianus) das allein an- 



1 In Betreff des hieher gehflrigen Bruchstiicks der sophokleischen Iphigenie 
(frg. 286 N.) bin ich mit Nauck der Meinung, dass dasselbe durch Porson's 
und Bergk's Bemiihungen noch keineswegs geheilt ist. Vflllig sicher scheint 
mir nur Eines: dass im ersten Vers voet izpoq avSpa (nicht avopt) zu schreiben 
ist, da izp6$ c. ace. ftir die hier erforderte Bedeutung des Sich-Anpassens 
und Anbequemens der ganz eigentliche Ausdruck ist; vgl. ausser dem, 
was Kriiger 68, 39, 5 anftthrt, noch insbesondere Thucyd. II, 54: — rcpo; a 
lntxoy>ov rrjv {xv7J(xy)v ercotouvTo (,sie accommodirten ihre Erinnerung ihren 
Erlebnissen'). Da sich nun der zweite Vers nicht ohne iibergewaltsame 
Aenderungen mit der Annahme vereinigen lasst, jene drei Worte ent- 
halten einen in sich abgeschlossenen Gedanken (= toioutov fyz tov vouv, 
otoj av *5 6 sviuy^avcov aot), so bleibt kaum etwas Anderes ttbrig als die 
Schreibung: 

Nrfet 7:pb? avSpa XP^H 1 * rcouXtaous onus 
rcerpav xparcs'aBat yvy)a(ou 9pov7J{i.aTo?. 

(D. h. 'ia9t xb trfc 8tavota$ XP^P* K P°i T0V £**GTOTe ivxvyyjxvovTCL ajxE^EaSat 
xaOarcep o rcoXujtous rcpo; £xa<ror)v rcerpav ajxcfpETat.) Der also erwachsende 
Anklang an Shakespeare's ,native hue* of resolution ist merkwiirdig 
genug. 



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[559] Herodoteische Studien II. 41 

gemessene o&to> U darbieten. ! Und dies hat man ohne Zweifel 
auch hier herzustellen, gleichwie dieselbe Corruptel VII, 10 e, 7 
(wo sie nur an einer kleinen Zahl von Handschriften haftet) 
und VII, 135, 17 (wo die Aldina, nach Stein, ihr einziger 
Tr&ger ist) bereits beseitigt wurde. 

So oft oStg) 8ifi bei Herodot consecutive Bedeutung hat, 
driickt es eine thatsachliche Folge aus; ein Schluss, eine 
logische Folge rung hingegen wird durch o&tg) oder ofrco) 3>v 
eingefiihrt, z. B. I, 32 : ofrca) 3>v & Kpours rcav ear! avBpowco^ au[A<popif5 
oder II, 134 : o&to) xai Atcrwxcx; 'Io&fjLovos iY^ V6t0 G 80 ergibt sich 
denn hieraus, dass Aesop' u. s. w.). Daher that Stein wohl 
daran, III, 16, 12 mit den Slteren Herausgebern (und gegen 
SVR) zu schreiben: o&to) (nicht oitao Byj) ofcSeTepown vo|Ai£6(ji.eva 
ev£t£XXsto xoisetv 8 Ka[i,p6aYj<;, denn dies ist ein aus dem Voran- 
gehenden abgeleiteter Schluss, nicht eine daraus fliessende that- 
sachliche Folge. Granz dasselbe gilt aber von VII, 152, 15, wo 
Sinn und Sprachgebrauch gebieterisch die Schreibung heischen: 
outu) o&8' 'Apfsiotat atoxwra «7ce«7cotY)Tat (oOtg) statt o&tg) 8^ mit SVR, 
ouS' statt oux mit Kriiger). 2 Richtig liest man auch bereits bei 
Bekker IV, 13 fin. : ootu) ouSe outo<; cu^epetai rapt Trj<; x^P 1 ^ totals 
Sy,u6Y)ot, wo Wesseling, angeblich mit SV, irrthiimlich outw ^ 



1 Eine analoge Irrung erscheint in den meisten Handschriften des hippo- 
kratischen No^os (§. 1 = IV, 638 L.), wo man mit der fur diese Schrift 
massgebenden Handschrift zu schreiben hat: ofioioTaroi yap o\ toio&e Totst 
rcapeKjayofiivotat rcpoacorcoiai ev Tjjat TpaYcoSfyai zfol ' xai (nicht co$) yap exefvoi 
a^7j{jia [iiv xai <jtoX7jv xat rcpo'swrcov urcoxpiTou ?^ouat, oOx etei 8k urcoxpiTaf* 
o&tco 8k (nicht oCxa>) xat lt]xpol ' 9^7] (xlv rcoXXof, Ipyw 8s rcay/u (Satof. Ob 
die Ersetzung des xa( durch a>; auch diesmal in der jtingst wieder von 
M. Schanz so reichlich illustrirten Weise stattfand (Rhein. Mus. 38, 142), 
bleibe dahingestellt. 

2 Warum haben doch die Herausgeber bisher die Besserung verschmaht, 
welche die Handschriften der ersten Classe zu I, 75, 22 darbieten? Es gilt 
dort eine Steigerung des Unglaubens auszudriicken, eine Aufgabe, 
der die gegenw&rtigen Textesworte ganz und gar nicht genttgen. Wollte 
Herodot nicht schreiben: dXXa touto {xev oO jcpoc(e(xat <ap/^v) (vgl. IV 25; 
V, 106; VI, 121 und 123), so musste er mindestens das sagen, was SVR, 
(freilich mit dem leichten Buchstabenfehler rcpostsvat statt TCpoafe|iai) ihn 
sagen lassen: aXXa touto piv o08e 7Cpoa(e[xat. (Die Behauptung, dass 
Thales den Halys zeitweilig aus seinem alten Bette abgeleitet habe, 
halt der Historiker fur wenig glaubhaft; die zweite Behauptung, das 
alte Bett sei fur immer trocken geworden, gilt ihm aus inneren Griinden 



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42 Gomperz. [560] 

schrieb (V hat in Wahrheit oIjtu) 84), wahrend VI, 69, 22 der- 
selbe Fehler einst von mir ausgemerzt worden ist. ! Es ist kaum 
mehr als ein Zufall, wenn wir uns hier fortwahrend im Kreise 
handschriftlicher Lesarten bewegen; denn entschieden werden 
derartige Fragen nicht durch die Zeugnisse der Codices, weder 
indem wir dieselben zahlen, noch selbst indem wir sie wagen. 
Es geniigt, meines Erachtens, wenn wir aus einer Anzahl wohl- 
beglaubigter Falle die Ueberzeugung gewinnen, dass der Schrift- 
steller verschiedene Ausdrucksweisen mit Bewusstsein zum 
Vehikel verschiedener Begriffsntiancen gewahlt hat. Ist er 
kein Stumper und kein Wirrkopf, so konnen wir nahezu gewiss 
sein, dass er sich des einmal errungenen Vortheils nicht wieder 
muthwillig wird begeben haben. Und diese annahernde Gewiss- 
heit wird zu einer vollkommenen , wenn das Schwanken der 
Handschriften uns eine Gegenstromung offenbart, welche jene 
Absicht verhindern musste, zu vollig reinem und unzweideutigem 
Ausdruck zu gelangen. 

II, 178 : — xai Eyj xai ToXat dTCixvsujjiivotat iq Aiyutctcv I&wxe 
NaoxpaTtv x6Xtv evotxyjaar towi 8s (jlyj PooXopiivoici out&v otx£etv ? auxou 
8e vauTtXXo(i.evotat £Sfc>xe x^P 0U< ? evi8p6aac6at P(i)(jlou<; xai xspiivea Oeato. 
Ich wiisste nicht, dass man im Griechischen ein ,dort' bei otxseiv 
eher entbehren konnte, als dies im Deutschen zulassig ist. 
Sollen wir also etwa evOaota oder aurou (letzteres mit dem cod. 
Remiger.) einschalten ? Ich denke, wir wiirden damit nur den 
Process der Anpassung eines Marginal-Zusatzes an seine Um- 
gebung einen Schritt weiter fuhren; denn begonnen hat der- 
selbe (wie ich glaube) schon mit der Ersetzung der Schrei- 
bung der ersten Handschriftenclasse durch die Vulgat-Lesart. 
Jene lautet namlich evoixeetv (in SVR) und verrath deutlich 
genug ihre Abstammung von dem vorangehenden evoixYjaat. Von 
derartigen, theils erklarenden, theils erg&nzenden Randbemer- 



als ganz und gar unglaublich.) Muss nicht auch IX, 42 olhl an die 
Stelle von oux treten in dem Satze: ^[jle?$ to(vuv auto touto erciorafievoi 
oCre \'[xev sVt to Ipbv [touto om. SVR] ol>T£ £7rt^£ip»5ao{jLEv Staprca^Eiv, tocut7)s 
te etvexa ttj; akfys oux ajcoXeofxeOa (,und aus diesem Grunde werden 
wir auch nicht zu Grunde gehen') ? 

Zeitschr. fur Osterr. Gymn. 1859, S. 828. 8ij fehlt nach Gaisford in SF be, 
wozu jedenfalls noch V kommt. Nach Stein, der in der ersten Auf lage 
seiner commentirten Ausgabe die Partikel duldete, ware sie eine blosse 
Zuthat der Aldina. 



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[561] Herodoteische Studien n. 43 

kungen werden uns noch gar viele begegnen. Hieher gehort 
z. B. HI, 22, 14: £§Y)Yeo(j.£v<ov Ik tow 'lyjfooydrfw xbv x6<j[xov autou 
YeXaaa*; 6 (3aatXeb<; xal vomica; slvai a^pea w^8a? slice ax; Trap' IwuTotat 
e!at pwjjiaXs&xepat xouxdtov [wi8at]. Oder IV, 23: xai <fcrcb xvfe tco^xy)- 
xo? auxdu [tyJs xpuYb;] xaXdGa; cuvxiOeTai (denn der nach Abfluss 
des Fruchtsaftes tibrig bleibende Rtickstand heisst im gewohn- 
lichen Griechisch xp6£ und wird hier von Herodot TrayjjxYj; ge- 
nannt 5 die Verbindung beider Worte — von ihrer wenig ange- 
messenen Stellung abgesehen — schltfsse die falsche Voraus- 
setzung in sich, dass die xpui; auch nicht dicke Bestandtheile 
enthalt. [Die zwei Worte will, wie ich erst jetzt sehe, schon 
Reiskfi tilgen, dessen Mahnung aber ungehort verhallt ist]). 
Und sicherlich auch das Folgende: VI, 69, 1: xbv xp^ vov Y<*P 
[xou<; Sexa fAYJva<;] oi>$&uo e^xstv — 5 wenige Zeilen spater heisst 
es zu allem Ueberfluss: xixxousi y*P Y 070 ^*^ * ai ^vvsafXYjva xat 
cTrra^va, xat ou rcaaat 5dxa [XYjva<; IxxsX&iaaai. Gelehrtem Vorwitz 
entstammt (meines Bedunkens) die Zuthat, die ich II, 47, 19 an 
der totalen Entbehrlichkeit einer der zwei verbundenen Bestim- 
mungen und an der ganz und gar unberechtigten Emphase der 
asyndetischen Nebeneinanderstellung erkenne in dem Satze: 
xoict |iiv vuv aXXotct Oeoicrt 66stv Zq cu Sixateuat A?Yuxxtot, SeXYJvr) Be 
xai Atov6aa) (/.ouvotcrt xou auxou xp6vou [x$ abxfl rcavasX^va) xou;] 1 u; 



1 Wie man hier den Artikel zu rechtfertigen vermag, ist mir unerfindlich. 
(Die zwei Worte xou$ u$ tilgt jetzt Stein, Comment. Ausg. 4). Er ist so 
wenig zu dulden wie z. B. Ill, 21, wo selbstverstandlich auch ohne das 
Zeugniss von SVR zu schreiben ware: eraocv oGxw eurcexi<i>s ?Xxa><ji [xa] 
xoi-a UipaoLi peyaSea xoaauxa, oder V, 27 fin.: xou; 8k afoeaOat tov Aapefou 
axpaxbv [xbv om. ABC d] oltzo SxuOstov onlaoi cxtcoxojjli^^svov, ,das Heer des 
Darius auf seinem Riickzug aus dem Skythenland', wo schon Sch&fer ge- 
bessert hatte; oder VII, 5: ouxo$ jxiv 01 [6 om. SV] X<fyo$ fy xifiwpo'; 
(= xouxo [jiv xxl.) ; oder VIE, 59 in. : izph 3) xbv EOpuPiaSirjv ;cpo0eTvat [xbv] 
X<fyov xaiv efoexa auvTiyaye xous axpaxrjYOus (was Cobet Var. lect. 353 be- 
richtigt hat); oder VII, 34, wo ich wenigstens nicht erst das Zeugniss 
von SVR abgewartet habe, um die Sprachwidrigkeit des gangbaren Textes : 
X7jv 8\ tx^prjv xr)v |3upX(v7)V zu erkennen. Es war ja vorher (c. 25) zwar 
die Austheilung von Flachs- und Basttauen an Phtfniker und Aegypter, 
nicht aber deren Verwendung fur je eine Brucke gemeldet worden. Zu 
schreiben ist aber die Stelle auf Grund jenes Zeugnisses also: eye^upouv 
xoTai rcpoa&cetxo, xr)v (ikv XsuxoXfvou <l>o(vtxes x^v 8k PufXfvyjv Atyurcxiot, ,die 
Brticken errichteten Jene, denen dies oblag, die eine — aus Weissflachs 
— die Phtfnizier, die andere — aus Papyrusbast — die Aegypter*. Dass 



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44 Gomperz. [562] 

86aavT£<; TcaxeovTat twv xpewv. Das Ohr allein entscheidet, ich denke 
ohne Appell, iiber die Unechtheit der Schlussworte in dem Satze 
(VII, 73): ol Be ^puys^;, <!><; MaxeS6ve<; \eyo\J<ji^ IxaXiovTo Bpvyz$ 
Xpovov 8<Jov Eupuwrfyoi dovrs<; a6votxot Jjaav MaxeSoac, [kexa^dyzeq 8e e<; 
tyjv 'Acfyv &[ia tyj x^PT) xat T0 cuvofxa HsxepaXov [£<; <£p6Y<x<;]. Vgl. 
sogleich c. 74 : o! Be AuSol Myj(ov€<; exaXeuvro rcaXai, eVt Se AuSou too 
"Atuos ^o/ov tyjv exwvufxiYjv, p.eTa(3aX6vT£<; to ouvojxa. — Doch kann 
auch bei richtig erkl&renden oder erg&nzenden Zusatzen wohl 
mitunter ein Zweifel in Betreff ihrer Unechtheit zuriickbleiben, 
so gilt das nicht von jenen Fallen, in welchen der Glossator 
selbst die Meinung des Autors vollst&ndig verfehlt hat. So V, 
29 fin., wo die von den Pariern bewirkte Neuordnung der. Ver- 
h&ltnisse zu Milet erzahlt wird. ,Jene Wenigen, deren Aecker 
die parischen Abgesandten wohl gepflegt fanden, bestellten sie 
zu Htitern des Gemeinwesens', tou; Be oXXou? MiXy)<j{ou<; [tou<; xptv 
axouHcxZoYzixq] to6tg)v erai;av xetOeaBac. Die einen sollten gebieten, 
die anderen gehorchen; das Kriterium war die Sorgfalt und die 
Sorglosigkeit, mit der sie ihre Privatinteressen verwaltet hatten, 
nicht aber das Mass ihrer Theilnahme an der allgemeinen, zwei 
Menschenalter hindurch wahrenden Zerrtittung des Staates. 1 — 
Wie aber, wenn der fremde Eindringling mit dem Boden, 
auf dem er sich eingenistet hat, zusammengewachsen und gleich- 
sam eins geworden ist? Dann mag der befreiende Schnitt nur 
gelingen, wenn ein gltickliches UngefHhr uns seinen kaum zu 
erhoffenden Beistand leiht. 



der Artikel als das nachstliegende aller Verdeutlichungsmittel gar haufig 
eingeschoben ward, dies weiss ja auch Herr Stein, der denselben mehr- 
fach mit Recht gegen die Autoritat der Handschriften getilgt hat, oder auch 
(was fur ihn auf dasselbe hinauskommt) auf die Autoritat der ersten 
Handschriftenclasse hin, wie III, 9, 10 : j&a^ajxevov [t&v] wpPo^wv xa\ [twv] 
aXXwv 8epfj.atwv o^erbv pjxeT el-txveiSjxevov i; T7jv avuSpov, aYayetv — wo man 
sich nur wundert, dass ihn nicht, wenn schon nicht der standige Sprach- 
gebrauch, so doch dieselbe Autoritat (SV) veranlasst hat, bei der Wieder- 
aufnahme des Satzes zu schreiben: avotYetv hi jxiv (statt Sysiv). Auch IV, 
136, 4 scheint mir der von SVR ausgelassene Artikel keine Rechtferti- 
gung zuzulassen in dem Satzglied ware oO xeTpjfiev&ov [twv] 68cov. — 
1 Wird nicht auch VIII, 41 zum Mindesten der Schwerpunkt des Ge- 
dankens verrttckt durch die iiberlieferte Schreibung: lorceuaov hi xauta 
urcex8£j8at statt Sarcsuaav hi xauia ,sie betrieben dies (das Rettungswerk) 
eifrig*, ,sie beeilten sich damit'? u^ex8^<j6at macht ganz und gar den Ein- 
druck einer aus dem folgenden u7ce^x£ito entnommenen Erganzung. 



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[563] Herodoteische Studien II. 45 

Ehe Herodot daran geht, die so erstaunliche Aufspeiche- 
rung von Wasservorr&then und dem dazu gehflrigen Geschirre 
in der syrischen Wtiste zu schildern, bemtiht er sich vorerst, 
die Neugier seiner Leser aufs Aeusserste zu spannen. Er stellt 
daher der Unmasse von Weingeschirr, die jahraus jahrein nach 
Aegypten wandert, die tiberraschende Thatsache gegentiber, 
dass ,sozusagen nicht ein einziges leeres Weinfass im Lande 
zu sehen ist*. ,Wohin — so- mag wohl Jemand fragen — 
komint dies Alles?' Worauf die systematische Einsammlung 
und FortschafFung air dieses Geschirres mitgetheilt wird. Nun 
lautet der betreffende Satz in unseren Texten (III, 6 in.) also : 
— £<; AXyjwzov £% xyjs *EXXa8o<; nd<rri<; ' xat izpoq ex 4>oiv{xy]<; xipapog 
l(7^Y £Tat w ^piQ? °" vou 8 i S T ° $ 2 t e o ? e" x d a x o u , xat §v xspa^tov 
oivtjpbv dpt8|juj) xeCpevov oox ecxt u)? X6y<j) et7ceTv t8ec0ai. xou 8v)xa xx£. 
Wozu Herr Stein das Folgende anmerkt: ,81$ xou exsoq, wahr- 
scheinlich, weil die Kauffahrer nur zweimal im Jahre die Tour 
von Hellas nach Aegypten machten. Von phOnikischen 
Hafen aus konnte sie schon ofter im Jahre wiederholt 
werden/ Die letztere Bemerkung ist vollkommen richtig; nur 
dunkt es uns ein wenig verwunderlich, dass der Historiker dies 
nicht sollte eingesehen haben, dies und noch einiges Andere. 
Denn wenn jenes ,81$ xou exeo$ exaoxou' in Betreff Phoniziens 
vflllig sinnlos ist, ist es mit Rttcksicht auf Griechenland etwa 
besonclers verst&ndig? Es mag wahr sein oder nicht, dass der 
einzelne SchifFer die Tour in der Regel nur zweimal im Jahre 
zuriicklegte, kann man darum fuglich sagen, dass die Wein- 
einfuhr in Aegypten nur jedes Jahr zweimal' stattfand? Und 
wenn man es sagen konnte, welchen Grund hatte Herodot es 
zu sagen, — es eben hier zu sagen, wo er uns von der Grftsse 
jener Einfuhr die mftglichst st&rkste Vorstellung beibringen will 
und auf behutsame Einschr&nkungen so wenig bedacht ist, dass 
er die Weineinfuhr aus ,ganz Griechenland' stattfinden 
. l&sst, ohne etwa jene Landstriche Slngstlich auszunehmen, denen 
der Bacchussegen versagt blieb ? , Aus alien Theilen Griechen- 
lands und tlberdies noch aus Phtaizien' — und ,das ganze 
Jahr hindurch c , das stimmt zu einander, und das schrieb 
unser Geschichtschreiber. Denn jenes 8t$ xou exeo$ exocoxou 
ist nur die Lesart der einen Handschriftenclasse. Die andere, 
die so oft allein das Urspriingliche bewahrt hat, bietet ganz 



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46 Gomperz. [564] 

Anderes. R und S freilich mit ihrem 8t' Ixeoc ex-aaxou lassen das 
Richtige nur ahnen; der Vindobonensis aber legt uns die L6sung 
des Rathsels in die flache Hand durch seine Schreibung: it 
£Tou<; £tso; IxfltffTou! Also Glossem und Glossirtes nebeneinander 
(wie in alien Handschriften toutou elvsxa neben %pbq raDia stent, 
I, 165); nur liefert das Glossem diesmal eine falsche Erkla- 
rung: ,alljahrlich' (ereo; ^xaatou) statt ? das ganze Jahr hindurch', 
was 8t' Itso5 (bereits im Archetypus zu iC exou; verschrieben, 
gleichwie z. B. VI, 75, 4 TCpo£(3atv£ in den meisten Handschriften 
zu xpou^atve geworden ist) allein bedeutet. Man vergleiche n, 
22, 4: txitvot Se xal x e ^6v£<; St' sxeo? [ecvTe<;?] oux, ircoXefeooat — ; 
ebenso 8ta (3iou, 8ta vuxt6<;, 8t' evtaurcu, 8t' ri\t.£pr& (letzteres bei un- 
serem Autor I, 97, 21; H, 173, 14; VI, 12, 9; Vn, 210, 6—7). 
Wie aber aus der Verschmelzung des Erklarten und der Er- 
klarung, durch Veranderung und Tilgung je eines Buchstabens, 
der Unsinn der Vulgat-Lesart entstehen konnte, w&hrend die 
minder naiven Vertreter der ersten Handschriftenfamilie das 
scheinbar iiberschussige Ixou<; einfach iiber Bord warfen, wem 
miissen wir dies erst weitlaufig erkl&ren? 1 

Doch ich erschrecke liber den Umfang, welchen meine 
Erorterungen anzunehmen drohen, wenn ich in der bisherigen 
Weise fortfahre. Ich beschranke mich daher fortan mehr und 
mehr auf das Wichtigste und befleissige mich so grosser Ktirze, 
als die Sache nur immer zulasst. 

Drittes Buch. 

ni, 1 1 fin. : [>*&yri<z 8s y £V0 1^ vy )S *apT£pY)s xat iceaivxtov 1% a(i.<po- 
xepwv twv cTpaxoTCfiStov rckifiei xoXXwv iTpofaovTO o\ AiyuTt'zioL Gewiss 
konnte Herodot sich also ausdriicken, wenngleich er in alien 

1 Dass Herodot auch mit noch grttsserem Nachdruck gesagt haben kttnnte: 
,Jahr fiir Jahr das ganze Jahr hindurch', so dass die Lesart des Vindo- 
bonensis unverkiirzt in den Text zu setzen ware, diese MOglichkeit ist 
mir freilich auch in den Sinn gekommen und sie wird der Wahrschein- 
Hchkeit urn einen Grad naher gebracht durch den analogen Ausdruck 
des Komikers Amphis (frg. com. gr. Ill, 319): 7t(voua' ixdaxrn ^(j^pa; 
8i' ^(x^pas, der mir nachtraglich zufallig aufstOsst (obgleich ich ihn Val- 
ckenaer's Anm. zu VI, 12 entnehmen konnte). Ob aber diese Ausdrucks- 
weise fiir unseren Historiker nicht allzu epigrammatisch zugespitzt und 
darum die oben ausgeftihrte Vermuthung doch wohl die wahrscheinlichere 
ist, mOgen Andere entscheiden. 



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[565] Herodoteische Studien II. 47 

anderen derartigen Fallen eine verschiedene Ausdrucksweise ge- 
w&hlt hat. So 1, 76 fin. : potr/yis &£ xapxepYjq Yevoptivr^ xal tc£<jo vtw v d|x<po- 
Tspwv tcoaXwv. I ; 80 fin.: XP^vw °* £ tc£<jovtg>v dc^^oTepcov 7coXXc5v 
STpaicovTo ol Au8oi — . IV ; 201 in.: xp^ vov & e &*) woXXbv Tp$o(i.£V(i)v 
xai 7ct7CT6vTO)v d^oTipwv tcoXXwv. VI, 101 med.: xpoaj3oXij<; o*£ 
YtvopievYjs xapT£p>j<; xpb? to TeT^ ? Srcwcrov swl ££ ijfjipag tcoXXoi jjlsv 
d[x<j>oT£po)v — . Allein stutzig werden darf angesichts solcher 
fast stereotyper Gleichm&ssigkeit des Autors wohl auch der am 
wenigsten nivellirungsstichtige Kritiker, insbesondere wenn er 
zweierlei erwagt: erstens, dass gerade an unserer Stelle die 
Worte d(JupoT€p(i)v twv aTparorciSttv wenige Zeilen vorher vorkommen 
— und zweitens, dass in den Handschriften der ersten Familie 
s^ fehlt (£% om. SVR; das Wort tilgt auch Krtiger 2 ). 1st es nicht, 
als ob wir die Interpolation schrittweise vor unseren Augen er- 
wachsen s&hen? 

HI, 15, 9 — 11: tcoXXowi |iiv vuv xat dXXotai sort <r:a8(i.(iaaa8at 
Srt touto o'jtu) v£vo[x(y.a(7t 7cot££tv, £v &£ xat tw T£ 'Ivapto luatSl 0av- 
v6pa, &<; d7c£Xa(k tt^v ol 6 7udxyjp efy £ dp^v, xat tw AjAupraCou Oauaipi — . 
Wenn der vortreffliche Reiske den herodoteischen Sprachge- 
brauch nicht eingehend genug erforscht hatte, um das tiber- 
lieferte £v hk xal twoV "Ivdpa) xi£. richtigzu verstehen, so wird 
dies Niemand befremden. Wohl aber darf es uns Wunder 
nehmen, wenn auch Stein Reiske' s ,f(ortasse) tw t£* sich ange- 
eignet und diese grundlose Aenderung in den Text gesetzt hat. x 
Man vergleiche vor Allem VI, 53 in., wo Herr Stein (nach 
meinem Vorgang, Zeitschr. f. osterr. Gymn. 1859, S. 828) die 
Lesart der ersten Handschriftenclasse mit Recht angenommen 
hat: xdSe Se xard xd Xevo^eva utc' 'EXXijvwv e^g) fpdyw to6tou<; tou^ 
Au)pi£U)v PasiXeas xt£. ? wo beil&ufig auch das grobe ,proleptische' 
Emblem too 8£ou drc£6vTos zu tilgen war. Denn so driickt sich 



1 Ob Inaros' Sohn 6avv6pa; oder 'I0avv6pa; geheissen hat, dariiber fehlt uns 
meines Wissens jede weitere Kunde. Auf Grand der nahezu iiberein- 
stimmenden Lesarten von SVR schreibe ich die Worte: 'Ivapco too A$uo$ 
7:ai8t MOavvupa — . (V bietet: iv 8k xat Tt58e (sic), 'Ivapco (sic) xto (sic) Al^uo; 
7iat8t 'lOavvtipa, a>$ (sic) xt§.) — Dass Inaros schon c. 12 (wo, beilaufig 
Stein das treffliche (von V und R gebotene) 8tapa£eta; wieder ausgemerzt 
hat und wo Ttopa; sicherlich ein aus VII, 61 stammendes Glossem zu 
rc&ou; ist) ,der Libyer* genannt ward, kann doch wahrlich kein Grund 
sein, die zwei Worte hier fur verdachtig zu halten. 



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48 Gomper*. [566] 

kein verstandiger Schriftsteller aus, wohl aber entspricht die 
im Hinblick auf das unmittelbar folgende: sXe^a 5e (lixpt Uepaioq 
TouBe etvexa xts. erfolgte Anfertigung dieses Zusatzes ganz und 
gar der uns wohlbekannten Manier des Interpolators. (Besser, 
aber auch nicht vollig gentigend behandeln Kriiger und Abicht 
die obige Stelle.) 

HI, 20 fin. — 21 musste ein in der ersten Handschriften- 
classe fehlender Zusatz aus dem Text entfernt werden : — xai 
By) %<x\ xaxa tyjv PaatXyjiYjv xocwBe* tov flv xwv acxwv xptvuxjc (JLeytTCOv 
is eivat xal xata to (i.£Y a ^o? ^X 6tv T ^l v k%uv, ^tov [a&ouac om. SVR] 
PafftXe6etv. Denn was ist, so frage ich jeden Unbefangenen, 
wahrscheinlicher: dass ein Schreiber oder Redacteur jene echt 
herodoteische Brachylogie in den Text hineingefalscht, oder 
dass die Unkenntniss derselben die Erganzung veranlasst hat? 
Man vergleiche HI, 84: wept Be ty)<; PaatXvjir^ ePouXeuaavro xotovBe* 
OTeu av 6 nnuo<; yjXiou eicavaTetXavTO*; 1 Kp&toq ^BeY&QTat — toutov £x eiv 

TY)V PaatXlQtTQV. 

Ill, 52, 6 : TeTapTYj Be iqiiipY] tScov jaiv 8 Ilepiavfyoc dXoocfyai xe xal 
datTiyjat (iu[x7ceTCT(i)x6Ta otxreipe — . 2 Diese einfachen Worte sind, 
so unglaublich es scheinen mag, von Uebersetzern und Heraus- 
gebern (ja auch von den Verfassern des Thesaurus) um die Wette 
missverstanden worden. Lhardy, Stein, Kriiger, Abicht setzen 
au(j.wewTa)xoxa einem TceptTceTuroixoTa gleich; Rawlinson geht dem ver- 
ftlnglichen Worte kliiglich aus dem Wege, und nur der gerad- 



1 Dass mit SVR so und nicht eftocvaT&XovTos zu schreiben ist (vgl. auch VII, 
223 in.), kann Jedermann eine kurze Ueberlegung lehren. Es gait hier 
doch den Zeitpunkt so genau als irgend mOglich zu fixiren (,after 
the sun was up* iibersetzt bestens der einsichtige Rawlinson). — Wie oft 
hat doch jene Handschriftenclasse das richtige Tempus allein bewahrt, 
so HI, 25, 16, to? 7Jxou<j£ (statt 7Jxoue) oder 67 in. i[3aa0,eu£ statt e|3a<j(X£uas 
(der falsche Smerdis setzte ja nur seine schon begonnene Usurpatoren- 
herrschaft fort; er begann sie nicht zu jenem Zeitpunkt). 

2 Im Vorangehenden c. 50 fin. ist nach Schweighauser's und Wesseling's 
Hinweis auf II, 162 fin.: raptOujito; I'^ovxa (vgl. auch II, 45, 13 arafpcos 
eye iv oder IV, 95 9 Tcavt&X&os efye) von Abicht rapiOujKo; ^x. * 7 zwe ifol" 
los richtig hergestellt worden. Dass Stein, um nur nicht die Lesart der 
ersten Handschriftenclasse (jiept86jjLo>^ SVR) annehmen zu miissen, lieber 
auf Schafer's izipi 0u{jlw i^ofievos zuriickgreift und selbst sein ,coniectabam 
rcepi 8u(jl(J> a^Oojievo;' der Erwahnung werth achtet, dariiber darf man fiig- 
lich erstaunt sein. 



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[567] Herodoteische Studien II. 49 

sinnige alte Lange tibersetzt sach- und sprachgem&ss, wenngleich 
nicht allzu zierlich: ,zusammengefallen'. Diese Auffassung ist 
nattirlich allein richtig. Wir erwarten hier, wo das Herz des 
Fiirsten durch den Anblick des ungliicklichen Prinzen geriihrt 
wird, die Wirkungen der von ihm erduldeten Entbehrungen, 
des Hungers und der mangelnden Korperpflege bezeichnet zu 
finden. Da es ntfthig scheint, flige ich den wenigen von den 
Wftrterbiichern angeflihrten Belegen dieses Gebrauches von 
GUfATcixro) einige weitere hinzu : Erasistratus ap. Aul. Gell. (Noct. 
att. 16, 3 = 11, 150 Hertz): eXoyt^jJisOa ouv rcapa tyjv W/upcn au(i.- 
7CT(i)<jtv ty}<; xoiXiaq eTvat ttjv (eTvai ttva?) a<j>68pa dcmav xxi — 
Genesis (LXX) 4, 5 — 6: auv^rceas to 7rp6<jowccv <xou. — Plutarch, 
de curiosit. c. 2 (624, 42 Diibn.): o&tu)<; ifjwcaS&s la/ev (Aristipp 
n&mlich, als er vor Begier brannte, Sokrates kennen zu lernen), 
&GT6 tw atAfxart aufAireaetv xat y aviation TcavrflCTOxatv <*>xp*o<; xai ivyyos. 
Aehnlich ist der Gebrauch von cuvr^xsoOac. Zur Sache vergleiche 
man auch Eurip. Orest. 226: &<; TQYP l0)aac ^ ia paxpas dXooata?. 

Der ungltickliche Vater l&sst kein Mittel unversucht, urn 
den harten Sinn des ztirnenden Jiinglings zu beugen oder zu 
erweichen. Er schl&gt den Ton ernster Ermahnung an und 
gleich darauf jenen des zartlichen, gemiithvollen Zuspruchs: 
el yap ti$ aufAfop*; iv iuniroioi 1 yiyove, e% ?<S uwo^itqv e<; ejxs £X €t ?> 
iyuoi is afrnj Y^yove xat sy^ a ux>jq *k rcXeuv peTO/os eijAt. Dies 
sind ungemein wohlgew&hlte , tiberaus sorgfeltig abgewogene 
Worte. Sie schliessen ein halbes Schuld- und Reuebekenntniss 
in sich, aber doch nur ein halbes. Und die dichten Schleier 
der kunstvoll gewobenen doppelsinnigen Rede d&mpfen den 
Eindruck auch dessen, was kein Missverst&ndniss zulasst. Wie 
ein verletzend greller Lichtstrahl f&hrt aber in diese wohlberech- 
nete D&mmerung das nunmehr folgende Satzglied: o<jo> auro<; 
a<pea egepYaffapqv ! Was soil dieses unumwundene, unverblumte 
Gest&ndniss? Was kann Periander bewegen, ein solches abzu- 



1 ,Denn wenn ein Ungllick unter uns geschehen ist* — dies ist der vom 
Zusammenhang geforderte Gedanke. Und mit Recht lasst nns Eltz 
(Jahrb. Supp. Bd. IX, 127) nur die Wahl, diese Bedeutung in den iiber- 
lieferten Worten (ev aoioiat) zu finden oder dieselben durch ev itoototai 
zu ersetzen. Fur die erstere Auffassung liefert er kaum geniigende, fiir 
die letztere vollkommen ausreichende Belege, auch aus unserem Autor 
(insbesondere V, 20, 4). 



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50 Gomperz. [568] 

legen? Warum sprach er eben erst von dem ,Argwohn', den 
der Sohn gegen ihn hegen mag, wenn er entschlossen war, ihm 
selbst die voile, zweifellose Gewissheit zu geben, das Entsetz- 
liche nackt und ohne jede Bemantelung mit wahrhaft verbltif- 
fender Offenheit auszusprechen ? Und wie stimmt dieses un- 
verhullte Armensunder - Bekenntniss zum Folgenden, wo uns 
nicht etwa der Ausdruck reumuthigster Zerknirschung, sondern 
der Appell an die v&terliche Autorit&t entgegentritt, (foowv ti iq 
too; Toxea<; xat xouq xpeaaovas TeOufxaiaSai) ? Ich kann es nicht 
glauben, dass diese Worte echt sind und dass Herodot sich in 
einem Athem als einen Meister und als einen Stumper in der 
Kunst psychologischer Bereehnurig erwiesen hat. Wohl aber 
ist es unschwer begreiflich, dass die absichtliche Zweideutig- 
keit des schliessenden Satzgliedes (,und ich habe daran den 
grflsseren Antheil') die erganzende Thatigkeit eines alten Inter- 
polators herausgefordert hat. 

to6tou 8e jxYjxexi eovro<;, Seuxepa twv Xoitcwv uptitv 5> Repeat yt- 
vexat puot avorptaioxarov evrsXXeaOat xb. 8eX<i> pot YeveoOai tsXsutwv tov 
(itov (HI, 65, 15). Hier haben die zwei durchschossenen Worte 
bisher keinerlei befriedigende Erklarung gefunden. Denn Stein's, 
Abicht's und Kruger's iibereinstimmender Vorschlag, den Genetiv 
von avayxatoxaTov abhangen zu lassen : ,das Dringendste von dem 
Uebrigen', ,unter dem Uebrigen, was ich noch zu sagen habe', 
,den tibrigen Auftragen', ist augenscheinlich verfehlt. Weder 
begegnet uns im Folgenden die leiseste Hindeutung auf derartige 
weitere Auftrage (oder auch auf die Unmoglichkeit, dieselben 
vorzubringen), noch findet hier iiberhaupt — und dies ist ent- 
scheidend — der Uebergang zu einem neuen Thema 
statt. Nicht von einem Gegenstand zu einem andern wendet 
sich Kambyses, sondern von einer Person zu anderen, von dem 
ermordeten Smerdis zur Gesammtheit der Perser. Er spricht 
vorher wie nachher von dem einen Anliegen, das seine ganze 
Seele ausfiillt und den einzigen Inhalt seines letzten Willens 
ausmacht: von der Nothwendigkeit, dem Usurpator die ange- 
masste Herrschaft zu entreissen. Soeben hatte er den verh&ng- 
nissvollen Irrthum beklagt, welchem derjenige zum Opfer fiel, 
,dem es am meisten zukam, die von den Magern erlittene 
Schmach zu rachen'. Da der Bruder — so fahrt er fort — 
nicht mehr unter den Lebenden weilt, so seid — in zweiter 



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[569] Herodoteische Studien II. 51 

Reihe — unter alien Uebrigen Ihr Perser diejenigen, die mir am 
nachsten stehen, mit mir durch das engste und starkste Band 
(avorpcY)) verknupft sind und an die mithin mein Auftrag ergehen 
muss. (Eine wortgetreuere Uebertragung scheitert an der Unmog- 
lichkeit, den in avoYxai6Tarov liegenden Doppelsinn im Deutschen 
wiederzugeben.) Total unzul&ssig ist die alte Auffassung, ver- 
moge welcher t<5v Xoncdv von Seuiepa abh&ngen soil. Von der 
Unzulanglichkeit des also zu gewinnenden Gedankens abgesehen, 
(der wieder ein verschiedener ist bei Valla: ,secundum ex re- 
liquis' und bei Lhardy: ,an zweiter Stelle unter den Uebrigen', 
wobei die Uebrigen ,alle Perser nach Abrechnung des Smer- 
dis' sein sollen !) spricht der herodoteische Sprachgebrauch, der 
nur ein absolut gebrauchtes oder ein im Sinne von 
Scxepov mit einem Genetiv verbundenes Seuxepa kennt, 1 
peremptorisch dagegen. Wer die zwei Worte nicht tilgen will 
(und dazu wiirde, meines Erachtens, nicht die Berufung auf 
VIQ, 5 oder VI, 123 geniigen, wo dieselben oder ganz ahnliche 
Worte anerkanntermassen unecht sind), der wird sich wohl bei 
unserer Auslegung derselben beruhigen miissen. Zur Ungleich- 
artigkeit der verglichenen Begriffe vgl. unsere Bemerkungen 
und Verweisungen zu IX, 82, 8. 

Ill, 69 fin.: [xaOouaa 8s ob xaXeTuwq dtXX' eurcsx^ux; oux lyovza 
[tov avSpa?] u>xa, &q fazptl tdyiava £Y 6 Y° vee > wifx^aaa eaKJ(i,Y)ve tw xaxpi 
[toc Ysv6jxeva]. Die letzten zwei Worte sind nicht nur vollkom- 
men entbehrlich (vgl. IV, 76, 9 — 10: xat x&v it? SxuOewv jwtxa- 
<ppad8sl<; aurbv xauxa Tuoteuvra ec^jAYjve tw (SaatXii SauXtw), sie sind 
auch, da es dem Otanes um den ermittelten Sachverhalt weit 
mehr als um den Vorgang der Ermittelung zu thun ist, so 
wenig passend, dass die Uebersetzer ihr Vorhandensein ein- 
miithig ignoriren (,and of this — she sent word to her father' 



1 Zur ersten Kategorie gehflren, falls mir nichts entgangen ist, die folgen- 
den Falle: I, 112 16, 126 9; H, 137 13, 158 22; III, 14 18, 22 13, 31 11, 
53 9, 68 16, 74 l, 80 ll (wo Stein in kaum glaublicher Weise irrt, indem 
er toiStwv von Ssutepa abhangen lasst, statt von dem folgenden oOSev), 

135 17; IV, 76 19, 145 12 (t& 8euTspov); V, 36 19, 38 23; VII, 53 in., 

136 6, 141 15 und 20, 209 fin.; IX, 42 5, 99 in. (wobei wir den pradicativen 
Gebrauch des Wortes von dem adverbialen nicht gesondert haben). Von 
Fallen der zweiten Art kenne ich nur I, 91 21 (Ssuiepa 8e toutcdv xatofievto 
autai ejnjpxeae) und VII, 112 in. (Beutepa toutwv 7capa|xe(p£To Tefyea xa Ilispcov); 
zur letzteren Stelle mag man Krtiger's Verweisungen vergleichen. 

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52 Gomperz. [570] 

Rawlinson 5 ,und that ihm die Sache kund' Stein 5 1 ,und sagt' es 
ihm an' Lange). Das Wort yevo^eva verdankt auch ein anderes 
Mai (VI, 75, 9, Zeitschr. f. 6sterr. Gymn. 1859, 828) dem gleichen 
Erganzungsbestreben des Interpolators sein Dasein. So trefflich 
ferner der Artikel an seinem Platze ist Z. 5 &paaov outou ta urea oder 
Z. 13 Ta aVca d^eTa^e, so unpassend diinkt er mir in dem Satz- 
glied Z. 9, das ich im Uebrigen mit einem Theil der Hand- 
schriften (zum Theil nach JJekker) also schreiben mochte : et ydp 
Syj p.Yj ey^wv TUYX^vet [tcc] urea — . (Der Vindobonensis hat et mit 
SR, Tuyxavet mit Medic, und Pass., und die Wortstellung wie 
S und R.) 

Wer nur Stein's Ausgabe beniitzt und einiges kritische Ver- 
m6gen besitzt, der lauft fortwahrend Gefahr, Emendationen zu 
finden und als neue vorzubringen, die bereits in einigen, in 
vielen oder auch in den meisten Ausgaben 2 verzeichnetsind. Mit 
genauer Noth bin ich dieser Fahrlichkeit in Betreff des Schlusses 
von III, 73 entgangen. Gobryes endigt seine Rede mit dem 
Rathe, so lange beisammen zu bleiben, bis man dariiber einig 
geworden ist, den Pseudo-Smerdis schnurstracks anzugreifen und 
zu todten: jay) 8taX6ec0at ex, tou ouXXoyou toOSe dXV (y)) t6vxa? hA xbv 
Mdyov Mux;. Diese vorztigliche, zu dem kraft- und schwung- 
vollen Ton der Rede trefflich stimmende Lesart der ersten 
Handschriftenclasse (statt der Vulgata: aXXoOi i6vta? 9)) ist — 
sammt der selbstverstandlichen kleinen Erganzung — schon von 
Palm und von Dindorf angenommen worden; ich erwahne dies, 
weil nicht nur Stein gewohnter Weise dariiber schweigt, sondern 
auch die anderen neuen Herausgeber die Besserung nicht zu 
kennen scheinen (vgl. IX, 109, 8: tou epeXXe cuJet? apijeiv a XX' y) 
SxeivYj. Empfiehlt sich nicht auch IV, 131, 10 die Schreibung: 



1 Stein's Deutung der Worte in der commentirten Ausgabe (,den wahren 
Sachverhalt') wird durch die von ihm herbeigezogenen Stellen keines- 
wegs ausreichend erhartet. 

2 Dass selbst dies keine Uebertreibung ist, mag ein ergOtzliches Beispiel 
lehren. Cobet, der nur Stein's Textausgabe vor Augen hat, glaubt (Mnemos.* 
XI, 88) die ,vera lectio* puvo; (jlouvoOev (I, 116, 4) zum ersten Male zu er- 
mitteln. Dieselbe steht jedoch schon bei Jacob Gronov im Texte, des- 
gleichen in fast all den Ausgaben, die mir zur Hand sind, so bei Gais- 
ford, Bekker, Dindorf, Dietsch, Lhardy und (was nicht am mindesten 
bemerkenswerth ist) bei Stein selbst (Ausgabe m. deutsch. Anm., 1. Aufl.). — 



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[571] Herodoteische Studien II. 53 

6 8s ouSev I<j>y) ol £TCe<7TaX8at, a W 9) [codd. dtXXo $j] Sovra tyjv xa/frajv 
aicaXXcfoaeaOat ?). ! 

III, 97, 7 hat die Restitution der in Folge des missverstan- 
denen Zwischensatzes (s. oben I, S. 172) arg gesch&digten Stelle 
natttrlich von der trefflichen Lesart der ersten Handschriften- 
classe ( (o° exa^avxo SR, Be exa^avxo V) auszugehen: K6\yjoi Se xa 
4xfl8|avTO [i$ xyjv Swpsyjv] y.at ot icpoaey&eq [Ai/pt Kauxaato<; bpeoq (iq xouxo 
Yap to 5po? U7ub Ilepjyjat apxexat, xdc 8e rcpb<; Poperjv avsjAOv xou Kauxd- 
ato? Itepaiuv ouBev 2xt <ppovx(£et), ouxoi 8>v Bwpa xa dxd^avxo exc xal iq 
ipk 8ti TuevxexYjpiSci; aYtveov xxe. Sehr bemerkenswerth ist es, dass 
schon Reiske (von der nothwendigen Ausscheidung der drei 
interpolirten Worte 2 abgesehen) diese Herstellung fand, .obgleich 
ihm nur die Bchlechte Lesart der zweiten Handschriftenclasse 
(o° exa$av ot) vor Augen lag. Die Phrase e<; xyjv StopsYjv begegnet 
II, 140, 2, wo sie ganz wohl an ihrem Platze ist; hingegen er- 
scheint sie III, 135 fin. in einem nicht nur vflllig entbehrlichen, 
sondern durch den Widerspruch mit dem Vorangehenden auch 
verdachtigen Satzglied : xyjv pevToi 6X*a5a, xyjv ol Aapeto<; i%arff£XK&xo 
[e<; xyjv SwpeYjv xouit dSeX^eoTat], &sxe<j6at 2<pYj. Vorher heisst es* 
8u>pa §£ [xtv x<J rcaxpt xa! xo"ict aSeX^eotai IxiXeus racvxa xa £xetvou 
ibnicXa Xa(36vxa dcyeiv, <j>a<; aXXa ol TCoXXoncXvjffta dvxt8<*>aetv • %pb<; Ik [£<; 
xd S&pa ?] 6Xxd$a ol £?yj auf/.(SaXee<j6at xx£. Die Verbindung xaaaeaOat 
etq xyjv SwpsYjv musste als grammatisch mtfglich erwiesen werden, 
wenn man sich bei Stein's Conjectur: K6X/ot he xa£ay.evoi £<; xyjv 
Swpevjv beruhigen sollte. 

Die Anschaulichkeit der Erzahlung gewinnt allezeit durch 
scharfe Scheidung der auf einander folgenden Zeitmomente. 
Wie lasst es sich daher bezweifeln, dass III, 110 fin. mit 



1 Sollen wir iibrigens in diesem kleinen Meisterstuck der Redekunst, wo 
Alles Feuer, Ungestiim, kraftvolle Gedrungenheit ist, einen so matten 
und abschwachenden Zusatz dulden miissen, wie er uns sogleich in den 
Anfangsworten begegnet: avBpe; 9&.01, ^tv xo're xaXXiov jcap^ei avaawaaaOai 
T7jv ap^ijv, ^ 6*1 ye (xrj oto( xe eadpeOa [aurr^v avaXa^etv], arcoOavEiv (HI, 73 in.)? 
Die ,Ftille des Ausdrucks' bei Herodot hat sehr weite Grenzen, aber 
doch Grenzen; ausserhalb derselben liegt, meines Erachtens, auch 
'EXXyjvwv IX, 72, 3 (vgl. IV, 53 in.) oder ^ipji I, 32, 4. 

2 ,Als ihr pflichtmassiges Geschenk* erkl&rt Stein und verweist zugleich 
auf II, 140 wo er dieselben Worte ganz richtig und ganz anders (,zu 
dieser Gabe') iibersetzt hatte. 

4* 



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54 Gomperz. [572] 

der ersten Handschriftenclasse zu schreiben ist : xd 8e! dx- 
a(i,uva(i,£Vou<; (SV statt axa[Auvo(iivou;) dticb xato fyOaX^tov o&xo) 
5p£X£iv ty)v xaafyv, und sogleich wieder 111, 15: xd<; hk 8pvt0a<; 
xaxaxxa|i,£va<; (SVR statt xaxax£xo(iivaq auxwv, das letzte Wort 
tilgt auch Stein mit Anderen) dva<pop££tv exl xd<; veoaata?? Bin 
ich allzukiihn, wenn ich auch die vollkommen entbehrlichen, 
in den zwei Handschriftenfamilien verschieden angeordneten, 
aus dem Vorangehenden wiederholten Worte xa x<5v uxo£uyui>v 
pieXsa oder xd (xsXea xwv uxo^uytwv ebenso fur eine schon im Arche- 
typus vorhandene Objectserg&nzung halte, wie dies z. B. V, 92 y 
15 sicherlich die in der ersten Classe fehlenden Worte to xaiBCov 
sind (xbv xp&xov auxwv Xo$6vxa xpocou&'aai , vgl. dort Z. 1 1 und 
Z. 17)? 

Ill, 113, 9: dtpai^Sag Y<*p ^oieuvxsq uxoS^ouat auxa<; XYjat oup^at, 
£vb<; £y.d<rxou xxt^vso? xyjv ouprjv ix' dj/.ai;{$a xaxa$£ovxs<;. Hier bieten 
die sammtlichen Handschriften den sinnwidrigen, aber bisher 
nicht angefochtenen Zusatz sKotaxYjv nach apta^fSa, etwa wie jene 
der zweiten Classe IV, 72, 6 das einfache dx' Txxov (so SVR) 
nicht geduldet haben in dem Satze: xwv Ss 8tj veyjvujkwv twv dxo- 
xExviY^evttv x&v xevxi^xovxa eva Ixaaxov dvaP$d£ou<jt £xl xbv taov — . 
Denn gezwungen ware die Erkl&rung ,auf das zum Jiingling 
gehonge Pferd'; ist doch im Vorangehenden zwar von fiinfzig 
Jiinglingen und fiinfzig Rossen , nicht aber von ihrer Zusammen- 
gehorigkeit die Rede gewesen, die eben mit diesen Worten 
ausgesprochen wird: ,Von den fiinfzig erdrosselten Jiinglingen 
setzten sie je einen auf ein Pferd/ 

III, 115 in.: Auxat jjiv vuv Iv xe xyj 'AtfW) s^axtat etct xal ev 
xyj A$6y)* xepi hh xwv £V xyj EupwxY) [xu>v xpbq £cx£pYjv] eaxaxtewv 
iyb) [/iv oux dxpfixiax; X£Y£tv oux£ yap iybiyz £v5£xo(i.ai 'HpiSavov xtva 
(add. SVR) xaX££cOai %pbq (3ap(3dpti)v xoxa^bv £xBtBcvxa £<; OdXascav 
xyjv xpb<; Popdyjv avqjiov, dx 8x£u xb YJX£x,xpov <potxav X6yo? £gx(, oux£ 
vvfaous o%a Kaaotx£pt§a<; iouaa? [£x xwv 6 xaaaixepo? Y^piTv ^otxa]. Diesmal 
hat der Interpolator seine Sache schlecht gemacht. So wenig 
Herodot bei Asien und Libyen bios an den Osten denkt und 
denken kann, sondern neben diesem (106 in. izpbq xyjv yjw) auch 
den Siiden (107 in. %pb<; S J au [/.£<ja(j$ptY]s) und den Siidwesten 
(114 in. dxox.Xivo(iivYj<; $k pi£aap$piY)<; — izpbq §6vovTa yjXiov) im 
Auge hat, ebenso wenig kann er hier den Norden ignoriren. 
Und er ignorirt ihn auch thats&chlich nicht, da er ja sofort 



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[573] Herodoteische Stndien II. 55 

vomNordmeer und alsbald auch vom nordischen Festland 
spricht (116 in. iupb<; Be apxiou tyj? Eupco7uyj<; xxe.)! Genannt aber hat 
er an der Spitze des Capitels gewiss keine dieser Weltgegenden, 
sondern sich damit begniigt, den zwei schon behandelten Erd- 
theilen den dritten gegentiberzustellen , das Uebrige der Ein- 
sicht seiner Leser iiberlassend. Zu 'HpiBav6v Ttva und outs vxfaout; 
oTBa Kaa<jtTepi5a<; eou<ja<; vergleiche man den uns so wohlbekannten 
Satz: ou ydp ^tva eyt^ oTBa Tcoxafjibv 'Qxeavbv eovia (II, 23), wo 
auch die Fortsetzung , der Hinweis auf den poetischen Ursprung 
des Wahnglaubens, zu dem hier Folgenden stimmt (Gxb xotYjTiw 
Be xtvo<; rcow)6ev). ,Und was die Zinninseln betrifft, so weiss ich 
auch nichts von wirklichen Inseln dieses Namens' — wie kann 
sich hieran der von uns eingeklammerte Satz anschliessen, da 
doch aus dem Nicht-Seienden weder das Zinn, nrfch sonst etwas 
herstammen kann? Einen blossen Glauben oder eine Sage 
weiss aber Herodot sehr wohl auch sprachlich von der Wirklich- 
keit zu unterscheiden ; warum sagte er nicht auch hier, falls 
er dies ausdrucken wollte, <j>onav "Xoyoq ecu', oder (wenn er vor 
der Wiederholung der soeben gebrauchten Wendung zuriick- 
scheute) <j>onav <paai oder X£yowk? Der Name der ,Zinninseln' 
sprach eben deutlich genug und bedurfte keines Commentars; 
es geniigte, wenige Zeilen nachher den realen Sachverhalt, von 
allem Problematischen geschieden, festzustellen : e£ iaxdrr^ B' o>v 
8 Te Kousahepoq t7J(juv (poixa xal to -JiXex/cpov. 

Seltsamer Weise scheint noch kein Herodot-Forscher be- 
merkt zu haben, dass die Schlussworte von HI, 143 an ihre 
gegenw&rtige Stelle passen wie die Faust auf das Auge. Maian- 
drios hat die namhaftesten seiner Widersacher in den Kerker 
geworfen; er erkrankt und schwebt in Lebensgefahr; sein Bruder 
Lykaretos todtet die Gefangenen, um sich nach dem Ableben des 
Bruders der Herrschaft um so leichter bem&chtigen zu konnen. 
Was soil da der begrundende Satz: ,Denn sie wollten eben, 
wie es scheint, ganz und gar nicht frei sein?' Hingegen waren 
diese Worte an einer friiheren Stelle sehr wohl an ihrem Platze, 
dort wo dem Maiandrios, als er ,der gerechteste der Menschen' 
sein und den Samiern ihre Freiheit wiedergeben will, statt 
freudigen Entgegenkommens und begeisterten Dankes nur 
Anklagen und Chicanen zu Theil werden und die Ausfiihrung 
seines edlen Vorhabens vereiteln. Hier (143 in.) mochte ich 



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56 Gomperz. [574] 

die wohl einst zuf&llig ausgelassenen, am Rande beigeschrie- 
benen und am unrechten Orte eingesetzten Worte einschalten, 
wie folgt: MaiavSpiot; %k vow Xa^ow, &q st (xsTijast tyjv apxV aXXo$ 
Tt<; dvr' auToO Tiipavvo; xaTatrofjcrexat (ou Y&p 5^, u>; otxaat, s(3o6Xovto 
eTvat eXsuOepot), oi>5' Iti ! ev vow e!/s (xsusvat outt^v, dtXX' <!><; avex^piQcje £$ 

TT)V aXp07TOXtV Xt£. . 

Viertes Buch. 

Wer an den Rhythmus der herodoteischen Sprache gewohnt 
ist ; der wird bei den Worten IV, 9, 4 — 5 : i^fo yap ex. ceu ipeiq 
7raTSa<; e^a) sofort einen Anstoss empfinden. Denselben r&umt 
die Lesart der ersten Handschriftenclasse (die Bekker auf- 
nahm) aus dein Wege: &yu yap ex. <j£o 7cat8a<; TpeT<;. Dass dies 
Stein nicht ftthlt und nicht auch durch derartige, an sich 
kleine, aber durch ihre unaufhGrliche Wiederkehr bedeutsame 
Mahnungen zu einer richtigeren Wtirdigung dieser FamiJie 
gefiihrt ward, diinkt uns gar befremdlich — um so befremd- 
licher , da er ; der Macht der Wahrheit widerwillig gehorchend, 
eben in diesen Partien nicht selten Lesarten von SV oder SVR 
annimmt, die wahrlich keinem noch so geschickten antiken 
Corrector ihr Dasein verdanken konnen, so StaXetrcetv (statt Sta- 
Xitcwv) III, 155, 18, die Auslassung von xoT<; IlepaYjac III, 156, 15, 
von dp/ovxtov IV, 5, 20. 

Ueber die so schwierige als vielbehandelte Stelle IV, 11 
will ich (von den Abenteuerlichkeiten der neuesten Herausgeber 
absehend) nur so viel bemerken, dass selbstverst&ndlich von 
der vGllig sinngem£ssen Lesart der ersten Handschriftenclasse aus- 



1 Zur Rechtfertigung dieser trefflichen, wenngleich nur von S dargebotenen 
(von Sehweighauser, Gaisford, Bekker u. s. w. angenommenen, von Stein 
jedoch wieder verschmahten) Besserung (statt ou 8^ ti) geniigt der Hin- 
weis auf den Gedankenzusammenhang und allenfalls auf Stellen wie 
VI, 133, 2: ol hi Ildcpioi oxoj; jjl^v ti Bcuaouat MtXuao*7j [apyupfou seel. Kriiger] 
ou8k Sievoeuvto, ol 8k oxco; 8ia<puX4i;ou<ji t^v tco'Xiv [touto om. SV] ipj/av^ovro 
xtI. Hier wie dort deutet ouo*£ auf die Schwierigkeit oder UnmCglichkeit 
der Ausfiihrung hin, neben dem Nichtvorhandensein (beziehungsweise 
Nichtmehrvorhandensein) der betreffenden Absicht. Dass diese allein 
sinngemasse Lesart (die an letzterer Stelle Stein's ABC und S dar- 
bieten) in VR durch ouSe'v verdrangt ward, sollte uns nicht hindern, 
sie in den Text zu setzen. 



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[575] Herodoteische Studien II. 57 

zugehen und das von Valckenaer so trefflich gefundene, durch 
die schlagendsten Parallelen gesicherte jjievovia*; anzunehmen ist 
(vgl. insbesondereVI,22, 7— 8; VII, 173,9—11; VIII, 74,20-22; 
IX, 55, 24), wodurch wir zu Bredow's (pag. 29) und Herold's 
(emend, herod. I, pag. 6) Schreibung gelangen: ox; a7caXXa<j<xs<j$at 
•rcprJYIxa sfy W$& npoz xoXXou; [xsvov^tac) xivBuveusiv. Und dabei 
konnte man sich beruhigen, wenn nicht einerseits die drei Buch- 
staben AGO vor -M6NON eine Erklarung, beziehungsweise Ver- 
wendung heischten, andererseits das blosse xpb^ rcoXXo6$ einen 
unzureichenden Gedanken enthielte. Denn sich mit ,Vielen' 
schlechtweg zu schlagen, dies schliesst nicht nothwendig eine Ge- 
fahr, am wenigsten eine solche in sich, die man, ohne fur feige 
zu gelten (svtovouq |iiv apt^oxspa;!), zu vermeiden fur r&thlich 
und geboten halten kann. Passend ware izpbq 7coXXotcXy;gCou; oder 
tcpbq iuoXXou<; Xkiyovq eovta<; (vgl. I, 176 in.); allein wenn wir Ge- 
waltsamkeiten scheuen und methodisch vorgehen wollen, so 
bleibt kaum etwas Anderes ttbrig, als in jenem Lautttber- 
schuss die Deckung dieses Gedankenabganges zu suchen. 
Daher glaube ich auch Gebhardt's (emendat. herodot. Ill, pag. 9) 
8iaiiivcvTa<; zuruckweisen und vermuthen zu dtirfen: — yxfik izpbq 
rcoXXob? £>§€ pL£vov(Ta;) xivBuvatetv — . (Ueber Verwechslungen von 
o und w im Archetypus unseres Textes vgl. Herold a. a. O. 
pag. 5 und specim. pag. 9; die Nachstellung von wSe begegnet 
mehrfach, zum Mindesten bei den Tragikern.) 

Sicherer ist es, dass wir IV, 18, 19 statt: •Jj&r) 8s KorurcepSe 
touiwv ^ ^ptjptoq earl &r\ rcoXXov mit SVR (denen Gaisford und 
neuestens Abicht, nicht aber Stein und Kriiger gefolgt sind) 
zu schreiben haben: ii §s xorOxepOe to6tg>v (sc. jf\ s. x&pr}) £pr)|xo<; 
sort sxt tcoXXov. Ich ftihre dies als einen weiteren Beleg fur' die 
seltsame Verblendung derjenigen an, welche die Ueberlegenheit 
der ersten Handschriftenclasse beharrlich leugnen. 

IV, 36 in.: — xbv yap izepl 'hfidpioq Xoyov tou Xsyo^svou sTvat 
'TKzpfiopiu* ou Xeyw, Xe-fwv u>; xbv otarbv 7cspte<j>epe %ana toxgov *pi v 5 
ouSev aiTcojxevo?. — Das durchschossene Wort l&sst sich weder 
durch die von Wesseling angeftihrten, unzutreffenden Parallelen 
stlitzen, noch thut es Noth, dasselbe mit Reiske (dem Stein folgt) 
zu tilgen, noch endlich frommt die von Schweighauser zweifelnd 
vorgebrachte, von Kriiger angenommene Aenderung zu Xiyorta. 
Minder gewaltsam und zugleich sinngem&sser scheint es, zu 



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58 Gomperz. [576] 

schreiben: Xsyw Be &q xt£. Vgl. IV, 99, 24: Aeyw Be ox; sivat 
Taura xt£. Haufiger allerdings wird diese Phrase im Sinne von 
,ich meine , ich will sagen' mit dem Accusativ verbunden ; 
doch fehlt es auch nicht an Beispielen, die unserem Falle genau 
entsprechen, wie Aristot. Rhet. HI, c. 11 (1413 a 12): X^y<*> 8' 
5rav d7coBiBu)ctv — . 

IV, 46 in.: c O 8e Ilovro^ 6 Eui;etvo<;, eV ov earporeusTO 6 AapeTos, 
^cop^tov 7caa^(ov rcapexeTai e'5 w ^ou SxuOtxou eOvsa dfjiaSsaTara. outs 
yap £6vo<; t&v evtb<; tou IIovtou ouBev £%Ofjiev rcpoPaX^oSat coftYjq rapt 
o8i£ dvSpa Xoyiov oiSapiev ysvofxevov rcipei; toO is (ts add. Herodian. 
w. fxov^p. Xe?. p. 88 Lehrs.) ZxuOtxou eOvco; xai 'Avaxapceo?. tg> 8e 
St-uOixw yevet Sv jxev to [/.sytGrov t*5v avOpcoicrjuov rcpTqvfjujcrwv ao^&TaTa 
TcivTcov £?e6pY)Tai t<3v TQjxe^ iSjxev, t<x (livTot dXXa oux. ayapiai * to [8e 
om. SVR und Flor.] ! {jLeytorov (touto) outw 2 a^i dve6pY)Tai, &<xt£ xts. 

Hatte es Herodot wirklich so eilig, den Sky then, unter 
denen er doch nur einen Weisen zu nennen und von denen er 
sonst bios zu riihmen weiss, dass sie sich gegen Eroberer besser 
als jedes andere Volk zu vertheidigen verstehen — konnte er 
es in der That so wenig erwarten, ihnen einen Platz unter den 
gebildeten Nationen anzuweisen, dass er daruber den logisch- 
grammatischen Faden aus der Hand verlor und es unterliess, 
sich so auszudriicken , wie jeder gute Schriftsteller sich in 
gleichem Falle ausdriicken wiirde: ,Die Pontusgestade, gegen 
welche jetzt Darius zu Felde zog, beherbergen unter alien 
Landern die ungebildetsten Vfllker. Denn ich kenne kein Volk 



1 Unser Schriftsteller liebt es namlich, an eine Ankiindigung (und zwar nicht 
nur wenn diese durch o8e, w8e u. dgl. eingefiihrt wird, woriiber Herold zu 
vergleichen ist, der jedoch die widerstrebenden Stellen nicht andern durfte) 
den Gegenstand derselben asyndetisch anzureihen. So ist sicherlich 
III, 12 in. yap mit der ersten Handschriftenclasse, die auch in diesem Be- 
tracht so oft allein das Ursprungliche bewahrt hat, zu tilgen in dem 
Satze: Ocoufia 81 (jiya sT8ov 7cu0o'[Aevo$ ;wcpa tGv ijrt^toptav • tuSv [yap] dar&ov 
rceptxe/ufjivwv xtI. Dahin gehOrt es auch, dass IV, 47, 11 auf die Worte 
toutou? ovopav&o ohne weitere Vermittlung die Aufzahlung beginnt: "larpo; 
\kh TievraaTOjULo; xtI. (anders Stein, der den Ausfall eines Satzgliedes vor- 
aussetzt). Man vgl. IV, 119 in. sV/^a07)aav al yvwfjuxr 6 [jlev TeXtovb; xt£., 
wo man fraiher gleichfalls gegen das Zeugniss der Haupthandschriften 
beider Familien 6 (isv yap las. Desgleichen tilge ich yap mit SV II, 161, 13. 

2 Vgl. VIII, 98 in.: oOtw Totat IKparjai eSeuprjTai touto. Vejjschieden ist IV. 
200 fin. : touto fxsv 8^ ourto (hoc modo) igeup^Oq. 



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[577] Herodoteische Studien IT. 59 

ausser dem skythischen' u. s. w. *Die Worte e£o> tou 2y.u6txou 
sind, wenn nicht Alles tauscht, eines jener ,proleptischen' Em- 
bleme, die der Ungeduld, nicht des Autors, sondern eines vor- 
witzigen Lesers entsprungen sind, der hier Kegel und Aus- 
nahme durch einander wirft. 

IV, 61, 14 haben, so viel ich sehen kann, staimtliche 
neuere Herausgeber mit Reiz (nicht mit Gronov, wie Gaisford, 
Stein, Kriiger irrig berichten) der nicht ganz regelm&ssigen 
Construction dadurch aufzuhelfen gesucht, dass sie zwischen 
tu/wgi £Xovi£<; und Xifirixaq die Pr&position i$ einschoben. Ein 
Blick auf die in jedem Betracht vollstandig analoge Stelle II, 
39, 14 ff. gentigt, um die Entbehrlichkeit dieser Aenderung zu 
erweisen. Wohl aber ist nach gjcena (richtiger eweixev) mit R 
und V Be einzusetzen (S hat 8'). Dass Stein im Folgenden den 
sinnwidrigen Artikel in den Worten ijv Se pj C91 xapfl 6 XePrjs (6 om. 
SVR) aus den Handschriften der zweiten Classe eingeschaltet 
hat, gehort zu den Seltsamkeiten , die uns immer von Neuem 
in Erstaunen setzen. 

IV, 88 in.: Aapsto^ Se jast& tauta TqaOei*; tyj v/jeSty tov apyyzi- 
xtova Mav8poxX^a TbvSdjxtov dSwp^aaro waat 8ixa* dtou' wv 5y) MavBpo- 
xXer^ a7cap/Y)v — . So lange wir der Vernunft in kritischen Din- 
gen nicht Valet sagen, wird es bei der (von uns Zeitschr. fur 
osterr. Gymn. 1859, 811 ff. eingehend begrtindeten, j vorher 
schon von Kriiger [zur Stelle] und von Mehler, Mnemos. 1856, 
pag. 69 ge&usserten) Meinung sein Bewenden haben, dass die 
Wortverbindung rcaci h£%<x an dieser Stelle vollig unverst&ndlich 
und darum unmoglich ist. So begreiflich namlich diese Rede- 
weise dort erscheint, wo es sich um 7 je zehn', ,je hundert' u. s. w. 
Beutestticke, Opferthiere, Binder, S chafe u. dgl. handelt, 
so undenkbar ist die Anwendung einer Zahlenbestimmung in 
einem Zusammenhang, der uns iiber die Natur der zu zahlen- 
den Gegenst&nde vollstandig im Unklaren lasst. Auch der 
Ausweg, dass es sich um eine uns unbekannte persische Sitte 



1 Dem dort zusammengestellten Material© kann ich jetzt ein paar neuo 
Belegstellen, wie 7cdtvra -^faux bei Porphyr. de abstin. II, 60 (120, 27—28 
Nauck) oder rcavia Ixarov bei Parthenius IX fin. (10, 23 Hercher), aber 
nichts hinzufiigen, was das dort erzielte Ergebniss zu modificiren ver- 
mOchte. 



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60 Gomperz. [578] 

handle, bleibt verschlossen , da der Geschichtschreiber seine 
Leser in solchen Dingen keineswegs flir wohl unterrichtet h&lt 
und sie daher ausreichend zu belehren niemals verabs&umt. 
Somit eriibrigt uns nichts als ein kritischer Eingriff, und schwer- 
lich ein anderer als jener, den ich damals nur darum unaus- 
gesprochen liess, weil ich der Hoffhung nicht entsagte, ein ge- 
linderes Heilmittel zu finden. Statt rcaat wird man xaXavTOiat 
zu schreiben und den Fehler durch ein Compendium wie TO I CI 
oder TACI veranlasst glauben mttssen (vgl. z. B. I, 50, 13 id- 
Xavxa 8exa und Gardthausen S. 257, mittl. Col.). 

IV, 176 lesen wir: ^ 8' <2v TcXeTax* I'/T)? a ^ TY 3 £pta">) $e- 
Soxtat sivat — und ahnlich I, 32: fj S£ av tog 7cXetara £/■/;, dpi'anrj 
o&ty). Nur IV, 64 heisst es mit einer Schwerf&lligkeit, die schier 
als unertr&glich gelten darf: o<; ^ap <2v Ttkeivza S^p^axa x et P®" 
jxaxipa l/ty * V *)P apwcoq outoc; xsxptxat s!va'.. Von dem ersten der 
beiden Worte befreit uns die bessere Handschriftenfamilie 
(om. SVR); von dem zweiten und noch weniger passenden 
dtirfen wir uns wohl selbst befreien. 1 

Es ware nicht schwer, jeden Unsinn und jede F&lschung 
der Ueberlieferung zu rechtfertigen , wenn es uns freistunde, 
den Worten und Phrasen jedesmal ad hoc besondere und un- 
erhorte Bedeutungen beizulegen. Etwas Derartiges versuchen die 
Interpreten zu IV, 68, 7 — 8: aiuf^evov 5e eXe-f/ouat o\ pav-nee; o>; 
eraopxfjffas <pa(v£Tai ev tjj fxavxtxij tocc; f&aatXrjtac; torta<;. Das Wort ptav- 



1 Nebenbei sei auch auf die kleine Interpolation hingewiesen IV, 65 in.: 
' xai 5Jv jaev ri lUvrfi — 5jv 8k [*) om. SVR] ^Xooaio;. Vgl. 196, 6: xat ?jv |iev 
cpafvrjTaf a^t aijtos 6 ypuao; twv <popTfav — ?)v 8£ p) a^ios, wo Stein die- 
selbe Interpolation vielleicht gleichfalls angenommen hatte, wenn nicht 
seine ABC sich hier zwiefach vergriffen hatten : in der Wahl des Verbums 
(eTvat statt ^ociveaBoct) und in der Wortform (e'fy statt 7)). Doch da jenes 
Blatt aufgeschlagen vor mir liegt, so will ich eine andere, durch fremde 
Zuthaten schwer entstellte Satzreihe zu ordnen versuchen (199, 11): rcpaWa 
[jlsv yap toc Trap aOaXdiaa toc [tujv xapjcuiv] opya a{xaa0a{ ts xat tpuyaaOat • tootidv 
te 8rj (juyx£xo(jli(J{x^v(ov toc U7:sp tcov 9aXa<j<jt8{tov y&pw [toc (xs'aa om. SVR] 
opya auyxojjL^s^Oat , toc ftouvou; xaX^ouai • <joYxexd|jLtaTa( ts outo? 6 [is'ao? 
xapjcb; xtI. Dieselbe Sprachwidrigkeit, die hier in toc rcocpocOocXaaata TaW 
xaprcwv (siehe den verungliickten Erklarungsversuch bei Kriiger) begegnet, 
ist V, 58, 9 (toc tcoXXoc tuW /topwv) durch Wesseling's Conjectur (^copftov 
statt /wpcov) beseitigt worden ; gerathener scheint es auch dort (mit 
Kriiger 2 ) zu schreiben: 7csptofxeov 8i a^soc? toc koXXoc [tcov ^wpwv] toutov 
tov j^pdvov 'EXXiflvcov "leaves . 



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[579] Herodoteiscbe Stndien II. 61 

tixt^ sei hier ,concret zu fassen' (Stein). Doch gentigt diese Aus- 
flucht nicht, um den sich unabweislich aufdr&ngenden Zweifel an 
der Echtheit dieses Zusatzes hinwegzur&umen. Es bedarf noch 
der weiteren, nicht minder gewagten Annahme, dass eTitop- 
%-ipciL$ fai'vexou einen solchen Beisatz gestattet. Dies widerstreitet 
jedoch vollstandig dem Sprachgebrauch Herodot's und enth&lt 
zugleich eine durch den Zusammenhang keineswegs nahegelegte 
Abschw&chung des Gedankens. <patvo{xat mit einem Particip ver- 
bunden steht namlich nach der bekannten, fur unseren wie fur 
jeden anderen griechischen Schriftsteller giltigen Regel vOllig 
gleich einem BvjX6<; sort, <pavepb<; xoOioTaxai, wenn es nicht gar wie 
H, 97 in. at TcoXteq jxouvat <pa(vovTat forepexouaai (,man sieht die 
St&dte allein hervorragen') nur die Geltung einer Periphrase 
besitzt (<patvovTat uxepe/ouaai = uicepfy.ouct). Man vergleiche bei- 
spielsweise: II, 79 <paivovTat Be atet *OTe toutov ae{Bovxe<;; III, 116 
tcoXXg) xe wXetaros <pa(vsTat XP U<70< ? ^ v 5 IV? 12 <pa(vovTat — fefyovtes 
und daneben ganz gleich werthig <pavepot Be' eiai — Bu*>i;avTe<; ; IV, 45 fin. 
ex. tyj<; 'AstY)*; xe <patveTat eooaa; IV, 53 (patvetai Be pewv 3c' ep^jxou; 
V, 9 in. ^prjjxoq x^P*) <patvexat eouaa; VI, 121 ^aivovtai (xi<JOT6pavvoi 
eovre<;; VIII, 120 in. (xeya Be — [xapxupcov (patvexat y^P Sep^Y)<; — 
aTctxojJtevoq ; VIII, 142 otxtve^ — <paive<j0e woXXobs eXeuSepaxravTe; — . 
Der Process der Weissagung gilt den Wahrsagern als ein ebenso 
vollwichtiges Beweismittel wie dem Cyrus sein Traumgesicht, 
auf Grand dessen er zu Hystaspes spricht (I, 209) : tta?<; <rb; — 
e-jci(3ouXe6(i)v §aXa)xe, gerade wie es von wirklich iiberfuhrten 
Verschworern heisst (VIII, 132): siwjJouXs&ovte; Be <I>; <?avepot 
eYevovio — . Der Zusatz h ty) (AavTurij ist ganz ebenso auszu- 
scheiden wie (mit Abicht) jenes ev toTgi epYoici II, 126, wo weder 
Valckenaer's Vorschlag (iiber welchen gemeiniglich falsch be- 
richtet wird) ev zu tilgen, noch Werfer's Conjectur eVi (statt ev) 
die rechte Hilfe bringen; denn auch ein e; xa Ipya ware un- 
zulassig, da von den epya im Vorhergehenden noch gar nicht 
die Rede war. Die Kftnigstochter , so heisst es, wollte auch 
ihrerseits ein (xvy](x6(juvov zuriicklassen (was an sich ein ganz 
unbestimmter Ausdruck ist; man vergleiche, wenn es Noth 
thut, II, 135 oder IV, 81 fin.); darum bat sie jeden ihrer Be- 
sucher um einen Stein, und aus diesen Steinen hat sie eine 
Pyramide erbaut. (Stein freilich gibt die Worte deutsch so 
wenig sinngem&ss wieder, wie sie griechisch lauten: ,er moge 



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62 Gomperz. [580] 

ihr bei ihremBau einen Stein schenken'.) — Von demselben 
Kaliber ist zweifelsohne auch der wenige Zeilen spater folgende 
gleichartige Zusatz: xal ^v (Jiiv xal outoc e<rop£ovTe<; [e<; tvjv (xavTtxYjv] 
xataS^aoxjc erctopxTJGat , wo man nach der Analogie von iatSwv iq xa 
Ipa (VII, 219 in.) im Gedanken ein iq tog; pa£Bou<;, e<; xobq <paxd- 
Xou<; erganzen mag. ! 

Wenn Manner Frauenrollen spielen, so wahlt man hiezu 
allezeit bartlose Jlinglinge (i'vSpaq Xsioysvsiou;, wie es in ahnlichem 
Falle bei unserem Autor heisst V, 20) ; und wenn ein Amazonen- 
heer irrthttmlich ftir ein Mannerheer gehalten ward, so konnte 
man in den streitbaren Frauen nur jugendliche, unbartige Krieger 
erblicken. Dies muss nothwendig auch Herodot dort sagen 
wollen, wo ihn unsere Handschriften so verkehrt als moglich 
sprechen lassen (IV, 111): e&oxeov B' aura? eTvai avSpa<; tyjv ocutyjv 
TfjX'.xfyv exovxa;, was die Interpreten einstimmig etwa also er- 
klaren: ,alle von gleichem Alter, n&mlich gleich jung und 
bartlos*. Ebenso gut konnte man sagen: wir hielten einen 
Trupp Zigeuner fiir Mulatten, denn sie waren insgesammt von 
gleicher (namlich von dunkler) Farbe. Nicht die Gleichheit, 
die ja ebenso wohl die Gleichheit des Greisenalters sein konnte, 



1 In der Schilderung der skythischen Mantik bleibt nach alien Bemiihun- 
gen der Kritiker nnd Exegeten noch manche Dunkelheit zuriick. Dass 
Steins' Vfcrsuch, die Phrase, eVi fxfocv ixdtoT7)v £dt|38ov -iBeVces nach der Ana- 
logie taktischer Ausdriicke (gleichsam als einen Stab hoch) zu erklaren, 
nicht gegluckt ist, zeigen die von ihm selbst angefuhrten Parallelstellen 
deutlich genug; es musste doch zum Mindesten heissen iret [xiocv ia<; £a[3oous 
TiOivTe;. Ob mit Kriiger {i(av eVi [xtav oder nicht vielmehr (nach I, 9, 5 oder 
III, 11, 14) xaia (i(av ixaairjv taW fapScov zu schreiben sei, will ich nicht 
entscheiden. Fiir sicher halte ich jedoch, dass der Schluss des Satzes 
zu lauten hat: xoct auu$ xaia (x(av [auvjitOsiat und dass der Zusatz aus 
dem vorangehenden auvetXeouat gerade so mechanisch wiederholt ist, wie 
III, 36, 17 iXa|A(3ave in SVR durch Einwirkung des benachbarten erciXoc- 
P^dOat zu £7teXdejjipave geworden ist. Und ist nicht eben dasselbe auch IV, 
114 in. geschehen? Oder was ist wahrscheinlicher (denn so muss man 
die Frage stellen): dass Herodot den geschlechtlichen Verkehr, den er 
sonst immer durch [xfayeoOai ausdriickt, an dieser einen Stelle durch das 
(bei anderen Autoren allerdings nachweisbare) ao^jifoYEaOoct wiedergibt, 
oder dass die Proposition aus dem gerade hier vorangehenden <ju|jl[a£- 
E«vt£? (toc aipaTOTceBa) den Schreibern unwillkiirlich in die Feder kam 
und er auch diesmal geschrieben hatte: yuvatxa lyjuv Ixaaro; Tau77jv t?j to 

JiptOTOV £{JL^9t)? 



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[581] Herodoteische Studien II. 68 

sondern die Jugendlichkeit muss hier zum Ausdruck gelangen. 
Man schreibe (wie, irre ich nicht, bereits Dietsch einmal irgend- 
wo vorschlug) tyjv tcp<*>tyjv yjXduyjv und denke sich die Corruptel 
aus einer Abbreviatur wie ATHN oder AHN (g. Gardthausen, 
Palaeogr. 248 oder z. B. Hermes 17, 181) entstanden. Eine 
derartige Annahme hat bereits einmal einer trefflichen Ver- 
besserung unseres Textes (I, 59 TpiY)x,o<j(ou<; statt toutou<; ,nempe 
utrumque per t scribebatur addita terminatione ou<;', Naber 
Mnemos. 1855, pag. 10) l zur Grundlage gedient. (Verwandte, 
minder uberzeugende Vermuthungen desselben Kritikers und des 
scharfsinnigen Mehler sieh ibid. 1854, pag. 482 und 1856, pag. 72.) 
Dieselbe Schreibung von rcpwTYjv mag die seltsame Variante der 
ersten Handschriftenclasse in II, 79 fin. veranlasst haben (au*njv 
SVR statt toutyjv 7cp(A)TYjv.) 2 Und ist nicht endlich auch ein Zahl- 
zeichen einzusetzen III, 11, 11: 9)<jov tw 4>avrj iratSs*; ev Ataxic*) 
xaraXeXetiJLfxdvot (t), wo mir wenigstens die Anschaulichkeit der 
Erz&hlung unter dem Mangel einer solchen Angabe erheblich 
zu leiden scheint? Man beach te, dass die Zahl jener Sohne 
des Phanes jedenfalls eine betr&chtliche war (darauf weisen die 
Ausdrucke Sia 7uavT<*>v §k Sie?eX66vT£<; und xaia §va gxaorov xa>v 
%dlw unverkennbar hin), und dass es sich um das Schicksal 
eines Halikarnassiers handelt, in Betreff dessen unserem 



1 VII, 205 5 ist meines Erachtens nothwendig zu lesen : 8; tote ijte e; 6ep(xo- 
7tfSXa$ STCtXeSajJLevo; avBpa; te [too;] xaTSOTEwTas Tpiqxoafous xai totai ETuyjravov 
TtaiBe? eovtes, ,dreihundert Manner von gesetztem Alter* (vgl. Thucyd. 
II, 36) ,und die schon Kinder batten', wie Lange vollkommen sachgemass 
tibersetzt. Sollte der Artikel, der jedenfalls weichen muss, weil er mit 
£jiiXEi-dfc[jiEvos unbedingt unvereinbar ist (man miisste denn Krttger's ge- 
wundene Erklftrung billigen : ,die bestehende organisirte S c h a a r, die 
er sich wahlte, nicht einzeln, sondern im Ganzen'), vielleicht aus 
eben jenem Compendium entsprungen sein, welches diesmal seine richtige 
Aufl(5sung gleichsam iiberlebt hatte? 
. 2 T&uscht mich nicht Alles, so hilft dieselbe Annahme eine auch vom jting- 
sten Herausgeber nicht geheilte Corruptel bei Marc Aurel (comment. IV, 
33 fin.) beseitigen : — xat SidcOeai; aarcaCofi.e'vT] rcav to auptpatvov, cos avayxatov, 
a>5 yvtopifiov, to; aV ap^rfe tot rcptoTTjs (statt Toia6T7)$) xai Jnjyffc £sov. Vgl. 
insbesondere VTH, 23: aufxpa(vet ii p.01; Ss/ofxat, eVi tou$ 6eou$ ava^sptov, 
xai t^Jv jcavTtov rcijyijv, cty' ?j$ rcaVra Ta yivrffXEva aufifjwjpuETai. Oder auch 
VI, 36: rcaVra exeTBev Ip^Etat — xai to ^aajxa o3v to Xsovto$ — xai 
rcaaa xaxoupyfa — sxecviov ETCiyEWTJpiaTa Ttov aEjivtSv xai xaXiov. {x^ ouv auTa 
aXXoTpia toOtou, ou a^Ei;, 9avTa£ou • aXXa T7jv rcavTtov 7t7)y7)v ErciXoy^ou. 



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64 Gomperz. [582] 

Historiker gewiss die genauesten Informationen zu Gebote 
standen. Durch den Ausfall eines oder mehrerer Zahlzeichen 
erkl&rt sich auch am leichtesten die Liicke, die ich (mit Dobree) 
IV, 153, 6 annehmen zu miissen glaube. 

IV, 119, 14: r)v (jiivTOt Itciyj xat eicl tt)v ^jxsTdpirjv ap^t) xe a8i- 
xiwv, xal yj[jieT<; ou xstaojjieOa — . Da die Conjecturenfluth, die 
sich von Alters her (schon der Sancroftianus , aber freilich 
weder V [der ou rceta&neOa hat] noch R, bietet oux oio6(xi8a) liber 
diese Worte ergossen hat, noch immer anschwillt, so scheint es 
n<5thig darauf hinzuweisen, dass Letronne 1 (Journ. des sav. 1817, 
pag. 90) dieselben bereits vollkommen ausreichend erkl&rt hat 
als ,une tournure negative qui ^quivaut . . . k une affirmation 
^nergique', = evavxiwOtjaoixsOa oder jjiaxe^^eOa. Ich verweise 
ausser auf die von Letronne angefiihrten schlagenden Parallelen 
im Heliasten-Eid bei Demosth. 24, 149; Xenoph. Cyropaed. 
IV, 5, 22; VII, 4, 1; VII, 4, 10 — auch auf die allbekannte 
analoge Gebrauchsweise von ou* dav, oux, £7itTpsTC£tv (im Sinne 
von ,verhindern, verbieten'), ou <pyjfJLt = nego, oi>x uflocxvoujxai 
,ich schlage ab' u. s. w. (s. Krttger 67, 1, 2). 



Ich beruhre im Folgenden nur mehr eine Anzahl wichti- 
gerer Stellen aus den letzten drei Btichern. 2 



1 Bahr hat bereits auf Letronne bingewiesen und seine Ansicht gebilligt. 
Da er jedocb die zuerst erwahnte, vielleicht iiberzeugendste Parallelstelle 
aus Xenophon (^[toi (ia^ou(x^vou5 ye ?j rEtaopivou^ tibergangen und jeden- 
falls keinerlei Wirkung erzielt hat, so schien es ntithig, dem eingewurzel- 
ten Irrthum von Neuem entgegenzutreten. Beilaufig, Eltz hat nicht, 
wie Stein berichtet, ,vel ot ercotodfjLeGa vel ercetatffi.eOa' zur Auswabl vor- 
gelegt, sondern die letztere Conjectur nur als eine solche vorgebracht, 
,quae quidem in proelivis est, sed probari non potest'. Das rcpoSTov 
<ku5o? seiner langwierigen, aber diesmal unfruchtbaren Ertfrterung war 
die wohl von den meisten Kritikern stillschweigend getheilte Voraus- 
setzung, dass 7t£(ao|xat hier das Futur von naayjio, nicht von 7te(0o[jLat sei. 

2 Ueber die Biicher V und VI habe ich einst (Zeitschrift fur Bsterr. Gymn. 
1859, 824—829) ausfiihrlich gehandelt. An der grossen Mehrzahl meiner 
damaligen Vorschlage halte ich noch heute fest, obgleich die Heraus- 
geber selbst die evidentesten derselben, wie zu V, 113 in.: pot/opivcDv Se xai 
toW aXXwv <£u> Ztrjajjvcop zxL (vgl. auch II, 169 in.) nicht einmal einer 
Erwahnung werth erachtet haben. Die Jugend ist vertrauensvoll, und so 



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[583] Herodoteische Studien II. 65 

Xerxes spendet bei seinem Besuche von Akanthos den 
Bewohnern der Stadt Lob, Anerkennung und Geschenke, 6p£wv 
auiou^ wpo06piouq eovia^ e<; tov tcoXsijiov %ou to 5puv{Aa (<nrs6o'ovTas) 
axouwv (VII, 116). So glaube ich den Satz, dessen Lucken- 
haftigkeit schon von Valla erkannt ward, am leichtesten und 
sinngemassesten vervollstandigen zu konnen. KrUger's Vorschlag, 
dao6o>v zu tilgen, macht die Rede p.uoupo<;, wahrend Stein (der, 
nebenbei, die treffliche Lesart outou; [so SVR] in xai verwandelt, 
welches er aus dem xal toi>s der anderen Handschriften ent- 
nimmt) der Erganzungskraft des Lesers Unmogliches zumuthet. 
Dass uns dieses Supplement auch von einer vOllig vereinzelten 
sprachlichen Singularit&t befreit, kann nur zu ihren Ghmsten 
sprechen; die s&mmtlichen angeblichen Parallelen zu to 6'puYJxa 
axo6a>v, auf welche Stein verweist, sind n&mlich unzutreffend ; 



glaubte ich damals, was mir nach reif lichster Ueberlegung als zweifellos 
sicher erschien, nicht erst weitlaufig begriinden zu miissen. Es schien 
mir geniigend, die Aufmerksamkeit der Interpreten auf einen von den- 
selben nicht wahrgenomraenen Anstoss zu lenken und denselben in plau- 
sibler Weise zu beseitigen. Ebenso wenig ahnte ich zu jener Zeit, dass 
die selbstverstandlichsten Besserungen seit Jahrhunderten gefunden und 
doch fur moderne Herausgeber so gut als nicht vorhanden sein ko'nnen. 
Gelang mir eine Emendation, von der die neueren Ausgaben, die ich zur 
Hand hatte, nichts wussten, so schloss ich eben hieraus, dass Niemand 
vor mir auf dieselbe verfallen war. So war denn meine damalige Literatur- 
kenntniss eine recht unvollstandige und beniitze ich diesen Anlass gerne 
um zu bemerken, dass meine Athetese zu V, 55, 6 von Jacobs (nach Abicht's 
Angabe in letzter Auf lage), ebenso mein Vorschlag VI, 35, 15 aus dem xi der 
schlechteren Handschriftenfamilie y( zu gewinnen, schon von Reiske vor- 
weggenommen war, gleichwie derselbe das von mir aus dem Vindobonensis 
entnommene rcptoTtov statt KpaSiov (VI, 57, 3) bereits vermuthet und ebenso 
die Richtigkeit der Ueberlieferung in VI, 75 8—9 angezweifelt, aber die 
Stelle in anderer (ich denke, minder iiberzeugender Weise) zu ord- 
nen versucht hatte. Ebenso ubersah ich es, dass schon Jac. Gronov die 
Echtheit von VI, 98 4 — 6 bezweifelt und dass jedenfalls Kiepert (wenn 
nicht auch Andere) vor mir die Unhaltbarkeit des uberlieferten Textes 
in V, 52, 1 erkannt und zum Mindesten in ahnlicher Weise zu berich- 
tigen versucht hat (siehe Hermes VI 454). Mich von derartigen Ver- 
sehen frei zu halten, ist mir Angesichts der Uniibersehbarkeit insbeson- 
dere der Adversarien-Literatur, des Mangels einer neueren Ausgabe cum 
notis variorum und der in diesem Betracht wenig zulanglichen Be- 
schaffenheit der Stein'schen Ausgabe auch diesmal schwerlich vollstandig 
gelungen. 



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66 Gomperz. [584] 

es sind ausnahmslos Verba des Fragens, Forschens, Nicht - 
wissens, die mit derartigen Accusativen verbunden erscheinen. 
Eine der merkwiirdigsten Stellen unseres Werkes, die uns 
in die theologischen Ansichten des Geschichtschreibers den 
tiefsten und iiberraschendsten Einblick eroflnet, ist noch von 
einer kleinen interpolatorischen Zuthat zu befreien, die den im 
Uebrigen (was auch Stein sagen mag) sonnenhellen Gedanken 
in bedauerlichster Weise verdunkelt hat. Zwei vornehme Spar- 
taner, Bulis und Sperthias, hatten sich als freiwillige Opfer 
dargeboten, um den einstmals an den Abgesandten des Darius 
veriibten Frevel ihres Volkes zu suhnen und so endlich die 
unabl&ssig fortwirkende hyjvk; des Talthybios, des Ahnherrn der 
laced&monischen Herolde, zu beschwichtigen. Xerxes weigerte 
sich das Suhnopfer anzunehmen und so die Spartaner von ihrer 
Schuld und deren nachwirkender Strafe zu erlflsen. Allein die 
Sohne jener Manner erlitten im zweiten Jahre des peloponnesi- 
schen Krieges, in Folge des Verraths des thrakischen Konigs 
Sitalkes, der sie an die Athener auslieferte, von der Hand der 
letzteren den schon von ihren V&tern erstrebten Opfertod. Hier 
zeigt sich, so ruft Herodot aus, das unverkennbare Walten 
der strafenden Gottheit! Er unterscheidet n&mlich in der Ge- 
sammtheit dieser Vorgange einen gewissermassen natiirlichen 
und einen (wie er meint) zweifellos iibernatiirlichen Theil. 
Die gottliche Gerechtigkeit, die keinen Frevel ungeahnt lasst, 
gilt ihm als ein Bestandtheil der natiirlichen Ordnung 
der Dinge, so sehr, dass er sich verwundert fragt, was denn 
den Athenern als Entgelt fiir die gleiche Missethat ,Unerfreu- 
liches zu Theil ward' (VII, 133). Gleichwie es dem Griechen 
in ahnlichen Fallen nur wie eine natiirliche und unvermeidliche 
Wirkung der Uebelthat erscheint, dass die Opfer nicht gelingen, 
(c. 134), dass die Frauen, die Heerden, das Land selbst seine 
Fruchtbarkeit einbiisst, so findet auch unser Historiker es ,nur 
recht und natiirlich' (yb Sutatov o5tw e<pspe) ? dass der Zorn des 
Talthybios nicht zur Ruhe kam, ehe er seine Opfer gefordert 
hatte, und desgleichen, dass er sich, da es einen an ; Boten* 
begangenen Frevel zu rachen galt ; wieder auf ? Boten' entlud. 
Allein, dass dies gerade die Sohne jener zwei Manner waren, 
die ohne dem Geschlecht der Herolde anzugehoren, freiwiUig 
den Opfertod gesucht hatten, dass die Spartaner eben sie, Nikolas 



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[585] Herodoteische Stndien II. 67 

und Aneristos, als ,Boten* nach Asien sandten, dass der Thraker- 
k6nig wieder eben sie an den Feind verrieth — darin, dass alle 
diese zu ganz anderen Zwecken unternommenen menschlichen 
Willenshandlungen sich als Glieder in der Kette des g5ttlichen 
Strafgerichtes erwiesen, in diesem wunderbaren Zusammentreffen 
(to 8£ <ju(jL7ceaetv), in dieser liber die Massen kunst- und planvollen 
Veranstaltung nimmt der gl&ubige Sinn des Geschichtschreibers 
den ; Finger der Vorsehung' so deutlich wahr wie nur in wenigen 
anderen Begebenheiten (touto [xot ev toToi 0et6Tarov <patvsTat y eviction). 
(Man vergleiche den verwandten, wenn auch schwacheren 
' Ausdruck bei ahnlichem Anlass IX, 100: BrjXa Srj rcoXXoiai xexjjnr]- 
pCoiat sort toc tieia t<*>v xpTj-f^aTttv, el xat t6ts tvj<; ai)T?j<; ^(JipiQC aujx- 
ictVcovToq [so, zweifellos richtig, Reiske] xts.) Und so fasst er 
denn schliesslich (VII, 1 37, 25) seinen Glauben an ein unmittelbares 
absichtliches Eingreifen der Gottheit in den Ausruf zusammen : 
SyjXov 1 &v jjloi, 5rt Oeiov to irp^Y{xa iyeveto. (Diese vortreffliche 
Wortstellung, statt kytvexo T0 ^PW 1 ** bieten V und S dar.) — 
Die nunmehr folgenden Worte ex, tyj<; jjl^vio<; aber tilge ich als 
ein sinnstorendes, den Gedanken griindlich verderbendes Ein- 
schiebsel; denn nicht der erst wenige Zeilen vorher (Sta tyjv 
{jLYJvtv) erwahnte Zorn des Talthybios, der unserem Autor viel- 
mehr als eine Art von Naturkraft gilt, kann ihm als das 
allwissende und allvermogende , jeder Berechnung spottende, 
menschliche Plane und Absichten in seinen Dienst zwingende, 
strafende und r&chende Princip erscheinen, dessen Walten er 
hier ehrfurchtend bewundert. 

Den Orakelspruch von der ,h<5lzernen Mauer' deuteten 
manche altere Leute auf die athenische Akropolis, Vj y<*P fapb- 
•jtoXi? to iweXat twv 'AOyjveaw prj/w £TC£<ppa*TO* o! [xev 8$) [xara tov <ppaY(xbv] 
auvepiXXovTo touto to £6Xtvov zetypq ewat (VII, 142). Mir wenigstens 
erscheint diese Athetese ungleich weniger gewaltsam als die 
Interpretationsktinste, welche hier Stein zur Anwendung bringt : 
,dieser Ausdruck, h(5lzerne Mauer, beziehe sich auf die 
Umz£unung'. (Krtiger und Abicht wollen nur xaTa tilgen). 



1 Die leichte Anakoluthie erklart sich vollst&ndig aus der Gemuthsbewegung 
des Schriftstellers. Wer dieselbe mitempfindet , miisste es fast verwun- 
derlich finden, wenn derselbe mit kahler und kalter Correctheit gesagt 
hatte: to 8k aujjLjieastv — Texfj.ijptdv fioi xti. 

6 



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68 Gomperz. [586] 

Zwei Zeilen spater heisst es: xohq a>v S^ xaq vda<; Xi^ovzaq eTvat 
to i;6Xivov Tefyoq. 

VII, 143 fin. schreibe ich to 8e oujxtcov eTwat (statt eTvat). 
Denn die nur hier erscheinende Phrase, in deren Auffassung 
die Erklarer weit auseinander gehen (vgl. z. B. Kiihner's 
handgreiflich unmogliche Auslegung: ,summam rei in eo verti 
aiebant'), lasst sich durch keinerlei zutreffende Analogien stiitzen, 
da die bekannten Verbindungen to vuv eTvat, ttjv xpwTYjv etvat, 
ixwv eTvat, xara touto elvat durchaus einschrankende Kraft 
besitzen (vgl. Ast lex. plat. I, 625 oder Dobree adv. 25). Der 
Gedankenzusammenhang heischt hier vielmehr einen Ausdruck * 
wie <&<; guXXti^Btjv etxetv, evl Be feet ouXXa(36vra etuetv (dies 1H, 
82, 6) u. dgl. Nun lesen wir II, 91 in. : to 8e <jujxtcov etxetv, gerade 
wie bei Thucyd. I, 138 xat to 56imcov eiweiv. Ferner hat genau 
dieselbe Corruptel VI, 37, 22 (wo mir Abicht zuvorgekommen 
ist) in der Phrase to 8£Xet to ercoq eTxat stattgefunden (vgl. Stein's 
Zusammenstellung zu VII, 162); und wenn endlich die Form 
elicat in den Handschriften seltener begegnet — die sie jedoch 
mitunter, wie VII, 133, 14 oder VIII, 118, 13, fast einstimmig 
darbieten (gleich darauf Z. 16 zum Mindesten SR, und V zu eTae 
entstellt) — so mochte sie eben darum Irrungen veranlassen 
(s. unsere Erorterung zu I, 31 in.) 

VII, 220, 12: to6tyj xat [xaXXov ty) y v< * > I jl T3 tc ^ctt6<; etjxt. — 
Valckenaer's Vorschlag, nach der Analogie von I, 120, 14: 
xat auTb? & Mdtyot to6tyj -jcXeurros Yv&iAqv etjju, auch hier den Ac- 
cusativ mit oder ohne Artikel an Stelle des Dativs zu setzen, 
hatte vielleicht iiberzeugender gewirkt, ware man sich der in 
derartigen Fallen fast mit der Starke eines Naturgesetzes wal- 
tenden Assimilirungs-Tendenz bewusst gewesen. Man vergleiche 
die Lesart der Aldina: tv? v&WIj auch an der zweitgenann- 
ten Stelle ; desgleichen die handschriftliche Ueberlieferung von 
Sophocl. Philoct. 1448: xtr/to Y^l^T) t«6tyj T(6e[i.at, oder Ari- 
stoph. Eccles. 658: xdyw Ta6TY)v yvw^yjv Ti'6e|/.at. Beide Male hat 
Toup das allein mogliche yvu)[jlt)v toOty) und TauTY) y v <*>R v herge- 
stellt. S. die erschopfende Erorterung des Gegenstandes bei Bonitz, 
,Beitrage zurErklarung des Sophokles* (Wien, 1856), I, 66—68. 
Zu den daselbst angefuhrten elliptischen Wendungen ist noch hin- 
zuzufugen Plato Theaet. 202 C: dpdoxet ouv ae xat Tt'Oeaat Ta6TY) 
(sc. ^rj<pov oder yv&jmjv), — eine Stelle, an welcher seltsamer 



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[587] Herodoteisclie Stndien II. 69 

Weise auch Stallbaum's wortreicher Commentar stillschweigend 
voriibergeht, desgleichen Astfs lexic. Platonicum. l 

VTI ; 237 fin.: o&to) 2>v [wepi] xaxoXoYfyq vqq eq ATjjxapirjTOV, 
eovTo<; qxou £eivou wept, iyzabciL Ttva tou Xowcou xeXeuw. Die wunderbar 
krause Redeweise entstammt nur Stein's Wunsch, keinen Bro- 
sam von der Ueberlieferung der zweiten Handschriftenclasse 
unter den Tisch fallen zu lassen. Die treffliche, von Kriiger 
adoptirte, Lesart zyeobat (in SVR , nicht in R allein !) sollte nicht 
angenommen werden, KepiiyeoQai war und blieb unverst&ndlich ; 
so kam es denn zu jener kritischen Missgeburt! Tiefer Sinn lage 
iibrigens in Stein's Verweisung auf VIII, 77 fin. <rraXoYiY)<; XPW& V 
nipt, wenn sie besagen sollte, dass hier wie dort die Hand eines 
Falschers gewaltet hat. Angesichts der Langmuth jedoch, die der 
neueste Herodot-Herausgeber gegen jene von Kriiger ausgeschie- 
denen Abschnitte: VII, 238, VIE, 77, IX, 83—84 an den Tag 
legt, will ich nur meine Ueberzeugung aussprechen, dass der 
letztgenannte Kritiker im Ganzen wie im Einzelnen vollkommen 
richtig geurtheilt hat, und dass die das herrliche Geschichtswerk 
geradezu schandenden, theils blodsinnigen , theils arglistigen 
Falschungen schleunigst aus demselben zu entfernen sind. Auch 
an einer anderen Stelle ist die Proposition wept aus dem Texte 
auszuschliessen, VJLH, 26 fin. in dem Satze : iranca! MapSovte, xoi'ouq 
i%' avSpag ifjfjia<; yjy ^ 6 ?? ot °" 7C£ P t XP^^octwv tov aY&va rcoteuvTat aXXa 
rcept apzrriq. Denn obgleich diese Verbindung weder sinn- noch 
sprachwidrig ist (vgl. Thucyd. V, 101 : ou y<*P ^spl ov8paYaG£a$ b 
affov xxe.), so wird man doch der Autorit&t der ersten Hand- 
schriftenclasse Folge leisten miissen (irept om. SVR) ; zu dieser 
Wendung bieten die Verse der sophokleischen Elektra 1491 — 
1492 eine genau zutreffende Parallele: Xoywv y<*P ou || vov eortv 
a^wv, dtXXa <nj<; tyuy?i$ i:lpi. Irre ich nicht, so ist einige Zeilen 
vorher das Wort atei einzusetzen und zu schreiben: ol 8' eTicov tyj<; 
eXatys tov (atel) St56jjievov ore<pavov. Den Ausfall desselben Wortes 
vor derselben Silbe hat Valckenaer (mit vollem Rechte, wie ich 



1 Ein schwer zu ltfsendes R&thsel gibt uns iibrigens hier die Lesart der 
ersten Handschriftenclasse auf (o'^Xo; nach eijif SVR). Sollte darin ein 
mit {jtaXXov zu verbindendes jwXXrf$ stecken, welches durch rcXetaTo; ver- 
dr&Dgt ward? Auch der Comparativ begegnet in derselben Redensart bei 
Lucian. Demosth. encom. §. 4: et xoct r.h(wv e?p.t T7jv yvwpjv (worauf 
Valckenaer verwiesen hat). 

5* 



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70 Gomperz. [588] 

denke) IV, 162, 4 vermuthet: i, %k Xajx(3flcvou<ja to (aiel) 8tB6jxevov 
xaXbv iJiev SqpiQ xt£. 

VHI, 53 in. : — XP^V &' -* T ^ v a^optov £<pavrj SyJ ti? eao8o<; to tat 
pappapotat xt£. Hier liegt, wenn mich nicht Alles tauscht, dieselbe 
uralte Buchstabenverwechslung vor (von £ und I), verm6ge 
welcher VII, 130, 12 2ao>, wie Schafer erkannte, in Z%(» oder bei 
Sophokles Oed. R. 1483 (Nauck) wpouadXv;aav in Tcpou^svyjaav ver- 
wandelt ward. Denn wenngleich im Polgenden die Entdeckung 
und Benutzung eines unbewachten Zuganges zur Akropolis er- 
zahlt wird, so kann dies doch nicht mit einem ganz verschiedenen 
Gedanken : der Befreiung der Belagerer aus den Nothen und 
Verlegenheiten, die sie ringsum wie ein Wall oder eine hem- 
mende Fessel umgaben, in der Weise verschmolzen werden, wie 
es durch die gegenwartige Textgestalt geschieht. Man vergleiche 
das unmittelbar Vorangehende : — Sep^v hA xpovov ou/vbv a%o- 
p(t)at Ivd/eaOai, o ? j Buvajxev6v <j<pea<; IXetv mit der unbildlichen 
Anwendung desselben Ausdrucks IV, 43, 22 : to xXotov to TrpoVw 
oh Suvoctov £ct eTvai icpoPaCvetv dXX' £v(oxe<?0at, oder mit den ver- 
wandten Stellen: IV, 131 in.: ?£koq Aapet6<; Te Iv drcopfyat &yj.xo 
und I, 190 fin.: Kupo<; B£ dxopftjat Ivs^sto /P^vou T£ lyYtvofxevou 
aw/you avwTspw te ouSev twv xpYjYixoeTwv 7upoxoitTO(jiiv(i)v — (auch I, 24 
8 : dtasiXtjOevTa 5e tov 'Aptova e? axopfyv). Mit dem von uns ver- 
mutheten: — £x t&v drcoptov s<poevY) 8^ Tt$ ei;o8o<; xts. vergleiche 
man aber Eurip. Helen. 1022 (Nauck): aurot (xsv ouv tiv' eijoBov Y 
eupCaxeTe (= fJiYjxavYjv aa)TY3p(a<; 1034) oder auch Aeschyl. Prometh. 
59 (Dind.) : £etvb<; Y<*p eupetv xa? afxirjxofvwv ?t6pou<;. 

Vin, 83, 24 ff. glaube ich, wie folgt schreiben zu miissen: — 
xpoirjYopeue eu l^ovra jJiev ex xgcvtwv 0e(JuaToxXeYj<;. xa Se sfrcea 9)v xavTa 
(t3c) xpeaaw Total fjaaoat dvTiTtO^fxeva, 8aa [Syj] 1 ev avOpawrou <puat xai 
xaTaaraat eYYtvsTar irapaiv^aat; 5y) toutwv Ta xpsaato atpeeaOai xt£. 



1 Die, von der zweiten Hand des Mediceus abgesehen, einstimmige Ueber- 
lieferung der Handschriften bietet hier 8^, das aus falscher Auf fassung des 
Zusammenhanges entsprungen scbeint and mithin besser getilgt als ver- 
andert wird. Das 8ij nach jrocpaiv&a; aber mit dem Passion, und Florent. 
in te zu verwandeln und hierdurch das eng Verbundene zu trennen, 
scheint keineswegs rathlich. toc nach rcavia setzt, wie ich nachtraglich 
sehe, auch Dobree ein (advers. 41), der im Uebrigen die Stelle meines 
Erachtens nicht richtig verstanden hat. 



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[589] Herodoteische Studien II. 71 

Den Inhalt der Rede bildete die ersch<5pfende Gegeniiber- 
stellung aller besseren und aller schlechteren Motive, die auf den 
zu fassenden Entschluss einzuwirken vermochten. Zum besseren 
Verstandniss der vielfach (auch von Rawlinson, der ein <xh\ yor 
alpeecOat einschieben zu wollen scheint) nicht richtig gedeuteten 
Worte dient vielleicht die Anfuhrung einer bisher nicht be- 
achteten Parallele aus Demosthenes : dv S^ ttJ twv x,a0Y)|iiva)v Ojjlwv 
■hibq exaaxou y v( * ) I jl T1 ?^av6pt07c(a icpbq <p66vov xal StxaiosuvY) icpbq xaxiav 
xal irocvTa t<x xpY)<JT& %pbq ta xovYjpiTaT' avTiT<£cr£Tai. Sv to?s PeXtCow 
TC£t06(xevot x,t£. (adv. Leptin. 165 und 166). 

IX, 15, 16: evOafaa 5e to>v Bi^at'cov xawr£p |Jur)8t£6vTtDV exetpe 
tou<; x^P 00 ^ oSrt xaTa iyfioq auiwv aXX' ux' dvorpcatys [Lsyakriq eypiievpi; 
Ipujxa ts tw (jTpaTOTCeBo) rconfaaaGat, xai fjv au{xPaX6vTc o\ jjlyj exPaivrj 
5y.oT6v xt iOeXot, y.pea<puY £T0V (™>u*o) touto exoteexo. Diese Erganzung 
dtirfte sich ohne weitere Befurwortung von selbst empfehlen. 1 

IX, 17, 10 : — efji^Bt^ov yap Sy] <j<po§pa xal outoi, oux £x,6vt£<; aXX' utc 
avaYxaiYj;. Den Widersinn dieser Ueberlieferung, an sich und im 
Verhaltniss zum Vorangehenden (jxouvoc $£ 4>(o^£^ ou ouvsaepaXov) so- 
wohl als zu dem, was c. 31 erzahlt wird, hat bereits Schweighauser 
gebiihrend hervorgehoben. Doch ist die Heilung des Schadens 
sicherlich nicht in der Tilgung von cqpoSpa, sondern in der Be- 
seitigung von sxovts^ zu suchen: djjn^t£ov yap 8y) %a\ ouxot, ou 2 
a<p6Spa dXX' urc' dvaYxaiirjq. Was man nothgedrungen thut, das ge- 
schieht eben mit Lassigkeit, nicht mit Eifer. So heisst es auch VII, 
172: 0e<T<raXol Se ux' avay%a(ri<; to xpwTov qjLYJStaav, weiterhin aber 
(174): SeacaXoi 8e £pYj{j.u)0£VT£<; aufjLjxaxwv outg) 5y) epi^Siaav xpoOujjiax;, 
ouo° lit £v5oiaoro)<;. — Was Wunder aber, dass ein pedantischer 
Corrector der, wie er denken mochte, unzureichenden logischen 
Strenge dieses Gegensatzes in seiner Weise zu Hilfe kam, wobei 
es ihm jedoch gliicklicher Weise nicht gelungen ist, das Ur- 
spriingliche (<j?6&pa) ganz und gar aus dem Texte zu verdrangen. 



1 Aehnlich Kriiger: ,Oder xtou-rd ohne ^oilero?' 

2 Die Verneinungspartikel vor a^o'Spa einzusetzen, aber auch nur dies, 
empfahl schon Letronne (Journ. des sav. 1817, p. 92) mit dem Bemerken : 
,Ce dernier passage paroit inintelligible, si Ton n'insere pas la negation 
(ou) ; la ressemblance de 8 et de a aura cause* Tomission : ou <j9<>8pa est, 
a la lettre, notre pas beau coup, qui signifie tres-peu.' Doch ist 
damit weder die Stelle verstandlich gemacht, noch die Entstehung der 
Corruptel in glaubhafter Weise erklart. 



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72 Gomperz. [590] 

IX, 79, 24 schreibe und interpungire man wie folgt : 
AewvtSf) 8£, Tq> (xe xeXeuet? Tifjuopyjaat, ^yjjxi fjieYiXux; TSTt|Jiu>prj<j6ar tj;u- 
)$ot y £ ( Te die Hss.) ttjui xuWSe avaptSjx^Totat TetijjLYjTat xts. Ver- 
wunderlicher Weise haben die Herausgeber, so viel ich sehen 
kann, an der iiberlieferten Fassung des Satzes keinen Anstoss 
genommen, die Uebersetzer hingegen die Verbindungspartikel 
entweder ignorirt (Stein), oder durch ,denn* ,nam', Rawlinson 
sogar durch ,surely< wiedergegeben. Ebenso ist IX, 42, 22 das 
von SVR dargebotene ts in ^i zu verwandeln: <xxno$ ^e Map86vto$ 
^ e Y £ ( v gl- was Eltz a. a. O. 128 und 129 zusammengestellt hat.) 

IX, 82, 8: nourovirjV <5>v Speovia xeXsuaat to6<; ts dpToxixouq xal 
Tobq o^oauotou; xara xauTa [xaBax;] MapBovtw Sewcvov xapaaxeuafctv. Das 
der herodoteischen Sprache fremde xa6o>s haben Schafer, Bredow, 
Stein in verschiedener Art zu emendiren versucht. R&thlicher 
scheint es, die Partikel (mit Abicht) zu tilgen und die Verbindung 
xaxa Tauxa MapBovtw in der bekannten brachylogischen Weise zu 
verstehen, in der man auch von einem SeTitvov Sjjioiov MopSovwo 
oder xpelaaov MapBovtou sprechen konnte. Vgl. Krtiger 48, 13, 9 ; 
47, 27, 5 und 28, 7, wozu sich eben aus Herodot noch gar 
Manches beibringen liesse, wie z. B. IV, 46 in. : /wpstov icaaewv 
7capex£Tat e'Ovea AjxaOioraTa oder ebenda aoy&xaza xocvtwv ^eupYjxat 
twv iQ(xet<; l'o>ev. (Vgl. auch unsere Erklarung von HI, 65, 15, oder 
Stein's Nachweise zu I, 172 und II, 127.) 

IX 94, 8 : — ot 8e 'A/TCoXXamvjxat aTtoppYjta 7uotY)aaf/.evot rcpoeOeaav 
xwv aaraW dvSpocat (xpiol) §iarcpij§at. — Eine quantitative Bestimmung 
ist hier schwerlich zu entbehren, wahrend eine gr5ssere Zahl 
durch den geheimen Betrieb der Angelegenheit unwahrschein- 
lich gemacht und durch den Fortgang der Erz&hlung (sXOovts; 
ot xapt^ovTo und ot 8e rcdpeBpot) ausgeschlossen wird. Vgl. IV, 68 in. 
twv jjiavTtwv dv8pa<; tpeiq oder VIII, 135, 2 — 3: twv daiato atpeiou; 
dv8pa<; ipe?s — . 

IX, 99, 14 — 15: ercotsuv Be to6tou etvexev, tva exxbi; tou 
orpaTOTreBou swat. Der durch die Unvollst&ndigkeit und Aerm- 
lichkeit des Ausdrucks gleichwie durch den ganz unmotivirten 
Subjects wechsel auff&llige Satz erweist sich nicht nur als vollig 
entbehrlich (zwischen &<; £TCtcTa[Jtivotat SrjSev jjwcXtara tyjv X(J>pY)v und 
toutoui; [Jiev 'I&vwv — Trpoe^uXdaaovco ot llepaai!), sondern er 
widerspricht auch dem, was cap. 104 gesagt wird: exaxOyjaav 
jjiiv vuv eici touto to irpYJY^a ot MtXvfatot toutou tc etvexev xat tva 



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[591] Herodoteische Studien II. 73 

jxy) rcaps6vxe<; tg> 0TpaT07cd5({) it veo/jjibv xoteotev. Ich halte ihn fur 
einen erklarenden Zusatz, der aus dem Rande in den Text 
gedrungen ist. 1 

Ebendort (cap. 104) begegnetunsm. E. eine andere derartige 
Zuthat in dem Satze: xal tsXo<; aircot a<pt syivovto [xreivovres] rcoXe- 
lAtcI>Tarot. Das eingeklammerte Wort ist, wenn es nur erkl&ren 
soil, zu viel und, wenn es anschaulich schildern soil, zu wenig. 
Mich diinkt es r&thlicher, dasselbe zu tilgen, als etwa (denn 
auch daran konnte man denken) zu schreiben : — xoXejjittowrcoi 

XT£lV0VT£<; (%<x\ §t(i)X0VTc<;). 

Im Folgenden: jjit) %<x\ 7uptv 5wrceniaCo6q) (xaTetxa^ouaa die 
Hss.) xa Ytvojjieva o&tu) ercsupeSfl xprjaawv, halte ich es nicht flir zul&s- 
sig, mit der Aldina und der Mehrzahl der neueren Herausgeber 
(worunter Bekker, Stein, Kriiger, Abicht, Dindorf, aber nicht 
Gaisford) ein Anakoluth wegzuemendiren, welches nicht erstaun- 
licher ist als jenes, das 1H, 16, 6 — 7 von den Handschriften 



1 Im Beginn des folgenden Capitels ist die unpersonliche Construction 
&$ hi ocpa jtapeaxetJaaTo Toiat "EXXirjai (so, wenngleich zweifelnd, Reiske 
und Bekker) vor Alters missverstanden und durch das zum Behufe der 
Erklarung beigeschriebene rcapgaxeuaSocTO (sc. ot "EXXirjves) verdrangt worden. 
Dass dies der thatsachlicbe Hergang war, erhellt aus der von keinem 
Herausgeber, wohl aber von Miklosich (Subjectlose Satze, 61) angefiihrten 
Parallele aus Thucydides I, 46, 1 (siehe daselbst Kriiger): ItceiStj aOtot; 
^apeaxeuaaro. Stein glaubt die Ueberlieferung dadurch retten zu kttnnen, 
dass er auf den Plural — nicht des Verbum, sondern der Adjectiva 
in ahnlicher Construction (Thucyd. II, 3 ircei Be — troTfia ^v) hinweist! 
Wie oft subjectlose Satze von den Interpreten nocb heute missverstanden 
werden, dies kBnnen Stein's Anmerkungen zu HI, 80 in. oder zu HI, 
113 in. lehren, wonach in dem Satze: &iz6&i hi rffc x^P 7 )* — Geareatov o>; 
7J8u das letzte Wort das Subject sein soil! — IX, 33 in. lesen wir: w? 
hi apoc 7:avT£? o\ ixtxayaxo xaxi (te SVR) e'Gvea xat xikta. In SVR fehlt 
jedoch rcaviss, was den Gedanken nahe legt, es mtfge auch hier eine sub- 
jectlose Construction zuerst missverstanden, dann verdrangt und schliess- 
lich in der zweiten Handschriftenclasse bis auf die letzte Spur verwischt 
worden sein, genau so, wie dies an der oben besprochenen Stelle ge- 
schehen ware, wenn etwa Reiske's Alternativvorschlag, rcdev xa einzusetzen, 
von einem alten Corrector anticipirt und ausgeftthrt worden ware. Ist 
diese Combination richtig, so fehlt dem also gewonnenen: w? hi apoc ol 
ixixaxxo auch nicfit eine genau zutreffende Parallele in dem (gleichfalls 
von Miklosich ebendas. angefiihrten) Satze: to? hi a^t Btex^TaxTo — . 
(VI, 112 in.) Man erinnere sich auch unseres Besserungsvorschlages zu 

m, 82. 



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74 Gomperz. [592] 

dargeboten und von den Interpreten nicht mehr angefochten 
wird: Uipar\<ji jjiev 8t* 8xep etpyjTat, Sew ofo Sixatov eTvat X£y 0VT£ S 
(wo die Aldina gleichfalls Xiyouat herstellte; vgl. daselbst Stein's 
und Kriiger's Hinweise, insbesondere auf IV, 132, 15 und VlH, 
74, 19-20). 

Artayktes setzt sich durch betrtigerische Vorspiegelungen 
in den Besitz des schatzereichen Heroon des Protesilaos 
(IX, 116, 19): X£yu>\> §e TotocSe Sep^v BtePaXsTO. 5 SeoiroTa, 8a tc 
oXy.oq avSpb? c 'EXXy)vo<; evSauTa, 8<; erci yyjv oy)v arpareuaiiAevoq Sixtj? 
xupjaas drceOave" to6tou jjloi 805 tov oTxov, Tva xai xiq [jlocByj Jwt *f^ v 
tyjv oy)v jjly) arpate^eaOai'. Totfca Xdywv euxeTda)*; efxeXXe dvarceCaetv S^p^rjv 
[Souvat avSpb<; olxov], ouSev uTuoTCJCYjO^VTa tgW exetvo; e<pp6vee. Wer den 
bisherigen Ausfuhrungen nicht ohne Billigung gefolgt ist, fiir 
den bedarf es keines Beweises, dass dieser Stelle durch unsere 
Athetese und nicht durch irgend welche Anwendung kritischer 
Kleinkunst (,8ouvat ol tou avSpbq?' Stein) aufzuhelfen ist. 

IX, 119: Oio(k£ov jjiiv vuv ix/psuYOVTa (1. £X,<puv6vra mit SVR, 
Schafer u. A.) iq tyjv 0pyjtxYjv Qp^eq 'AtpivBtot Xap6vx£<; e'Ouaav ITXet— 
ax&po) 6TC%u>p(<p Oew Tp6iro) tw a<p£T£pa), tou<; Be (jlet' exeivou aXXw 
Tp67C(i) £<p6veuaav. 

Man fragt sich hier zunachst, warum denn die Gefangenen, 
die nicht geopfert wurden, alle auf gleiche Weise sollen getodtet 
worden sein; und ferner, weshalb Herodot diese Art der Hin- 
richtung nicht, wenn sie kein besonderes Interesse darbot, un- 
erwahnt liess, andernfalls aber, wenn sie durch ihre Grausam- 
keit oder irgend einen anderen Umstand bemerkenswerth war, 
nicht klar und deutlich bezeichnet hat (durch tou<; Zk ixex"* exsfooo 
dveaxoXorciaav oder etwas Aehnliches). Die zwei Worte entstam- 
men meines Erachtens dem Erganzungsbestreben eines Lesers, 
der den wahren Sinn der Stelle nicht verstand : ,die Thraker 
opferten den persischen Fliichtling einem einheimischen Grotte, 
und zwar nach den Brauchen ihres Volkes, seine Begleiter aber 
todteten sie (schlechtweg)'. 1 



1 Dass im Folgenden xoci vor a>; xateXajxPavovto zu tilgen ist, scheint mir 
selbstverstandlich; der die Construction sttfrende Zusatz ist hier eben 
bereits in den Archetypus eingedrungen, wie V, 87, 1 7 in den Stamm- 
codex der schlechteren Familie, Zeitschr fiir Csterr. Gymn. 1859, 826. 
Auch bei Abicht fehlt die Partikel im Texte, man weiss nicht, ob ab- 
sichtlich oder zufallig, da das Variantenverzeichniss dariiber schweigt. 



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[593] Herodoteische Studien IT. 75 

IX, 122 in. spricht Artembares zu Cyrus: ,fecet Zeb<; IHp- 
orpi ^YefxoviYjv 8t8ot, dv8pwv 8£ cot KOpe, xaTeX&v 'Agtuoiyyjv, q>£pe, 
•pjv y«P fett^jjieOa SXtyirjv xt£. 4 Der Schicksalsumschwung, welcher 
die Perser zum fiihrenden und herrschenden Volk erhoben hat, 
wird begreif licher Weise der Gottheit oder dem obersten Gotte 
zugeschrieben 5 dass aber auch der Sturz des Astyages nicht 
dem Cyrus als dem unmittelbaren Urheber dieses speciellen 
Ereignisses, sondern der entfernten obersten Ursache aller irdi- 
schen Vorg&nge beigelegt wird, dunkt mich in hohem Masse 
befremdend. Dieser Anstoss wtirde beseitigt, wenn wir mit S 
und einem Palatinus (denen Abicht folgt) cu an die Stelle von 
croi setzen diirften. Und in der That scheint uns nur die Wahl 
zu bleiben zwischen der Annahme dieser alten Conjectur (denn 
etwas Anderes ist sie nicht) und der Athetese jener zwei Worte, 
die sehr wohl von einem male sedulus lector (mit oder ohne 
Riicksicht auf VII, 8a: erceiTe 7capeXoc(3o|j(.ev tyjv ^YeixoviYjv t»5v8c 
icapa MyjSwv, Kupou xaTeX6vTo? 'AdTuaYYjv) an den Rand ge- 
schrieben sein konnen. Ich ziehe die letztere Alternative vor, 
weil es dem Sprechenden, der von Cyrus nichts Geringeres 
verlangt, als dass er den Persern neue Wohnsitze an weise, 
mehr darum zu thun sein muss, die Grosse seiner Macht 
als jene seines Verdienstes hervorzuheben. 1 Statt s^^ev 
und ox^ VT£< S ini Folgenden bieten SVR axwpiev und £x 0VTS S dar, 
zwei sinngem&ssere Lesarten, von denen auffalliger Weise nur 
die erstere bisher (bei Kriiger und vormals bei Stein) Billigung 
gefunden hat. 



1 Sprachlich ist die eine Auffassung und Schreibung so zul&ssig wie die 
andere; denn durch ocvSpcov konnen ebensowohl dieEinzelnen im Gegen- 
satze zur Nation wie die Menschen im Unterschiede von G Otters 
bezeichnet werden. Vgl. Herod. IV, 46, 19 — 20: ofrce yap £0vo; — otfxe 
av8pa xtI. Vlil, 93 in. : — fjxouaav 'EXXijvtov apiara Atyivrjxat, boi 8k 'AOijvaTbi, 
av8p&v 8k IIoXuxptTds xe xxi. IX, 71 in.: 'HptarstKjs 8k t&v Papp<xpa)V ice^b^ 
fikv 6 Ikp^cov, fcicoc 8k Sax&ov, av^p 8k Xeyetat Map8rfvio?. Hingegen A 761: 
7cavTe; 8** £u^6T(J(ovto 8ecov Aif, N£rrop{ x' avSpaSv. 



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76 Gomperz. [594] 



Excurs I. 

M in apodosi bei Homer. 

Bei der Behandlung derartiger Probleme ist die sachgemassse Classi- 
ficirung der Einzelfalle mehr als die halbe Ltfsung. Ich glaube, das bei 
Lahmeyer (s. oben S. 552) vollstandig zusammengestellte Material nach grossen- 
theils verschiedenen Gesichtspunkten wie folgt gruppiren zu mlissen. 

Ilias. 

I. Ae im Nachsatz als Wiederholung derselben oder einer 
anderen Adversativpartikel des Vordersatzes : A 58, 137, 324 (= 137); 
B 718; A 212 (vorher mittelst hi angereihter Zwischensatz, nach Nikanor's 
wohl richtiger Auffassung); K 439; Z 475; H 149, 314; I 167 (gehflrt kaum 
hieher, wie denn Bekker die Stelle parataktisch auf fasst und interpungirt •, ist 
nicht av in |iiv zu verandern: il 8' ays, tou? ph eycov sKirft|io[i.ai • ol hi 7ct8^a6wv ?), 
301; A 268, 409, 714; M 145 (wenn nicht vielmehr drap — als Wiederholung 
von auiap der Protasis — den Nachsatz beginnt); 321 (vorher mit hi an- 
gereihtes Satzglied), 745; II 199, 264, 706; P 733; S 545; T 55; r 448; 
4> 560; V 858; Q 15, 445 (vorher Zwischensatz mit hi). 

II. Temporale Perioden: A 194 (vorher mittelst hi angereihter 
Schluss der Protasis); A 221 (wo Nauck in den Addend, andern will); K 507 
(nahezu = A 193—194 und P 106—107); M 375 (vorher Zwischensatz mit hi)\ 
N 779 (wenn anders nicht tou8' [Wolf, Nauck] zu lesen ist) ; O 343 (wo Nauck 
andern will), 540; P 107 (106 = A 193 und 107 = A 221); S 258 (wo Nauck 
gleichfalls andern will); W 65 (nach langerem Zwischensatz). 

III. Temporale und relative Doppelperioden: B 189; I 509, 
511; K 419 (die Doppelperiode zwar verschrumpft, aber als einziger Fall 
einer Relativperiode doch wohl besser hieher, als unter II zu stellen), 490; 
M 12; T 42 (falls die Lesart xo^pa 8' die richtige ist), 48. 

IV. Gleichnisse oder analoge Wendungen: Z 146; 1 ^F 91 (wenn 
nicht etwa Bekker's Interpunction den Vorzug verdient). 



1 Die Schreibung xofo) 8e, welche Lahmeyer pag. 36 n. ,pro vulgato hucus- 
que Tou^e' empfiehlt, steht schon in Bekker's erster Ausgabe ; es war, 
wie die Scholien lehren, Aristarch's Lesart. Befremdlich ist es, dass 
Lahmeyer ebendaselbst (pag. 37) die lange Reihe der mit aOtocp £7ce{ 
beginnenden Stellen anfuhrt, ohne zu erkennen, dass das apodotische hi 
durch autap bedingt ist. 



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[595] Herodoteische Studien n. 77 

V. Eigentliches Anakoluth, durch begrifflichen Gegensatz (hi 
= iXki) oder die Construction stflrende Zwischensatze veranlasst: A 161 (§1 
= aXXa, nach e'wtep, wenn anders die Conjee tur 8^ statt z£ begriindet ist), 
262 (gleichfalls nach s'foep, vgl. aXXa anakoluthisch nach el oder s'utep, z. B. 
A 82 oder M 349); M 246 (desgleichen) ; <J> 53 (scheint eher hieher als unter 
I zu gehtfren); W 463. 

VI. Zweifelhafte oder doch vOllig vereinzelte Falle: B 322 
(fallt weg, wenn Nauck 321 mit Recht athetirt hat); E 261 (mag reine Para- 
taxis sein, nach a?); X 381 (gehOrt 8' jedenfalls nicht zum Nachsatz, auch 
wenn man es nicht mit'uns fur unerlasslich halt zu schreiben s?oc iyex', wie 
8 832, 8. S. 551); W 321 (wiirde unter HI gehtfren, wenn nicht der Sinn, wie 
ich denke, Nauck's Aenderung: ocXXo? jikv erheischte), 559 (s. ebend.). 

Odyssee. 

I. y ^M e 444 (falls nicht Bekker's und Nauck's Interpunction Bil- 
ligung verdient); £ 100 (wenn tat 8' ap — gegen Bekker und Nauck — zu 
lesen ist); i) 47, 185, 341 (falls wipuvov 8' — wieder gegen die zwei letzten 
Herausgeber — zu lesen ist); 6 25; i 182, 311 == 344; x 112, 366, 571; X 35, 
387 (falls die Stelle in Ordnung, s. S. 552); jx 54 (kann auch zu V gezogen 
werden), 164 (mit 54 fast identisch), 182; v 144; o 304, 439, 502; n 274 
(lasst sich auch zu V ziehen) ; a 60 (falls nicht mit Nauck und einem Theil 
der Handschriften .8' oder mit Bekker die Protasis zu tilgen ist); 9 255, 261, 
274; £ 458 (wenn nicht 8^ mit Nauck zu beseitigen ist; ich mtichte den 
Nachsatz erst mit 461 beginnen lassen); to 205, 422, 490. 

II. y 10 (nach 8^ im letzten Theile der Protasis); 8 121 (120 = A 193); 
e 366 (365 = A 193), 425 (424 = A 193); 540 (wenn nicht, mit Nauck, 
tou8' zu schreiben ist); x 126; p 359 (wenn die Verse nicht mit Nauck zu 
athetiren sind); u 57 (u 56 = W 62; der Gegensatz der Personen und der 
Handlung kommen vielleicht gleichfalls in Betracht), 77 (wo auch der Zwi- 
schensatz nicht wirkungslos sein mag). 

III. 1 57; X 148, 149; x 330 (wenn nicht tw8e mit Nauck zu lesen ist). 

IV. 7) 109. 

V. X 592 (Ausdruck getauschter Erwartung); £ 178 (desgleichen), 405; 
546 (erinnert an die herodoteische Gebrauchsweise) ; a 62 ; y 187 (Hesse 
sich auch unter II stellen, doch entsoheidend wirkten wohl die Zwischen- 
satze), 217. 

VI. 8 832 (s. S. 551); fi 42 (vielleicht two' zu lesen, sonst xw 8' nach 
oaits, wie sonst nur in Doppelperioden.) 

Man sieht, wie sehr nach Ausscheidung unserer Classe I die Zahl der 
Falle zusammenschwindet, wie viel auch von dem Rest auf formelhaft wieder- 
holte Wendungen fallt und wie zahlreich die speciellen Entschuldigungen, 
insbesondere bei den Instanzen unserer (vielleicht am wenigst feststehenden) 
Nr. II sind. Doch diesen Gegenstand hier weiter zu verfolgen, liegt mir 
feme. Nur gegeniiber Lahmeyer's mir vtfllig unglaubhafter Annahme ,8£ par- 
ticulam in apodosi positam respondere particulae ph in protasi' (pag. 13) 
mttchte ich darauf hinweisen, dass in vier von den sechs Fallen., die derselbe 



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78 Gomperz. [596] 

namhaft macht — iiber die zwei rathselhaften, auch durch die Verwendung 
anderer Partikeln aus dem Rahmen der Normalfalle heraustretenden Instanzen 
s. S. 551 — dem piv der Protasis sicherlich nicht das hi der Apodosis, sondern 
ein nachfolgendes ocXX' oxe 8^ (I 553), ocOxocp Ireei (M 13), vuv 8fe (L 261) und vjps 8' 
(i 57) entspricht. Dass dies sich wirklich so verhalt und die Aufeinanderfolge 
keine zufallige ist, kann das Fehlen jenes [lev in den sonst genau analogen 
Temporalperioden lehren. Und verlangt endlich Jemand nach einer geradezu 
entscheidenden Crucialinstanz, so findet er auch diese in A 84 ff. : 
oypcc [xev ^to; 9[v xat aeS-exo Upov ^[xap, 
xd<ppa jxaX' ocp^oTSptov p^Xe' fjrcTETO, tzikib 8k Xao; • 
*5[xos 8 s 8puio'[xo$ rcep av^p orcXfaaaTO Setrcvov xt£. 
verglichen mit t 56 ff. : 

ofp<x piv ^oj? y[v xai ae'ljero Upbv ^[xap, 
xd<ppa 8' aXs^ajxevoi (iivo(isv rcXe'ova; rap sdvxas • 
*[|A(K 8' ^Aio; [i£T£v^aa£TO PouXutovSe xt§. 
Von den zehn hesiodeischen Stellen, die Lahmeyer gesammelt hat, fallen 
sechs (8 58, 609, 800; hi\ 284, 333, 363) unter unsere Rubrik I, eine (0 600) 
unter IV, eine (ix^ 681) unter V — indem, wie ich meine, die zu einer 
Periode erweiterte Protasis das Fallenlassen der subordinirten Construction 
veranlasst hat — zwei endlich (0 155 und ex^ 323) sind in kritischer Be- 
ziehung ebenso anfechtbar wie angefochten. Die zwei gesicherten Instanzen 
aus Elegikern und Jambikern endlich vertheilen sich auf I (Tyrtaeus 12, 27) 
und IV (Theogn. 357 — wo die Wiederholung des 8^ aus der Protasis ge- 
rade wie bei Hesiod die alterthiimliche Kiihnheit mildern hilft — ); dahin 
gehtfrt schliesslich auch Archiloch. 32, falls die Anfiihrung bei Athenaus X 447 b 
ein abgeschlossenes Satzgebilde darbietet. 

Excurs II. 
Ermangelt Herodot's Work einer abschliessenden Redaction? 1 

Ueber diese im Laufe der letzten Jahre viel behandelte Controverse 
mtfgen hier noch einige kurze Bemerkungen Raum finden. Es kommen hierbei 
insbesondere die nachfolgenden Punkte in Frage: 

1. Die Wiederholung von I, 75 in. in VIII, 104 (S. Rawlinson I 3 , 
33). Die meines Erachtens richtige und endgiltige LBsung dieser Schwierigkeit 
hat schon Valckenaer gegeben: die letztere Stelle ist interpolirt. Zu 
den diesmal wohlbegriindeten Bemerkungen Stein's (zu VIII, 104 comm. 
Ausg.) tritt noch als vielleicht entscheidendstes Argument die Thatsache, 
dass die bessere Ueberlieferung (SVR) statt aup/pe'pETai das blosse yip ex at 



1 Ich fasse hier KirchhofFs stillschweigende Voraussetzung, das nicht zum 
Abschluss gediehene Geschichtswerk entbehre auch der letzten styli- 
stischen Feile, und Heinrich Stein's ungleich anspruchsvolleren Versuch, 
Spuren des ursprunglichen Werdeprocesses oder einer spateren Neu- 
bearbeitung des Werkes aafzuweisen, in eine Besprechung zusammen. 



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[597] flerodoteiiche Studien n. 79 

bietet (= fertur), eine Gebrauchsweise, die — nach dem Ausweis der Wtfrter- 
bticher wenigstens und soweit auch meine Kenntniss reicht — der alteren 
Sprache durchaus fremd ist. 

2. Kirchhoffs Folgerungen (Abfassungszeit 2 , 3 ff.) aus 1, 106 und I, 184: 
Herodot soil in Folge einer langeren Unterbrechung der Arbeit seine dort 
gegebenen Versprechungen einzultfsen vergessen und — wie wir hinzufugen 
mussen — diesen Widerspruch niemals bemerkt und berichtigt haben. Hier 
wiinschte man zu wissen, wie sich Kirchhoff mit einem Einwurf abgefunden hat, 
der viel zu naheliegend ist, als dass er einem so scharfsinnigen Forscher hatte 
entgehen ktmnen. Wenn wir eine liegen gelassene Arbeit wieder aufnehmen, 
pflegen wir doch zumeist das vorher Geschriebene durchzulesen; wie konnte 
der Verfasser eines Geschichtswerkes, dessen Composition eine so uberaus ver- 
schlungene ist, dies zu thun unterlassen? Und wenn er sich wunderbarer 
Weise dieser Unterlassungssiinde schuldig gemacht hatte, wie kann das noch 
grtissere Wunder glaubhaft werden, dass er in seiner ganzen weiteren Lebens- 
zeit nicht dazu gelangt ist, jene Partie seines Werkes anzusehen und sein 
voreilig gegebenes Versprechen mit einem Federstrich zu tilgen? Anstatt 
diese und andere kaum geringere Unwahrscheinlichkeiten hinzunehmen, glaube 
ich vielmehr mit Stein (Einleitung 4 , S. XLV— XL VI) und Anderen, insbe- 
sondere mit Rawlinson (zu I, 106) an die Abfassung und selbstandige Existenz 
der 'AaoiSpiot Xoyoi. 

3. Nicht haltbarer erscheinen mir die Consequenzen, die Kirchhoff 
a. a. O. aus I, 130 ableitet. Denn es heisst, wie ich meine, nicht, ,den Ge- 
schichtschreiber . . einer thOrichten und durch nichts gerechtfertigten Willkiir 
zeihen', wenn wir annehmen, er habe den Aufstand der Meder gegen den 
ersten Darius zwar einer beilaufigen Erwahnung, nicht aber einer ausfiihr- 
lichen Schilderung werth erachtet. Beruht doch der ganze Plan seines Werkes 
auf einer fortwahrend mit vollem Bewusstsein (vgl. VII, 96 und 99) geubten 
strengen Sonderung des Wesentlichen von dem Unwesentlichen, auf sorgfal- 
tiger Auslese des Wichtigsten und Wissenswiirdigsten aus der uniibersehbaren 
Fiille des ihm unaufhorlich zustrtfmenden Stoffes. Hat er doch beispielsweise 
— und dies ist, wenn ich nicht irre, schon langst bemerkt worden — aus den 
vielen Kriegsziigen des Cyrus nur drei zu eingehender Schilderung ausgewahlt. 

4. Weit berechtigter ist die Verwunderung daruber, dass der Historiker 
es unterlassen hat, die VII, 213 in Aussicht gestellte genauere Belehrung 
tiber die Tfldtung des Ephialtes durch den Trachinier Athenades seinen 
Lesern zu ertheilen. Es ist dies, so viel ich sehen kann, der einzige Punkt, 
der die Aufwerfung jener Redactions- oder Revisionsfrage uberhaupt ermtfg- 
licht. Allein ehe wir aus solch' einem ganz vereinzelten Vorkommnisse so 
weitgehende Folgerungen ziehen, werden wir gut daran thun, der Mtfglichkeit 
zu gedenken, dass eine Lucke des Geschichtswerkes jene wahrscheinlich sehr 
kurze Mittheilung verschlungen hat. Und eine solche Liicke zum Mindesten 
(im Ausmass von zwanzig Zeilen) ist VIII, 120 handschriftlich bezeugt, worauf 
Stein in diesem Zusammenhang verstandiger Weise hingewiesen hat. 

5. Dennoch hat eben derselbe Gelehrte — und nach ihm Andere, wie 
Rtfse in einem Giessener'Gymnasial-Programm vom Jahre 1879 : Hat Herodot 



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80 Gomperz. [598] 

sein Werk selbst herausgegeben? — von jener auf so sch wanker Grundlage 
ruhenden Hypothese einen Gebrauch gemacht, gegen den man nicht entschie- 
den genug Einsprache erheben kann. Ich will mich die Miihe nicht ver- 
driessen lassen, zum Mindesten die samnitlichen von Stein selbst vorge- 
brachten und zu IX, 83 zusammengestellten Behauptungen einer, wenngleich 
summarischen, Beurtheilung zu unterziehen. Derselbe glaubt namlich nach- 
tragliche Zusatze Herodot's zn seinem Geschichtswerke an folgenden 
Stellen zn erkennen: 

I, 18, 4 (comment. Ausg.), wo die Worte xa fiiv vuv — rcpoaefye evxsxa- 
[xe'vo)^ einen ,der nicht wenigen Zusatze' bilden sollen, ,womit der Autor den 
fertigen Text seines Werkes nachtraglich berichtigte oder erganzte'. Der 
unbefangene Leser mOge selbst entscheiden, ob meine in weit engere Grenzen 
eingeschlossene Athetese (s. I, 160) nicht ausreicht, jeden wirklichen Anstoss 
zu entfernen, und ob andererseits die von mir hervorgehobenen Anstttese 
durch Stein's Voraussetzung wirklich beseitigt werden. Ich frage hier nur: 
angenommen, jener Process habe wirklich stattgefunden, wie kann es mOglich 
sein, ihn mit einiger Sicherheit zu erkennen? Denn Herodot wo lite (falls 
Stein's Annahme uberhaupt richtig ist) diesen Zusatz mit dem Texte ver- 
schmelzen — man beachte die Anftigung mit xa [Wv vuv und ferner die 
Worte to; xat rcpoxcpov jjloi SsSrJXcoxai — und doch soil ihm das so we nig 
gelungen sein, dass der Kritiker seinen Finger auf jene Zuthaten legen 
und von ihnen sagen kann : sie ,heben in iiberraschender Weise das bisher . . . 
Erzahlte zum Theil wieder auf und unterbrechen iiberdies* u. s. w. u. s. w. 
— Und damit haben wir wohl den wundesten Fleck dieser ganzen Hypothese 
beriihrt. In der That: blosse Marginalzusatze lassen sich oft genug als 
solche erkennen (und mogen in einzelnen, wenngleich seltenen Fallen auch 
ihren Urheber verrathen), desgleichen doppelte Recensionen und andererseits 
eigentliche, absichtliche Interpolationen. Doch von alle dem ist hier nicht 
die Rede; vielmehr gilt es in der Mehrzahl der Falle, von der Hand des 
Verfassers herriihrende Ueberarbeitungen herauszufinden , womit dem 
menschlichen Scharfsinn eine, so viel ich sehen kann, schier unldsbare Auf- 
gabe zugemuthet wird. Miissten doch dergleichen Stiicke des Be- 
fremdlichen eben genug enthalten, um nicht ftir urspriingliche 
Aufzeichnungen des Autors, und nicht genug, um fur Interpola- 
tionen zu gelten! Wo ist der Kritiker, dessen Luchsauge diese haar- 
scharfe Linie mit Gewissheit oder auch nur mit annahernder Wahrschein- 
lichkeit zu erspahen vermi$chte? In Wahrheit entpuppen sich denn auch 
alle diese angeblich nachtraglichen Zusatze zum Theil als verderbte und 
interpolirte Stellen, zum andern Theil aber als vtfllig unverdachtige Stiicke, 
deren Verkniipfung mit dem Vorangehenden oder Nachfolgenden nur bisweilen 
einen Anstrich von Gewaltsamkeit besitzt, — ein Eindruck, der in der Ge- 
sammtanlage des herodoteischen Werkes tief begriindet ist und bei der schein- 
bar absichtslosen Verbindung so vielartiger Stoffe nicht leicht ganz zu ver- 
meiden war. Man erinnere sich doch der so haufig wiederkehrenden, auf 
Abschweifungen von dem ins Auge gefassten Ziele und auf die Riickkehr zu 
demselben bezuglichen Wendungen (l7tavei[xt h\ sjct xbv jcpoxspov ijta X^fwv 



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[599] Herodoteische Studien IT. 81 

Xoyov u. dgl. m.) und auch des principiellen Ausspruchs unseres Autors 
(TV, 30): rcpoaOijxocc yap 8ij fxoi 6 Xrfyo? 15 apx*fc £8£t)to, den doch kaum irgend 
Jemand mit einem neueren Herodot-Forscher so verstehen wird, als wollte 
der Halikarnassier sagen : ich bin von Anfang an darauf ausgegangen, mein 
Werk durch nachtragliche Zusatze zu erweitern! 

I, 125 hat Stein das Verdienst, die Stelle ?<jti hi Ilepaetov — SayapTtoi 
als ansttfssig bezeichnet zu haben. Allein den bedeutendsten Anstoss, der 
fur mich wenigstens in der Phrase i'axt. hi tocoe liegt (was heissen soil: die 
von Cyrus berufenen Stamme war en diese), insbesondere nach dem sprachlich 
so gleichartigen und sachlich so verschiedenen Satze ?<m hi — yivsa, raumt 
die Vermuthung nicht hinweg, der Autor habe diese Bemerkungen ,erst 
spater', ,ohne strenge Riicksicht auf den Zusammenhang des Textes* 
hinzugefugt. Auch der iibel gewahlte Aorist avsrcEiae — als ob der weiterhin 
erzahlte Erfolg hier schon bekannt ware — bleibt auf diese Weise unerklart. 
Die Stelle gilt mir als das Machwerk eines nicht kenntnisslosen, aber wenig 
sprachkundigen Interpolators. 

II, 58 wird zu IX, 83 mit aufgefiihrt; doch unterlasst es Stein, zur Stelle 
selbst etwas Derartiges zu bemerken. Man sieht: wenn nicht das Werk des 
Historikers, so scheint doch jenes seines Herausgebers einer endgiltigen und 
einheitlichen Redaction zu ermangeln. 

II, 127 hatte schon das in jenem Fall ganz bezuglose yip in oISte y«p 
OrcEcrci Stein vor der Anwendung seiner Lieblingshypothese bewahren sollen. 
Nur die Annahme einer kleinen Liicke (mit Abicht), etwa (aXXo>$ hi iv8es<jT^- 
p7)v), nach tocutoc — ijieTpijaajisv, thut den Bedingungen des Falles ein voiles 
Gentige. 

II, 156 fin. wird das Zusammengeh^rige nicht erst ,durch die spater 
eingefUgte Bemerkung iiber Aeschylos*, sondern bereits durch die zwei, auf 
die Verwandtschaftsverhaltnisse und Benennungen agyptischer Gottheiten 
beziiglichen Satze getrennt. Sollen auch diese auf spaterer Zuthat beruhen? 
Man kann das Eine so gut wie das Andere behaupten ; nur durfte es einiger- 
massen schwierig sein, auf dieser abschiissigen Bahn zu rechter Zeit inne 
zu halten. 

III, 89 mag man einen Augenblick dariiber stutzig werden, dass die 
Ankundigung xoctoc Tdt8e SieTXe erst nach mehr als zehn Zeilen zu ihrem 
Rechte gelangt. Allein wie sollten die Mittheilungen liber die HOhe der 
persischen Tribute dem griechischen Leser verstandlich werden, ehe er iiber 
die Bedeutung der dabei angewandten Massgewichte aufgeklart ist? Und da 
nun die Darstellung einmal — nothwendiger Weise, wie auch Stein anzu- 
erkennen scheint — aus ihrem Geleise gekommen ist, was Wunder, dass der 
Geschichtschreiber nicht sofort wieder in die gerade Strasse einbiegt, sondern 
eine Bemerkung hier einschaltet, fur die er sonst nicht leicht eine ange- 
messene Stelle gefunden hatte? Das mag nicht ubermassig kunstvoll sein, 
aber es ist der echte und rechte Herodot. Nicht viel anders steht es um 

III, 98, eine Stelle, die auf den ersten Blick mehr als irgend eine 
andere zu Gunsten der Stein'schen Hypothese zu sprechen scheint. Hier 
wird die Ankundigung einer Schilderung (rporcto xouji&s xxtovxai) von dieser 



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82 Gomperz. [6001 

selbst durch nahezu funfzig Zeilen getrennt. Aber der Uebergang von einem 
Thema zum anderen ist jedesmal ein vtfllig sach- und naturgemasser, und 
w&hrend der Historiker von seinem Gegenstande abzuschweifen scheint, liest 
er unterwegs alle Elemente seiner spateren Darstellung wie zufSllig anf: 
die Sandwiiste an den Grenzen Indiens, die ,streitbarsten' Inder, welche eben 
die goldgewinnenden sind (im Unterschied von und im Zusammenhang mit 
den iibrigen Stammen des weiten Landes, ihren Sitten und Brauchen), end- 
lich jene Riesenameisen , welche bei der Gewinnung des Goldes in der 
Sandwiiste eine so bedeutende Rolle spielen. Wer hier etwas als ,spateren 
Zusatz' ausscheiden will, kann wieder nicht einfache Randbemerkungen aus- 
schalten, sondern er muss eine vollstandige Umarbeitung der Stelle voraus- 
setzen, beziehungsweise vornehmen. Und welche uniibersteigliche Hinder- 
nisse solch einem Beginnen entgegenstehen, glauben wir bereits sattsam ge- 
zeigt zu haben. Bei 

III, 131, 12 — 15 brauchen wir uns um so weniger aufzuhalten, da 
Stein's eigene Bemerkungen: ,eine gelehrte chronologische Notiz', ,ohne 
klaren Bezug zum Vorhergehenden* (aber doch an dieses gekniipft, daher 
keine blosse Marginalglosse, ktinnen wir hinzufugen!), ,eine unleidliche 
Tautologie' u. s. w., nur dazu dienen ktfnnen, die Stelle als Interpolation zu, 
kennzeichnen (so schon Abicht), womit wir von Herzen einverstanden sind. 
Zur Zeit, da Herodot, Jedenfalls erst nach Vollendung des Ganzen', diese 
und ahnliche Stellen seinem Werke einfugte (was iibrigens Herr Stein dies- 
mal nicht mit voller Zuversicht behaupten will), muss seine Geisteskraft 
bereits erheblich gelitten haben. 

IV, 2 uberhebt uns der Wortlaut von Stein's Anmerkung jeder Ent- 
gegnung. ,Das sowohl seinem Inhalte nach sehr problematische, als 
in den Zusammenhang schlecht passende Capitel scheint erst nach- 
traglich vom Verfasser eingesetzt zu sein.' Man lese: scheint interpolirt 
zu sein, und man hat aus den diesmal sehr wohlbegrundeten. Pramissen den 
allein angemessenen Schluss gezogen. (Kriiger und Abicht halten die Stelle 
fur luckenhaft.) 

IV, 14 und 15 ,werden erst nachtraglich hinzugekommen sein', weil 
— nun, weil Herodot's Herausgeber es verwunderlich findet, dass dieser nach 
Abschluss einer Episode mittelst der in diesem Falle ganz gewOhnlichen 
Redewendungen (Apiare'to (i^v vuv nipi roaauia e?pija0to. t^; hi 7^5 xfj? jcept 
o§£ 6 Xrfyo; ojppjTai X^yeaSai xxi. c. 15 — 16) zu seinem Hauptthema zuriick- 
kehrt. Die zuversichtliche Diagnose, vermOge welcher 

IV, 86 fin. der parenthetische Satz noLpiyzTou 81 xai — [xiJTrjp tou 
IIovtou fur ,eine nachtraglich zugefiigte Notiz 4 erklSLrt wird, darf mit Fug unser 
Staunen erregen. Wieder handelt es sich nicht etwa um eine abgerissene, 
unverbundene Randbemerkung, sondern um einen Satz, der echt oder unecht 
sein mag, dem aber wahrlich Niemand die nachtragliche Hinzufugung vom 
Gesichte ablesen kann. Doch was soil man erst zu jener Musterleistung 
kritischer Mantik sagen, die uns zu 

V, 27 begegnet? In dieser allerdings schwer beschSLdigten Stelle (die 
jedenfalls zugleich luckenhaft und interpolirt ist) erkennt Stein nicht weniger 



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[601] Herodoteische Studien II. 83 

als Tier verschiedene Schichten: den urspriinglichen Text, eine nachtragliche 
,Randnote* des Autors, welche dieser ,spater mit dem Context zu ver* 
schmelzen* beabsichtigte, die aber eine ungeschickte Hand ,unpassend* in den 
Text ,eingefiigt* hat, und endlich die Zuthat eines noch Spateren, der ,den 
hierdnrch zerstBrten Zusammenhang* wieder ,herzustellen* bemiiht war. Thut 
es wirklich Noth, iiber diese Art von Textes-Geologie ein Wort zu verlieren? 
VI, 69 und 60 (zwei auf die Uebereinstimmung einiger spartanischer 
mit persischen und agyptischen Einrichtungen beziigliche Capitel) sollen, 
,wenn sie auch vom Verfasser herruhren, doch wohl erst nachtraglich in den 
Text gekommen* sein. Warum? Weil sie ,nebensachliche Bemerkungen* 
enthalten. Herr Stein scheint also von der nicht eben gewtfhnlichen Voraus- 
setzung auszugehen, dass ein Autor bei der ersten Abfassung seines Werkes 
kritischer und wahlerischer verfahrt als bei der Revision oder Neubearbeitung 
desselben. Nebenbei wird ein formales Bedenken, nicht gegen die beiden 
Abschnitte, sondern gegen die letzten zwei Zeilen des zweiten derselben er- 
hoben, welches mir wenig begriindet scheint. Es ist von der Erblichkeit 
gewisser Berufszweige in Sparta die Rede, und da scheint es denn Herodot 
besonders bemerkenswerth, dass iiber die Wahl von Herolden nicht, wie 
anderwarts, die Stimmbegabung, sondern nur die Abstammung entscheidet. 
Ich kann nicht im Entferntesten finden, dass in den Worten ou xaxa Xaprcpocpoo- 
v(t)v £7ttTi0^[ievot aXXot <j<p^a$ 7tapaxX7)tou<ji, aXXa xaia toc rcaTpia irciTeX&uai ,das 
Asyndeton* (an der Spitze des das Vorangehende weiter ausfuhrenden Satzes) 
oder ,der lose 4 (soil wohl heissen ausschliessliche) ,Bezug auf den ein en 
Stand der Herolde* (mit o\ xijpoxe? begann die Aufzahlung jener Stande, mit 
xfjpul- x?(puxo? schliesst sie wieder ab) ,den flttchtigen Anmerker verrathen. 
Die zwei Capitel geben meines Erachtens zu kritischen Anfechtungen irgend 
welcher Art nicht den allermindesten Anlass. 

VI, 79. Die parenthetische, auf die Htfhe des im Peloponnes iiblichen 
LOsegeldes ftir Gefangene beziigliche Notiz mag man als nicht zur Sache 
gehOrig immerhin beanstanden und demgemass athetiren. Allein Stein's 
Lieblingsauskunft ist unbedingt unanwendbar ; denn die Art der Anknupfung 
ist die beste, welche die Sache irgend zuliess, und Herodot hatte die Notiz, 
falls er sie vom Rande in den Text zu verpflanzen beabsichtigte , wieder 
genau so fassen miissen, wie wir sie bereits jetzt in diesem lesen. 

Zu VI, 98 fin. (dem Versuch einer Wiedergabe dreier persischer Ktfnigs- 
namen) lesen wir: ,Die Stelle ist verdachtig, nicht ihres Inhaltes oder ihrer 
Sprache wegen, sondern weil sie nur einen zufalligen Zusammenhang mit 
dem Vorhergehenden hat und wie eine gelehrte Randnote aussieht. Dennoch 
mag sie von Herodot herruhren.* Wenn freilich unser Historiker die leidige 
Gewohnheit hatte, den Rand seines Handexemplars mit allerhand ungehflrigen 
Auslassnngen anzufiillen, so ist die Aufgabe seiner Herausgeber eine recht 
missliche geworden. Weniger conservative und minder phantasievolle Kritiker 
werden allerdings Wesseling's Athetese mit beiden Handen unterschreiben 
und sich auch des Umstandes erinnern, dass die unmittelbar vorangehenden, 
in einem Theil der Handschriften fehlenden Zeilen einmiithig verurtheilt 
werden. Die Bemerkung zu 

6 



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84 Gomperz. [602] 

VIE, 20, 5 scheint uns so vollstandig aus der Luft gegriffen, dass man 
sich wohl der Miihe enthoben erachten kann, sie eingehend zu widerlegen. 
Wo konnte wohl Herodot diesen ,Excurs fiber das Verhaltniss des Xerxeszuges 
zu frilheren Expeditionen' besser unterbringen, als an der Stelle, wo er von 
den riesigen, vier voile Jahre in Anspruch nehmenden Vorbereitungen zu 
diesem Kriegszuge gesprochen hatte? Wie man hier von einem ,losen sach- 
lichen Verbande' sprechen kann, ist mir ein Rathsel, und auch die sprachliche 
Anknupfung : ,Xerxes zog ingenti copiarum manu (Stein's eigene UebertragungJ 
ins Feld: denn ftirwahr einen gewaltigeren Kriegszug hat es nie gegeben* 
u. s. w. bedarf keiner Rechtfertigung. 

VII, 96 in. soil das Satzchen ercEJEaTeuov — Saxat ,spater nachgefugt' 
sein. Dass eine auf die gesammte Flotte bezugliche Angabe nirgends besser 
am Platze ist als am Ende der Aufzahlung der einzelnen Schiffscontingente, 
dtirfte Niemand leugnen. Doch ist ein Mangel an Concinnitat hier sowohl 
wie in den nachsten Satzen (toutwv 8e — . xoutotai rcaai — .), die auch 
Stein nicht fur spatere Zuthaten halt, nicht zu verkennen. Der Grund dieses 
stylistischen Mangels ist meines Erachtens ein sachlicher: er liegt in der 
Schwierigkeit, mehrere von einander unabhangige thatsachliche Einzelan- 
gaben in angemessener Weise zu verbinden. 

VII, 106, 4. Die auf diese Stelle bezugliche Bemerkung (zu Z. 11) 
habe ich zu wiederholten Malen gelesen, ohne mich doch des Verstandnisses 
vtfllig sicher zu ftthlen. Es mag mir daher erlaubt sein, dies eine Mai, wo ein 
missbilligendes Urtheil so leicht einem Missverstandniss entspringen kOnnte, 
Stillschweigen zu iibeu. 

VII, 113, 4 nennt Stein die Worte exi £a>o; eo>v nicht mit Unrecht ,fiir 
das Verstandniss mehr als entbehrlich*. Da nun in demselben Satze 
auch eine sprachliche Absonderlichkeit sich findet: Xdyov 7coteia0ai, wo Herodot 
sonst fj.vijp.7jv 7:oi£ta6at zu sagen pflegt, so liegt die Annahme nahe, diese 
anstOssigen Worte seien eingeschoben und des Geschichtschreibers einfache 
Angabe if); r^p^e BoYrj; sei von einem iibereifrigen Leser, der sich des vor- 
her erzahlten Todes jenes Persers (c. 107) und zugleich einer ahnlichen, aber 
doch auch verschiedenen Wendung (IV, 16) erinnerte, zu dem wenig ge- 
schickten Satz erweitert worden, der uns jetzt vor Augen liegt. Warum aber 
der sein Werk revidirende Autor das an den Rand geschrieben haben soil, 
was ,fiir das Verstandniss mehr als entbehrlich ist', dies ist mir mindestens 
wenig begreiflich. Zu 

VII, 137, 12 wird der den Aneristos, Sohn des Sperthias, naher bezeich- 
nende Satz 8§ eTXg — rcXrjpeY av8pwv als ein ,iiberflussiger, notizenartiger 
Zusatz 4 bezeichnet. Dieser Einwand kann sich nur gegen den In halt des 
Satzes richten und miisste, falls er (was meine Meinung nicht ist) begriindet 
ware, seine Tilgung zur Folge haben. Die Form ist vBllig anstandslos ; 
sie ist eben diejenige, in welcher Herodot ihn schliesslich in den Text zu 
setzen gewillt sein musste ; wozu kann also die Muthmassung dienen, dass er 
ihn vorerst am Rand verzeichnet habe? Zu 

VH, 162, 7 nennt Herr Stein die Worte to sOs'Xsi X^veiv (mit Eltz, 
p. 332 — 333) ,die erklarende Randnote e i n e s Lesers'. So hat denn 



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[603] Herodoteische Studien II. 85 

offenbar ntir ein lapsus memoriae die Anfiihrung dieser Stelle zu IX, 83 
veranlasst und somit den Schein erzeugt, als halte Herr Stein den sein Werk 
revidirenden Autor selbst fur eben den Leser, der die Worte outo; 8e 6 voo$ 
tou (&7J|AaTo$ durch die am Rand verzeichnete Phrase to e0&ei Xeyeiv zu 
glossiren fiir gut befunden hat. Bei 

VII, 191 jedoch gibt es keine derartige Zweideutigkeit. Hier erfahren 
wir, dass die Satze urspriinglich anders und besser zusammenhingen und 
dass — dies wird uns mit einer Zuversicht mitgetheilt, die uns fiiglich ver- 
bluffen darf — ,erst nachtraglich Herodot die Episode von Ameinokles 
eingeschoben und jenen Zusammenhang gelockert* hat. Mit an- 
deren Worten : der Herausgeber findet eine Stelle nicht in wiinschenswerther 
Ordnung und weiss dafiir keine glaubhaftere Erklarung als die Annahme, 
dass der Verfasser sein eigenes Werk nachtraglich verdorben hat! Warum 
freilich der treff liche Schriftsteller ein so linkischer Revisor gewesen sein soil, 
dieses Rathsel bleibt hier und anderwarts ungelflst. Denn, wohlgemerkt, nicht 
den Mangel einer letzten Redaction, sondern eine vom Autor selbst verschul- 
dete Verballhornung seines Textes meint Herr Stein und muss er meinen*, 
sieht doch jene Episode einem blossen vorlaufigen Marginalzusatz so unahnlich, 
dass sie weit eher ein Zuviel als ein Zuwenig von Ausarbeitung aufweist und 
durch einen — von der Umgebung sich merklich abhebenden — eigenthum- 
lich gespreizten und pratentiflsen Ton den Verdacht einer, freilich uralten, 
Interpolation wachruft. Und dieser Argwohn wird allerdings dadurch erheb- 
lich verstarkt, • dass die Ausscheidung des Stuckes eng ZusammengehOriges 
naher aneinander rllckt. Ganz ebenso wenig wird Herr Stein behaupten 
wollen, dass 

VH, 193 der von ihm anstOssig gefundene Participialsatz noaetoscjvo; 

— vo(xfi^ovT£? eine Randnotiz des Autors sei. ,Der Zusatz ist wohl erst spater 
vom Autor nachgetragen', — diese Bemerkung kann auch hier nur besagen 
wollen, dass Herodot sein Werk mit so beispiellosem Ungeschick revidirt 
hat, dass wir auf Schritt und Tritt seine nicht bessernde, sondern ver- 
schlechternde Hand erkennen. Wem der brachylogische Ausdruck fiir 
sprachwidrig gilt, dem bleibt nichts tibrig als die Auskunft der Athetese; 
uns freilich scheint der Umstand, dass der Subjectbegriff des Participialsatzes 
ein einigermassen weiterer ist als jener des Hauptsatzes (,sie benannten und 
man benennt noch heute 4 ), keinerlei kritischen Eingriff zu rechtfertigen (vgl. 
Krtiger 57, 9, 1—2). — Zu 

VII, 210 macht Stein mit vollem Recht darauf aufmerksam, dass der 
herbe Tadel uber die Untiichtigkeit der persischen Truppen (ofjXov o° iizoUw 

— oXty 01 ^s avSps;) zur ,Schilderung des rastlosen Angriffs* derselben durchaus 
nicht stimmen will. Allein heisst es diese Schwierigkeit hinwegraumen, 
wenn wir annehmen, dass der Autor die Worte ,wohl erst spater eingefttgt* 
hat, ,an nicht eben passender Stelle'? Ich kann nur mein Unver- 
mogen eingestehen, dieser Bemerkung irgend einen verstandlichen Sinn ab- 
zugewinnen; denn (so bemerkt dies eine Mai auch Herr Tournier, Exercices 
critiques pag. 140) ,comment il a pu echapper a Herodote que cette addi- 
tion le mettait en contradiction avec lui-meme, c'est ce qu'il n'eut pas 

6* 



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86 Gomperz. [604] 

etc" superflu d'expliquer*. Das kritische Hilfsmittel, zu welch em wir 
immer dann greifen mfissen, wenn ein an sich vortrefflicher Satz ,an nicht 
eben passender Stelle* erscheint, ist die Transposition; und so darf man 
wohl vermuth en, dass die Darstellung des erfolglosen Eampfes der feind- 
lichen Ueberzahl mit dem wunderbar tapferen Hanflein der Griechen durch 
eben diesen emphatischen Ansspruch abgeschlossen wurde. Am Schluss des 
c. 212 (unmittelbar vor den Worten: cbropsovTO? hi pa<jtXeo$ xtI.) diirfte seine 
urspriingliche Stelle gewesen sein. (Dazwischen liegen 29 Zeilen der Stein'- 
schen Ausgabe, das Vierfache des Zwischenraumes, den wir bei der einzigen 
anderen von uns als ntfthig erachteten Umstellung — III, 143 — an- 
nehmen mussten. Darf man hierin einen anf die Einrichtung des Arche- 
typus beziiglichen Wink erblicken?) 

VII, 223 liegt ohne Zweifel ein Textesschaden vor. Mit der Verlegung 
des Kampfplatzes auf den freieren Raum vor der Passenge (e? to eOpuiepov 
too ocu^svos) mussten die Verluste auf beiden Seiten wachsen. Allein w&hrend 
der Geschichtschreiber den Vorgang im Einzelnen auch thatsachlich so dar- 
stellt, so gilt doch seine darauf bezugliche allgemeine Bemerkung (etcitttov 
7cXij0eY rcoXXoi Ttov PapPapwv) nur dem einen Theil, und zwar demjenigen, auf 
welchen dieselbe jedenfalls geringere Anwendung fand. Da nun ferner in 
den Worten rcoXXoi ph hr\ — un' aXXijXow noch von den Barbaren die Rede 
ist, die unmittelbar folgenden vjv hi \6yo$ oC8eU tou cfo:oXXu|Ae'vou aber (wie 
die Begrtindung octe yap xtI. zeigt) sich auf die Griechen beziehen und es an 
jedem vermittelnden Uebergange fehlt, so lasst sich — wie Dobree (advers. 
pag. 40) einsah — kaum an dem Ausfall eines Satzchens zweifeln, welches dieser 
zwiefachen Anforderung Genftge leistete, und das, wie der soeben genannte 
Kritiker vermuthet hat, etwa also lautete: (frctTcrov 8e xdipta izoXkoi aat toW 
'EXXiJvojv). Diese Annahme erledigt alle Schwierigkeiten, denn in dem Sub- 
jectswechsel : tote hi ou[X[x(ayovTE? — Ittiktov xtI. vermag ich keine solche zu 
erblicken; bereits das Particip bezeichnet ja eine beiden Theilen gem e in- 
same Handlung, und ist es doch, als ob Herodot sagen wollte: tote 8e <ju[x- 
{i(ayovT£; — Ircurrov aji^oiEpoi tcX^OeV noWol, eine Ausdrucksweise, die nur 
um des bequemeren Ueberganges zur Einzel darstellung willen in ihre beiden 
einander folgenden Bestandtheile zerlegt wird. (Vgl. auch die Zusammen- 
stellungen der Herausgeber zu I, 33 und was wir zu I, 31 bemerkt haben.) 
Stein's Vermuthung einer nachtraglichen Abfassung von Z. 10 — 16 aber 
unterliegt nicht nur unseren nunmehr bereits so oft wiederholten Einwen- 
dungen, sondern iiberdies noch einem speciellen, an sich kaum abzuweisenden 
Einwurf : wie viber alle Massen unwahrscheinlich ist es doch, dass der Histo- 
riker den integrirenden Theil eines Gesammtvorganges — und zwar an einem 
Htthepunkte seiner Geschichtsdarstellung! — erst nachtraglich erfahren, oder 
wenn er ihn schon frtiher kannte, nicht sofort in die Erzahlung verwoben 
hat! — Doch es ist nicht immer leicht, iiber diese Willkiirannahmen mit 
ernster Miene zu verhandeln, am allerschwersten vielleicht zu 

VII, 238. Xerxes lasst dem todten Leonidas den Kopf abschlagen und 
der Geschichtschreiber bemerkt dazu, dieser an einem Leichnam vertibte 
Frevel sei wohl der starkste Beweis daflir, dass der PerserkOnig keinen an- 



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["£05] Herodotei8che Studien II. 87 

deren Menschen so sehr gehasst habe als den heldenhaften Vertheidiger der 
Thermopylen. Was kann wohl besser zusammenhangen ? Weil aber nach 
Zf[koL (in OTjXa uot TroUotai ph xtL) die zu erwartende Verbindungspartikel 
wv, vuv oder dgl. fehlt, — so soil — nicht etwa eine solche ausgefallen, 
(Kruger will 8s einschalten) sondern ,die Bemerkung wohl spater nachgefiigt 
sein'! Wer, der nicht schon von der Wahrheit jener Hypothese uberzeugt ist, 
wird sie auf solche Griinde hin annehmen wollen, und selbst welcher Adept 
der Lehre wird diese ihre Anwendung billigen kOnnen? Setzt dieselbe doch 
voraus, dass Herodot jenen Satz, der ganz und gar in seiner gewohnten 
Manier geschrieben ist (rcoXXotat psv xoci aXXoiat TS/[A7)p(ot<jt, Iv 8s xai tco8s!) 
und einer provisorischen Randnotiz so wenig gleicht wie irgend ein Kunst- 
product seinem Rohstoff, zur Aufnahme in sein Werk vOllig fertig gestellt 
und nur eben die Einschaltung jener Partikel — wir miissen wohl sagen, einer 
zweiten Revision vorbehalten hat ! — Zu 

VII, 239 verwickelt sich Herr Stein in einen Widerspruch, dessen 
AuflOsung wir ihm selbst iiberlassen miissen. Er findet ,das Geschichtchen 
von Demaratos' Brief*, welches den Inhalt des Capitels bildet, ,hier um so 
passender untergebracht, als* u. s. w. Er erhebt auch gegen ,die 
ganze Uebergangsformel', welche den Abschnitt an das friiher Erzahlte an- 
kniipft und die er eingehend erlautert, nicht den mindesten Einspruch, eben- 
so wenig gegen darin enthaltene sprachliche oder sachliche Einzelheiten. 
Dennoch wird derselbe zu IX, 83 unter den ,Nachtragen* angefuhrt. 
Warum, wissen wir nicht; uns freilich gilt Kriiger's Nachweis, dass ,dies 
ganze Capitel ein ungehOriges Einschiebsel' ist, fur vollstandig gelungen 
und gesichert. 

IX, 73 soil wieder Herodot den Satz: oOxo) o><jts — ajr^saOat mit so 
argem Ungeschick interpolirt oder, wie Herr Stein dies ausdriickt ,wohl erst 
nachtraglich eingesetzt* haben, dass wir die Fuge ohne Wei teres als solche 
erkennen. Der Satz gewinnt jedoch alsbald den vermissten ,passenden An- 
schluss an das Vorhergehende*, wenn wir die Einzelvorstellungen der ,Proe- 
drie* und ,Atelie' zum Gesammtbegriff der ,ehrenden Auszeichnung* oder 
(wie der Zusammenhang es erheischt) der ,Bethatigung der Dankbarkeit* 
erweitern. Doch wozu viele Worte? Wie mag nur Herr Stein selbst die 
Stelle ttbersetzen? ,Von diesem Dienste her* (so lautet seine Uebertragung) 
,geniessen die Dekeleer in Sparta Freiheit von Steuern und Ehrensitz bei 
den Spielen noch bis auf diesen Tag, dergestalt, dass selbst noch in dem 
Kriege . . . die Lakedamonier . . . allein Dekeleas verschonten.' Eine Frei- 
heit der Ankniipfung also, die der deutsche Uebersetzer sich unbedenklich 
gestattet, sollte dem Autor verwehrt sein, der griechisch schrieb, d. h. 
in einer Sprache, die von aller pedantischen Wortgerechtigkeit freier ist als 
vielleicht jede andere!! Herr Stein bemerkt freilich noch: ,Ware, wie ver- 
muthet worden, dieser Abschnitt der Erzahlung erst zur Zeit des Krieges ge- 
schrieben, so ware die ganze Aufzahlung der Ehrenrechte, die doch nur im 
Frieden galten, recht seltsam.* Was soil man, da es nicht als hOflich gilt, ein 
gegnerisches Argument zu ignoriren, darauf erwidern? Doch wohl nur, dass 
der Ausbruch eines Krieges nicht jede Erinnerung an die vorhergegangene 



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88 Gomperz. Herodoteische Sf.udicn II. [606] 

Friedenszeit auszultfschen pflegt, und dass der Kriegszustand stets als eine 
zeitweilige Unterbrechung der normalen Friedensbeziehungen gegolten 
hat. Zu 

IX, 83 endlich geniigt es glucklicherweise, aut* Kriiger zu verweisen, 
mit dessen Verwerfungsurtheil ich vollstandig iibereinstimme. Stein's An- 
nahme, dass der nichtssagende Notizenkram, der dieses Capitel ausfiillt, ,nicht 
bei der ersten Verfassung geschrieben' sei, erscheint diesmal wie immer als 
ein ebenso beweisloser wie unzullinglicher Nothbehelf. Kann jener Klein- 
kram iiberhaupt von Herodot selbst herrtihren, so mag er ihn ganz ebenso 
wohl sogleich in den Text, als vorerst an den Rand geschrieben haben (wenn 
letzteres Stein's Meinung ist); ja in solchem Falle ware, wie wir schon ein- 
mal bemerken mnssten, eine nachtragliche Ausmerzung weit eher zu erwarten 
als eine nachtragliche Hinzufiigung. So darf man denn dieser ganzen, so 
unbegriindeten als unergiebigen, kein Problem lOsenden oder auch nur ver- 
einfachenden, Schwierigkeiten nicht hinwegraumenden, sondern haufendenHy- 
pothese gegentiber wohl an den alten Grundsatz der Scholastiker erinnern: 
entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem. 



Nachtrag. 

Zu VIII, 79, 15: So lange nicht Jemand den Beweis liefert, dass xoctpo<; 
in alter Sprache genau so viel wie x.P 0V0 ^ bedeutet, wird man statt sv xg xw 
a'XXw xaipo) zu lesen haben: h z( xew aXXw xatpw. ; 

Hatte ich rechtzeitig bemerkt, dass Stein in der letzten Auflage des 
zweiten Heftes seiner comment. Ausgabe (1881) den S. 535 besprochenen 
Aenderungsvorschlag zu II, 65, 1 7 fallen gelassen hat, so waren meine hierauf 
beziiglichen Bemerkungen naturlich unterblieben. Ein gleichartiges Versehen 
hat es verschuldet, dass meine Aeusserung (S. 538) iiber Kruger's Anmerkung 
zu II, 84 fin. nicht einigermassen modificirt und jene iiber seine Erklarung 
von II, 86, 8—9 nicht getilgt worden ist. 



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